Köln/Aachen - Wenn der Schwarm als Investor auftritt

Wenn der Schwarm als Investor auftritt

Von: Stefan Herrmann
Letzte Aktualisierung:
Beim Crowdfunding kann prinzip
Beim Crowdfunding kann prinzipiell jeder zum Investor werden. Gerade innovativen Startup-Unternehmen bietet die Finanzierungsmethode Möglichkeiten, an Kapital zu kommen. Foto: Stock/Jochen Tack

Köln/Aachen. Wenn selbst der fieseste Chef Deutschlands zum Sympathieträger der Investoren wird, dann muss etwas dran sein am System Crowdfunding. Vor kurzem produzierten die Macher der Fernsehserie „Stromberg” Schlagzeilen, da sie ihr TV-Format zum Kinofilm mutieren lassen wollen.

Dafür brauchten sie Geld: eine Million Euro. Potenziellen privaten Investoren versprachen sie eine Gewinnbeteiligung, sollte „Stromberg - Der Film” ein Kassenschlager werden. Nach einer Woche war der Drops gelutscht. Stromberg-Fans/Investoren hatten das Geld in Rekordtempo aufgetrieben. Dank Crowd­funding - der Schwarmfinanzierung.

„Das haben wir natürlich mit großen Interesse verfolgt”, sagt Filipe da Costa. Der 29-Jährige Promotionsstudent der RWTH Aachen hat mit drei Partnern vor wenigen Monaten die Crowdfunding-Plattform Innovestment gegründet - mit großem Erfolg. Es scheint so, als sei der Schwarm als Investor ein Modell mit Zukunft.

Costa war ebenso wie Innovestment-Mitgründer Daniel Appelhoff, 30, unter Professor Malte Brettel am Gründerzentrum der RWTH als Coach tätig. Der studierte Wirtschaftsingenieur hat immer wieder feststellen müssen, wie hart es gerade junge Startups haben, für ihre Geschäftsideen Kapital aufzutreiben.

Ob Hausbank oder Großunternehmen - neue Geschäftsideen verbinden Finanzberater vor allem mit einem: dem Risiko. Doch neue Technologien benötigen einen gewissen (finanziellen) Aufwand, bevor sie sich rentieren. „Die Bewertung von sehr jungen Unternehmen ist selbst für Finanzfachleute schwierig”, weiß da Costa.

Im Mai vergangenen Jahres haben daher da Costa und Appelhof gemeinsam mit Norbert Töpker, 35, und Alexander Rajko, 29, die Innovestment GmbH als Spin-off der RWTH Aachen aus der Taufe gehoben. Über bereits bestehende berufliche Netzwerke sprach sich die Idee, die hinter der Crowdfunding-Plattform steckt, schnell herum. Mittlerweile haben sich über 1000 potenzielle Investoren auf der Internetseite registriert. Und auch die ersten Auktionen sind bereits abgeschlossen.

Das Nanotechnologie-Unternehmen Particular aus Hannover hat als erstes deutsches Hightech-Startup über Crowdfunding 100 000 Euro eingeworben. Über 60 Bieter haben sich auf der Innovestment-Plattform an der sechswöchigen Auktion beteiligt. Am Ende gingen 80 Unternehmenspakete, die je einer 0,125-prozentigen Beteiligung entsprechen, an 25 private Bieter. Somit sind sie als stille Teilhaber an zehn Prozent des Unternehmens beteiligt.

Im Laufe der Auktion ist der Wert der Anteile von 1000 Euro pro Anteil auf 1754 Euro gestiegen. Damit machte auch der geschätzte Wert des Unternehmens einen Sprung nach oben: um circa 75 Prozent auf 1,4 Millionen Euro. Für das Innovestment-Team war dies die zweite erfolgreiche Auktion seit der Gründung. Mit Audiogent, einem Anbieter interaktiver Hörbücher, war man im November gestartet und hatte innerhalb von 13 Tagen 50 000 Euro eingeworben.

„Mit Crowdfunding schaffen die jungen Unternehmen Öffentlichkeit und fliegen nicht mehr unter dem Radar”, sagt da Costa. Doch so Hoppladihop funktioniert das ganze System natürlich nicht.

Junge Firmen, die über Crowd­funding - oder auch Crowdinvesting, wie die Schwarmfinanzierung bei kapitalintensiveren Unternehmen wie Particular genannt wird - einen großen Teil ihrer Erstrundenfinanzierung bewältigen wollen, müssen auf der Haben-Seite einiges präsentieren. Vor allem die Idee und damit verbunden ein ausgefeilter Business-Plan gelten als Grundvoraussetzung. Ebenso wichtig ist das Team hinter dem Konzept.

„Darauf achten private Investoren besonders”, sagt Töpker. Denn wer überlegt, sein Geld in ein innovatives Geschäftsmodell zu stecken, der muss rundum überzeugt sein. Denn: „Das Risiko beim Crowdfunding ist natürlich höher als bei klassischen Anlagen”, sagt da Costa.

Zur Altersvorsorge für Max Mustermann taugt das Ganze nicht. Entsprechend stellt sich auch der Investoren-Pool bei Innovestment dar: Viele Unternehmer sind darunter, ebenso Geschäftsführer, Anwälte, Ärzte und Vorstände. „Leute, die einen starken Bezug zum Wirtschaftsbereich und zur Selbstständigkeit haben”, erklärt da Costa.

Die Menschen, die über Innovestment in ein Startup investieren, sind von der Geschäftsidee überzeugt. Bei Particular war das der Fall. Die Firma erzeugt mit Lasern Nanopartikel aus Edelmetallen wie Gold, Silber und Titan, die dann in der Medizin- und Biotechnik verwendet werden. Der Geschäftsplan wurde mehrfach ausgezeichnet, erhält unter anderem eine Förderung vom Bundeswirtschaftsministerium. Die Investoren setzten hier auf ein Rennpferd, das mit hohen Siegchancen unterwegs ist. Die Aussicht auf Rendite ist gut. Aber auch laufende Auktionen beweisen, dass Crowdfunding einen Markt anspricht.

Und doch handelt es sich um Pionierarbeit, die da Costa und seine Kollegen leisten. Überschaubar kommt die deutsche Gründerszene bisher daher. Im Land der Dichter und Denker genießen gute Ideen zwar einen respektablen Ruf. Doch den Mut, in innovative Geschäfte zu investieren, zeigen nur wenige.

OECD-Zahlen belegen die gefühlte Risikoarmut: Investitionen von Wagniskapitalgebern (gemessen am BIP des Landes) sind in Deutschland im internationalen Vergleich sehr gering. So beträgt die Quote in Deutschland 0,048 Prozent. In Frankreich dagegen 0,091 Prozent. Die USA (0,122 Prozent) und Großbritannien: (0,207 Prozent) sind noch weiter enteilt.

„Wir haben keine Kultur für Risikokapital”, sagt der gebürtige Dürener Töpker. Firmen wie Innovestment wollen zeigen, dass sich eine mit Bedacht gewählte Investition in Innovation rentieren kann. Dass ihnen ein Ekel-Chef wie TV-Figur Stromberg dabei in die Karten spielt, ist eher amüsante Randerscheinung denn Auslöser des Erfolgs von Crowdfunding-Modellen. Bisher jedenfalls funktioniert die Schwarmintelligenz jenseits des großen Börsenparketts.


Unter Crowdfunding versteht man eine Schwarmfinanzierung. Sie ist eine besondere Art der Finanzierung, um Fremdkapital zum Beispiel für eine Geschäftsidee oder ein Kulturprojekt zu beschaffen.

Bieter können über eine Internetauktion Beteiligungen an einem Projekt oder einem Unternehmen erwerben. Zuvor wurde festgelegt, welcher Betrag über die Auktion eingebracht werden soll. Im Verhältnis zu dieser Mindestkapitalmenge leistet jedes Mitglied der Masse (Crowd­funder) letztlich nur einen geringen finanziellen Anteil.

Für diese Leistung erhält der Crowd­funder eine Gegenleistung, die verschiedene Formen annehmen kann (zum Beispiel Rechte, Geld, Sachleistungen). Sie kann aber auch einen ideellen Wert besitzen. Die Finanzierungsmethode via „Crowd­funding” ist in Deutschland noch recht jung. Bei kapitalintensiven Start-ups wie bei Innovestment spricht man mittlerweile häufig auch von Crowdinvesting.

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