Wer hat Geld, und wo klingeln die Kassen?

Von: Hermann-Josef Delonge
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Aachen. Es ist ein hochkomplexes Zahlenwerk, das die Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen mit ihrem ersten Einzelhandelsatlas vorlegt. Es gibt allerdings keine Antworten auf die vordergründig sich aufdrängenden Fragen, ob der Handel in den einzelnen Kommunen attraktiv ist und wie hoch der Versorgungsgrad ist. „Wir wollen die Bedeutung der Branche, ihre Struktur und Potenziale in der Region aufzeigen“, sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Drewes am Freitag bei der Vorstellung des Atlas, der auf von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) erhobenen Zahlen für 2011 basiert.

„Der stationäre Handel muss sich vielen Herausforderungen stellen: Online-Handel, wechselndes Verbraucherverhalten, demografischer Wandel. Er muss gestärkt werden – allerdings an den richtigen Stellen.“ Will heißen: Wildwuchs wie überdimensionale Gewerbeflächen auf der „grünen Wiese“ können vor diesem Hintergrund kontraproduktiv sein. Und die Probleme mit verwaisten Innenstädten sind bekannt.

Die Fakten: Einzelhandelsunternehmen machen rund ein Fünftel der Betriebe in der Region aus; die IHK hat in ihrem Zuständigkeitsbereich 15838 Betriebe ermittelt. Fast jeder elfte Angestellte im Bezirk ist im Einzelhandel tätig – mehr als im Bundes- oder NRW-Durchschnitt. Jeder fünfte Auszubildende hat seine Lehre im Einzelhandel begonnen. Drewes: „Die Zahlen belegen eindrucksvoll die strukturelle Bedeutung des Einzelhandels für unsere Wirtschaftsregion. Die Branche übernimmt die Versorgungsfunktion für die Bürger der Region und ist ein wichtiger Ausbilder.“

Kaufkraft: 5140 Euro seines Nettoeinkommens gibt ein Einwohner der Region im Schnitt pro Jahr im Einzelhandel aus (NRW: 5409 Euro, ganz Deutschland: 5329 Euro). Besonders hoch ist die Kaufkraft wenig überraschend in Roetgen mit 5958 Euro, gefolgt von Titz (5563 Euro). Das Oberzentrum Aachen liegt nur knapp über dem Schnitt der Region, Düren satt drunter. In vielen Gemeinden der Voreifel, im Dürener Raum und im östlichen Teil des Kreises Heinsberg haben die Bürger mehr Einkommen für Konsum zur Verfügung als in Aachen. Im westlichen Teil des Kreises Heinsberg, in Aldenhoven, Alsdorf und Baesweiler liegt die Kaufkraft deutlich unter dem Schnitt im Kammerbezirk.

Einzelhandelszentralität: Dieser sperrige Begriff zeigt, wie viel Kaufkraft in eine Kommune fließt bzw. von dort abfließt, also ihre „Sogwirkung“ als Einkaufsort. Die Formel ist kompliziert. Allerdings bedeutet ein geringer Wert nicht, dass der örtliche Einzelhandel nicht attraktiv ist. „Kleine Gemeinden haben nicht die Aufgabe, eine komplette Versorgungsfunktion für ihre Bürger zu übernehmen“, sagt IHK-Handelsexpertin Monika Frohn. In diesen Grundzentren gehe es eher darum, die flächendeckende Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs zu gewährleisten – wichtig gerade vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und der steigenden Energiepreise. Größere Anschaffungen erfolgen in den Ober- und Mittelzentren – eine sinnvolle Arbeitsaufteilung. Düren erfüllt diese Funktion sehr stark und profitiert dabei von den kaufkräftigen Kommunen in der Nachbarschaft.

Hohe Werte bei der Einzelhandelszentralität erzielen auch Niederzier und Würselen – den dortigen großen Gewerbegebieten geschuldet. Der Kaufkraftzufluss im Oberzentrum Aachen liegt über dem Schnitt vergleichbarer Städte in NRW, allerdings unter dem von Düren. Der Grund: Aachen muss sich gegen die Oberzentren an der Rheinschiene, gegen Maastricht und Lüttich behaupten. Außerdem ist das Angebot in den umliegenden Kommunen der Städteregion (Herzogenrath, Würselen, Simmerath, Monschau) insbesondere durch Einkaufszentren attraktiver geworden.

Dass Kaufkraft aus einer Kommune abfließt, kann natürlich auch mit starken Pendlerströmen zusammenhängen. Übach-Palenberg oder Baesweiler können als Beispiel dienen. In Selfkant hingegen gibt es eine relativ geringe Kaufkraft, aber einen hohen Zufluss – was nicht zuletzt an der hohen Konzentration von Geschäften in Grenznähe liegt, die von Niederländern stark frequentiert werden. Was ein einzelner, sehr großer Einzelhändler für einen Ort bedeuten kann, zeigt sich am Beispiel von Kall in der Eifel. Einer schwachen Kaufkraft steht der höchste Einzelhandelszentralitätswert im IHK-Bezirk gegenüber.

Die Lehren: Ein Bewertungsschema nach dem Muster „gut – schlecht“ liefert das Zahlenwerk wie gesagt nicht. Klar wird jedoch: Es hat keinen Sinn, die Gemeinden isoliert zu betrachten, man muss sie in Relation zu ihrer Funktion im Umland bewerten. Und das Problem der Unter- oder Überversorgung ist nur zu analysieren, wenn man sehr kleinteilig, also etwa in einzelne Stadtviertel, schaut. „Hier“, sagt Drewes, „hat die Politik sehr wohl die Möglichkeit, steuernd einzugreifen“.

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