Aachen - Johannes Fried: einer der bedeutendsten Mittelalter-Historiker

Johannes Fried: einer der bedeutendsten Mittelalter-Historiker

Von: Peter Pappert
Letzte Aktualisierung:
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Die Geschichtswissenschaft ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Dem würde der Historiker und Buchautor Johannes Fried nicht widersprechen – im Gegenteil. Er würde es als Kompliment auffassen. Sein Opus magnum „Karl der Große – Gewalt und Glaube“
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Die Pracht des Mittelalters: Karlsbüste aus dem Aachener Domschatz. Foto: stock/Schöning

Aachen. Von Aachen aus ist die Welt verändert worden. Das hören die Kaiserstädter gerne – zumal aus berufenem Mund. Johannes Fried, einer der renommiertesten deutschen Historiker, hat es vor einigen Tagen beim sogenannten Krönungsmahl im Aachener Rathaus so gesagt. Er meinte damit, dass vom Hof Karls des Großen eine „zukunftsträchtige Rationalität“ ausgegangen sei, „eine neue Wissenskultur, die uns noch heute hilft, die Welt zu verstehen und zu ordnen“.

Ein schönes Lob für Aachen also – aber im Interview mit unserer Zeitung äußert Fried, der dem Wissenschaftlichen Beirat für die drei Aachener Karlsausstellungen im Jahr 2014 angehört, auch deutlich Kritik, die eine würdige Aachener Institution betrifft: den Karlspreis.

Herr Professor Fried, wer hat Karl zuerst den Großen genannt? Woher kommt das?

Fried: Das wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass er etwa seit dem Jahr 1000 regelmäßig so genannt wird. Vorher heißt es immer Carolus magnus Imperator – der große Kaiser Karl. Dann verselbstständigt sich das: Das magnus wird zum Eigennamen gezogen; es wird zum Eigennamen.

Trägt er den Titel zurecht?

Fried: Ja, auf jeden Fall. Er ist einer der Großen der Weltgeschichte. Im Maßstab der heutigen westlichen Welt einschließlich Nordamerikas ist Karl der Große sicher einer der bedeutendsten Herrscher überhaupt.

Kannte Karl der Große den Begriff Europa? Hat er ihn benutzt?

Fried: Nein. Es gibt zwei Zeugnisse, die ihn mit Europa in Verbindung bringen: das Karlsepos, das ihn „Leuchtturm Europas“ und „Vater Europas“ nennt, und eine Aussage von dem Iren Cathuulf, der ihn als „Herrscher Europas“ bezeichnet. Beiden Zeugnissen fehlt aber eine klare Vorstellung von Europa; sie haben keinerlei politische Zielsetzung. Karl und Europa sind in einem politischen Sinne erst im Dritten Reich zusammengebracht worden.

Ist es dann problematisch, einen europäischen Preis für Verdienste um Europa Karlspreis zu nennen?

Fried: Ich halte es für sehr pro-blematisch und überholt.

Ihr Buch trägt den Untertitel „Gewalt und Glaube“. Wenn man den Bildungsförderer hinzufügt, ergibt sich der Dreiklang: Kriege führen, die Kirche schützen, die Kultur fördern. Worin war Karl am größten? Was macht am ehesten seine eigentliche Bedeutung aus?

Fried: Von einem Dreiklang würde ich nicht sprechen. Die Gewalt übte er mit seinen Kriegen nach außen, aber auch nach innen aus. Er war ein Herrscher, vor dem man sich fürchten muss. Der Glauben wiederum ist das Ziel, für das er die Bildung erneuerte. Die Leute beherrschten Latein nicht mehr ausreichend. Karl hat sich darum bemüht, dass die Geistlichkeit insgesamt – bis hinunter zum letzten Dorfpfarrer – Latein lernt.

Also Bildung als Mittel zum Zweck, als Grundlage für den Glauben.

Fried: Ja – Bildung, um die Bibel, die Kirchenväter und schlichtweg das Glaubensbekenntnis zu verstehen. Diese Erneuerung der Bildung macht die Bedeutung Karls des Großen aus.

Und es ging ihm dabei in erster Linie nur um den Glauben?

Fried: Ja, aber es bekommt dann ein Eigengewicht. Es verselbstständigt sich.

In Karls Auftrag wurde viel getan für Kultur, Bildung, öffentliche Verwaltung, öffentliche Ordnung, für weltliches und kirchliches Recht. Wie stark hat das gewirkt? Prägt es noch unsere Gegenwart?

Fried: Ja, denken Sie nur mal an die englischen Grafschaften. Grafschaften gab es nur im Reich Karls des Großen. Überall, wo er Herrschaft etabliert hat, gibt es Grafen – aber das nur am Rande. Entscheidend ist etwas Anderes. Was haben wir noch von Karl dem Großen? Für die Antwort empfehle ich Ihnen, ins Flugzeug zu steigen und auf die Uhr zu schauen: Wann geht Ihr Flug – an welchem Tag, in welchem Jahr, zu welcher Zeit? Dann sind Sie bei Karl dem Großen. Denn diesen Kalender hat er grundgelegt. Es gab zwar Vorstufen, aber er hat einen Reichskalender geschaffen. Er hat über 15 Jahre hinweg die größten Gelehrten seines Hofes mit chronologischen Fragen beschäftigt. Er wollte wissen, in welchem Jahr nach Christi Geburt er lebt. Wann ist Ostern? Wann ist der Frühlingsvollmond?

Da sind wir in der Astronomie.

Fried: Natürlich. Karl der Große schaute in den Himmel und fragte Alkuin, warum der Mars in einem Jahr weg, im anderen wieder da ist. Alkuin wusste es nicht. Karl hatte ein Phänomen ins Auge gefasst, das erst Jahrhunderte später durch Johannes Keppler geklärt wurde.

Woher wissen Sie von dieser Episode?

Fried: Aus einem Brief Alkuins.

Karl förderte die Wissenschaften, und er war Ordnungspolitiker.

Fried: Die Ordnung der katholischen Kirche – Papst, Erzbischöfe, Bischöfe, Priester – gab es zwar schon vor Karl, aber er hat sie erneuert. Seitdem ist sie stabil. Dass der Papst juristisch unangreifbar ist, ist Karls Werk.

Das alles ist also an Karls Hof durchdacht und konzipiert worden. Die Aachener hören so etwas ja gerne: War die Aachener Pfalz zur Zeit Karls des Großen das geistige Zentrum des Reiches, womöglich des Abendlandes?

Fried: Ja – Aachen war das herausragende Zentrum. Die Gelehrten kamen immer hierher, wenn Karl sie rief. Hier trafen sie sich immer wieder und formulierten ihre Gedanken für den König.

Ein zweites Rom?

Fried: Ein neues Rom. Karl hatte zwei Schlüsselerlebnisse, zwei Begegnungen mit dem Papst: zuerst als Sechsjähriger, als er Stephan II. traf und den ganzen römischen Prunk sah. Das hat ihn überwältigt. Und dabei sah er seinen Vater, der vor dem Papst auf den Boden fällt. Das war ein prägendes Erlebnis in seiner Kindheit. Bei seinem ersten Besuch in Rom 774 sieht er auf dem Lateranhügel die große Kirche, die Konstantin gebaut hat, er sieht das Reiterstandbild Konstantins, die Ruinen der römischen Kaiserpaläste. Dieser gesamte Komplex hat ihn tief beeindruckt, und den wollte er in Aachen – nach dem Muster des Lateran-Ensembles in Rom – erneuern mit der Aula, Kirche, mit dem großen Hof und dem Verbindungsgang.

Ein Herrscher mit Gespür für Geschichte und kulturelles Erbe.

Fried: Ja, und wenn wir danach fragen, was das Wichtigste ist, das bis heute von ihm nachwirkt, dann kann ich nur sagen: die Übernah- me der aristotelischen Dialektik – Vernunft, Gebrauch der Logik nach bestimmten kontrollierbaren Regeln. Er erneuerte die Grundlagen des wissenschaftlichen Disputes.

Sie sagen, Karl habe die Bildung gefördert, um den Glauben zu stärken und die Kirche zu festigen. Unterstützte er den Papst und die Kirche denn um deren selbst willen, um des Glaubens willen oder, um seine Herrschaft ideologisch abzustützen?

Fried: Das ist nicht zu trennen. Wir haben längst aufgrund von Humanismus, Renaissance, Aufklärung und Säkularisierung eine scharfe Trennlinie gezogen zwischen Staat und Kirche, Herrschaft und Glauben. Bei Karl dem Großen hingegen ist der Glauben herrschaftstragend. Seine Überzeugung ist: Gottes Gnade ist notwendig, um mich als König zu halten. Karl der Große wurde sehr früh von dem Iren Cathuulf ermahnt und darauf hingewiesen, dass die Sünden des Volkes im Jüngsten Gericht dem König angelastet werden. Das übte auf ihn einen starken psychisch-religiösen Druck aus: Er muss sein Volk zum Glauben führen, auch wenn es noch so störrisch ist.

Sie beginnen Ihr Buch mit drei überraschenden Sätzen: „Das folgende Buch ist kein Roman, dennoch eine Fiktion. Sie beschreibt das Bild, das sich der Autor von Karl dem Großen oder Charlemagne macht. Es ist subjektiv geformt und gefärbt, auch wenn es die Zeugnisse jener Zeit gebührend heranzieht.“ Die meisten Leser erwarten von einem Historiker doch eher Fakten statt Fiktionen.

Fried: Die Frage ist, ob das, was wir präsentieren, wirklich Fakten sind. Die kritische Methodik geht davon aus, dass wir Erzählungen schreiben und keine Wirklichkeiten. Wir können bestenfalls einzelne Sachverhalte rekonstruieren. Karls Todestag können wir aufgrund der Zeugnisse, die wir haben, mit Sicherheit datieren. Wann er geboren ist, wissen wir nicht; das kann ich nur erschließen. Wenn ich daraus aber einen politischen Kontext herstelle, ist das eine reine Hypothese von mir.

Sie misstrauen dem, was oft als Faktum dargestellt wird.

Fried: So ist es. Ich misstraue der einfachen Erzählung der Zeugnisse. Ich misstraue dem menschlichen Gedächtnis; das liefert uns immer Fehlinformationen.

In der Zeitgeschichte haben wir mehr Akten zur Verfügung.

Fried: Sie haben mehr Akten zur Verfügung. Und mit den Akten glauben Sie Fakten zu haben.

Sind Protokolle und Augenzeugenberichte, Urkunden, Verträge, Tagebücher, Briefe also gar keine reinen Quellen?

Fried: Es sind Quellen auf zwei Ebenen. Sie stellen etwas dar, und aufgrund dessen sind sie mit Problemen behaftet. Indem sie aber etwas darstellen, sind sie selbst Zeugnisse für die Art und Weise, wie der Autor oder dessen Auftraggeber die Vergangenheit gesehen hat. Denken Sie an die sogenannten Reichsannalen, das Standardzeugnis zu Karl dem Großen. Er dürfte sie in Auftrag gegeben haben. Und er wird sie sich haben vorlesen lassen. Ich weiß also aus den Reichsannalen nicht, was geschehen ist, sondern wie Karl seine Geschichte dargestellt wissen wollte. Ich kann das nacherzählen und kritisieren. Indem ich es kritisiere, entsteht ein fiktives Moment.

Kann man ein historisches Ereignis registrieren, etwas wahrnehmen, ohne sofort zu deuten?

Fried: Können Sie überhaupt etwas sehen, ohne es zu deuten? Wir sehen nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Hirn und vor dem Hintergrund unserer ganz eigenen Erfahrungen. Jede Wahrnehmung ist Deutung. Als Historiker füge ich zusammen, was ich über Karl den Großen weiß, und bringe es in eine bestimmte Reihenfolge, ich entwickele eine Theorie, eine Tendenz, eine Persönlichkeit. Es ist „mein“ Karl. Wenn Sie so wollen: Die Biographie ist nicht Karl, das bin ich.

Deswegen Fiktion.

Fried: Ja, weil ich Karl so sehe.

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