Zwischen Supermarkt-App und Salatbar

Von: Sabine Rother
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Scannen im Supermarkt: Der Lebensmittelhandel steht im digitalen Wandel vor neuen Herausforderungen. Foto: dpa
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Planen eine Revolution: Benedikt und Maximilian Sütterlin (v. li.) mit Vater Herbert (2. von rechts) sowie Friedhelm Dornseifer, Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels (3. von links) und MLF-Geschäftsführer Michael Gerling. Foto: Reinhard Rosendahl

Aachen. Ist der Supermarkt der Zukunft ein virtueller Raum, in dem sich die Kunden per Mausklick zwischen Wursttheke und Backshop bewegen? „Nein, auf keinen Fall“, versichert Friedhelm Dornseifer, Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH).

Und Unternehmer Herbert Sütterlin, Inhaber von regionalen Supermärkten, ergänzt: „Wir werden weiterhin alle Sinne ansprechen, frische Produkte muss man schmecken, fühlen und riechen.“

370 Teilnehmer diskutieren

Über den Handel im digitalen Wandel und speziell zum Schwerpunkt „Herausforderungen und Chancen einer vernetzten Welt“ trafen sich jetzt mehr als 370 Teilnehmer zur Arbeitstagung der Mittelständischen Lebensmittelfilialbetriebe (MLF) in Aachen. Dabei konnte Sütterlin zusammen mit seinen Söhnen Benedikt und Maximilian als Gastgeber sowohl Einzelhändler als auch Vertreter der Lebensmittelindustrie zu Diskussionsrunden und Fachvorträgen zum Schwerpunkt zusammenbringen. „Der Markt verändert sich, besonders die jüngeren Kunden“, meint Dornseifer.

Beträgt der Anteil der Lebensmittel beim Online-Handel bisher lediglich ein Prozent, so wird sich das nach Ansicht des Bundesverbandes in nächster Zeit stark verändern: Bis zum Jahr 2025 rechnet man mit einem Marktanteil von fünf Prozent. „Wenn wir uns nicht um die digital- und online-orientierten Kunden kümmern, wären das Einnahmen von rund neun Milliarden Euro, die an uns vorbei anders verteilt würden“, sagt Dornseifer ganz klar. „Das tut jedem weh. Unser Kundenkreis wächst nicht mehr, wir müssen uns dringend darum kümmern.“

Online-Kontakte oder App – schon heute ist das im Handel mit Lebensmitteln kein Problem. „Wir können Waren ohne Problem nach Hause liefern, das müsste noch mehr genutzt werden“, meint Sütterlin aus Erfahrung. Die Digitalisierung soll durch Automatisierungs- und Robotik-Lösungen noch intensiver werden, etwa bei der Preisauszeichnung, im Lager, wo Industrieroboter die Paletten bewegen, aber auch im Kundenkontakt und bei normalen Arbeitsprozessen.

Da gibt es „erklärende Systeme“ zu bestimmten Produkten oder Unterstützung bei der Suche nach bestimmten Waren. Hier ist der Kreis der Junioren im MLF besonders aktiv, lernen die Väter vom Nachwuchs. „Eine gewisse Dynamik entsteht, das ist erstaunlich“, sagt Sütterlin. „Ohne meine Söhne hätte ich solche Schritte im Online-Handel noch gar nicht gewagt.“ Verstärkt ermittelt man auf diesem Weg Kundenreaktionen, Zustimmung, Ablehnung, Kritik.

Digitalisierte Etiketten erleichtern nicht nur die Arbeit der Mitarbeiter: Durch zentrale Steuerung soll vermieden werden, dass Regal- und Kassenpreis voneinander abweichen, wenn sich Preise verändern. „Bei 40.000 Artikeln ist die Gefahr einfach größer, dass solche Fehler passieren“, betont Dornseifer.

Stichwort Kasse: Hier gibt es Bestrebungen, den Kunden mit seinen Waren durch eine Schleuse zu schicken, wo alles registriert wird. Anschließend wird die Kreditkarte eingelesen – das ganze heißt dann „Self-Checkout“. In den nächsten zwei bis fünf Jahren rechnet man mit der konkreten Umsetzung. Es gibt bereits ein System, bei dem der Kunde selbst einen Scanner in die Hand nimmt, durch den Supermarkt wandert und die gewünschten Artikel registriert.

Dennoch bleiben Bereiche, die besonders sensibel sind, wie Sütterlin aus Erfahrung weiß, wo der Einsatz gut ausgebildeter Mitarbeiter wichtig bleibt – bei Obst und Gemüse, bei Fleisch, Wurst und Käse. Der Lebensmittelmarkt der Zukunft hat nach Eindruck der Experten gute Chancen, wenn er zwar digital vernetzt ist, aber dennoch Kunden einen Treffpunkt bietet, wo man Kaffee trinken kann und sogar etwas für jene bietet, die daheim nicht aufwendig kochen wollen, die vielleicht allein leben oder schon älter sind.

„Es gibt immer mehr Dienstleistungen zu frischen Produkten, Obst wird vorbereitet, Gemüse kann man geschnippelt von der Salatbar mitnehmen, und es wird gekocht“, beschreibt Dornseifer ein Angebot, das in Zukunft Standard sein soll. Damit all das umgesetzt wird, ist die Bundesfachschule („Food Akademie“) Neuwied im Einsatz, die in Aachen neue Qualifizierungskonzepte für Berufseinsteiger im Lebensmittel-Einzelhandel vorstellte.

Es gibt einen Bildungsboom

„Wir brauchen den Nachwuchs. Wir erleben dort zurzeit einen regelrechten Bildungsboom“, berichtet Dornseifer von mehr als 1000 Studenten auf dem Weg zu Abschlüssen wie Handelsfachwirt und Handelsbetriebswirt: „Wir hören doch eine Menge von Studienabbrechern an Universitäten und Fachhochschulen. Das ist unser Potenzial, ideale junge Leute für uns. Sie durchlaufen ein duales Studium und haben gute Karrierechancen.“ Der Handelsbetriebswirt ist dabei dem Bachelor gleichgesetzt, bald soll auch der Master möglich sein. Gute Stellen stehen laut Dornseifer zur Verfügung. „Und bei der Lohnentwicklung können wir uns sehen lassen.“

„Handel im digitalen Wandel“ – im Rahmen der Arbeitstagung wurde eine Menge Neues vorgestellt, ging es um Forschungsprojekte und Konzepte zur Nahversorgung, um Online-Angeboten wie „Go To Emma“, mit dem ein Start-up-Unternehmen durch Software-Tools eine gemeinsame Plattform für Konsumgüterhersteller sowie Einkäufer und Verantwortliche am „Point of Sale“ anbietet. Oder das „Dorv-Zentrum“, ein Konzept der neuartigen multifunktionalen Nahversorgung an Standorten, wo sich herkömmliche Anbieter – Bäcker, Metzger, Lebensmittelhändler – zurückgezogen haben. „Da machen wir mit, unter anderem in der Jülicher Region“, betont Sütterlin.

Der QR-Code soll verbessert werden und dem Verbraucher dadurch vielschichtige Informationen liefern. „Wir müssen uns weiterentwickeln, aber wir sehen nicht den Supermarkt, in dem sich statt unserer Mitarbeiter die Roboter bewegen“, verspricht Dornseifer.

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