Herzogenrath - Wie Aixtron zum Spielball der Politik wurde

Wie Aixtron zum Spielball der Politik wurde

Von: Hermann-Josef Delonge
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Wie geht es weiter für Aixtron am Standort Herzogenrath und weltweit? Die Übernahme des Unternehmens durch chinesische Investoren ist vom Tisch. Foto: Manfred Kistermann/Markus Bienwald/Andreas Steindl
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Die Übernahme des Unternehmens durch chinesische Investoren ist vom Tisch, das Management um Vorstandschef Martin Goetzeler gefordert. Foto: Manfred Kistermann/Markus Bienwald/Andreas Steindl

Herzogenrath. Für die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) war die Angelegenheit ziemlich schnell ziemlich klar. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel habe sich in Sachen Aixtron „zum Erfüllungsgehilfen der US-Interessen gemacht“, ließ Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler ausrichten.

Und: „Den Schaden haben jetzt die Aktionäre.“ Und: „Es bleibt die Frage, ob das Ganze nicht völlig anders gelaufen wäre, wenn Herr Gabriel sich früher deutlich positioniert hätte.“

Es wäre vielleicht wirklich interessant gewesen zu erfahren, ob US-Präsident Barack Obama anders entschieden hätte. Ob er den Verkauf des US-Geschäfts von Aixtron an die chinesische Grand Chip Investment GmbH nicht verhindert hätte, wenn der deutsche Wirtschaftsminister im Oktober seine bereits im September erteilte Unbedenklichkeitsbescheinigung für die Übernahme durch die Tochter eines chinesischen Fonds nicht noch einkassiert hätte.

Man darf zumindest bezweifeln, dass Obama das getan hätte, schließlich hatte nicht nur das Komitee für Auslandsinvestitionen in den Vereinigten Staaten (CFIUS), sondern angeblich auch der amerikanische Geheimdienst gegen das Geschäft interveniert. Und Gabriel hatte diesen Bedenken Rechnung getragen. Der Herzogenrather Spezialmaschinenbauer war damit zum Spielball der ganz großen Wirtschafts- und Sicherheitspolitik geworden. Denn er produziert Anlagen für die Herstellung von Halbleitern, die zivil für Leuchtdioden genutzt werden, die aber wohl auch für militärische Zwecke geeignet sind.

Achterbahnfahrt

Seit Donnerstagvormittag ist das Resultat nun offiziell: Der chinesische Investor, hinter dem staatlich kontrollierte Fonds stecken, hat den Deal abgeblasen. Durch Obamas Veto sei eine Bedingung für die Offerte entfallen und das Übernahmeangebot insgesamt erloschen, teilten die Grand Chip Investment und Aixtron selbst mit.

Damit hat eine monatelange Achterbahnfahrt ein Ende genommen, die für die Verantwortlichen bei Aixtron, aber natürlich auch für die Beschäftigten und Aktionäre nervenaufreibend war. Das Unternehmen, das 1983 als Spin-off aus der RWTH gegründet worden war und später zu einer veritablen Neue-Markt-Ikone emporstieg, steckt spätestens seit 2012 schon in Schwierigkeiten. Die Geschäfte brachen dramatisch und vor allem nachhaltig ein, der Aktienkurs ebenfalls. Umstrukturierungen und Personalabbau waren die Folge. In den ersten neun Monaten des aktuellen Geschäftsjahres verzeichneten die Herzogenrather unterm Strich Verluste von 30,4 Millionen Euro, elf Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Rote Zahlen seit Jahren

Rote Zahlen seit Jahren also. Da kam das Angebot aus China gerade recht. Es hatte einen Wert von rund 670 Millionen Euro. Was sich Aixtron von dem Investor erhoffte, liegt auf der Hand: Das Unternehmen erwirtschaftet rund 60 Prozent seines Umsatzes in Asien und leidet seit Jahren unter dem Preisdruck der asiatischen Konkurrenz. Als der chinesische Großkunde San‘nan einen Auftrag kräftig zusammenstrich, war das eine weitere Hiobsbotschaft.

Das Management hatte immer massiv bei den Aktionären für die Annahme des Angebots geworben. Bei der Hauptversammlung im Mai war allerdings viel Kritik an dem Angebot laut geworden, vielen Aktionären waren die sechs Euro pro Aktie zu wenig. Die Rede war von einem „Schleuderpreis“. Vorstandschef Martin Goetzeler hielt dem entgegen, der Investor würde den Zugang zum chinesischen Markt erleichtern und dadurch enorme Chancen ermöglichen.

Aufsichtsratschef und Firmengründer Kim Schindelhauer wurde damals deutlicher: Das Unternehmen müsse wieder profitabel werden, ein „Weiter so“ könne es nicht geben. Das verstanden die Aktionäre, die schon seit einigen Jahren keine Dividende mehr gesehen haben. Wie auch das Argument, das dringend frisches Geld für Forschung und Entwicklung notwendig sei.

Schindelhauer verteidigte die Suche nach einem Käufer damals so: „Wir sind nicht nur unseren Anlegern verpflichtet, sondern haben auch Verantwortung nicht zuletzt für unsere Mitarbeiter. Aixtron muss weitergehen.“ Goetzeler formulierte es so: „Ich sehe das Angebot des Fonds auch als Möglichkeit, Arbeitsplätze in Deutschland und an den europäischen Forschungsstandorten zu sichern.“

Was das angesichts des geplatzten Deals bedeutet, ist eine der vielen Fragen, die sich nun stellen. Und bestimmt eine der wichtigsten. Aixtron beschäftigt weltweit etwa 750 Mitarbeiter. In den USA sind es rund 100, am Standort Herzogenrath gut 400. Es war in der Vergangenheit immer wieder angedeutet worden, dass sich der Spezialmaschinenbauer neu orientieren müsse, sollte die Übernahme scheitern. Das steht nun an. Ob das auch Folgen für Arbeitsplätze haben wird, ist offen, aber nicht ganz unwahrscheinlich. Konzernchef Goetzeler hatte das zuletzt in einem Reuters-Interview angedeutet, ohne allerdings konkrete Zahlen zu nennen.

Entsprechend gedrückt war am Donnerstag die Stimmung in Herzogenrath. Das Unternehmen selbst hielt sich mit Stellungnahmen zurück. Man müsse jetzt die Situation neu bewerten und werde „zeitnah über die künftige Geschäftsentwicklung informieren“. Ziel sei ein „trägfähiges Zukunftskonzept“, sagte Aixtron-Sprecher Guido Pickert. Vorstandschef Goetzeler forderte Hilfen von der Bundes- wie Landesregierung, um seinem Unternehmen langfristig das Überleben in der jetzigen Form zu ermöglichen.

„Deutschland will den Hochtechnologiestandort fördern und ist gefordert, im Interesse der Sicherheit und der Arbeitsplätze zu handeln.“ Der chinesische Investor beließ es bei einer ausführlichen, juristisch wasserdichten Erklärung, die inhaltlich allerdings über die reine Nachricht, dass das Angebot erloschen sei und die bisher angedienten Aixtron-Aktien voraussichtlich am 13. Dezember an ihre Eigentümer zurückgebucht werden sollen, nicht hinausgeht.

Aus dem Bundeswirtschaftsministerium gab es dürre Auskunft: „Wir haben zur Kenntnis genommen, dass der Bieter sein Angebot zur Übernahme von Aixtron zurückgezogen hat“, sagte ein Sprecher. Damit habe sich die erneute Prüfung zur Erteilung der Unbedenklichkeitserklärung erledigt. Kein Wort zu den Diskussionen um chinesische Investoren in Deutschland. Die haben zuletzt verstärkt nach Mittelständlern und Technologieunternehmen gegriffen.

Gabriel hatte angekündigt, heimische Schlüsseltechnologien besser schützen zu wollen. Was Michael F. Bayer, Hauptgeschäftsführer der IHK Aachen, so nicht nachvollziehen kann: „Gegenwärtig schwingen Ängste vor einem Ausverkauf der deutschen Wirtschaft mit. Dafür sehe ich keinen Anlass“, sagte er am Donnerstag unserer Zeitung. Und machte folgende Rechnung auf: „China hat nur einen kleinen Anteil an den Auslandsinvestitionen bei uns. Acht Milliarden Euro an chinesischen Investitionen in Deutschland stehen mehr als 60 Milliarden Euro Investitionen von 8000 deutschen Unternehmen in China gegenüber.“

Die Börse reagierte am Donnerstag übrigens wie zu erwarten: Die Aixtron-Aktie verlor weiter und schloss mit einem Minus von 3,08 Prozent bei 3,78 Euro. Da klingen die sechs Euro, die Grand Chip Investment zahlen wollte, gar nicht so schlecht.

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