Warum die Apotheker auf Gröhes Gesetz hoffen

Von: Christina Merkelbach
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Vertrautes Logo: Deutschlandweit gab es Ende vergangenen Jahres 20 023 Apotheken. Ihre Zahl sinkt, vor allem auf dem Land. Foto: dpa
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Sieht das bewährte Versorgungssystem in Gefahr: Apotheker Lutz Engelen. Foto: Abda

Herzogenrath/Heimbach. Kurz vor Weihnachten haben im vergangenen Jahr mehr als 6000 Apotheken in Deutschland ihre Kunden gebeten, auf einer Liste zu unterschreiben. „Schützen Sie die Apotheken vor Ort!“ und „Gesundheitssystem in Gefahr“ stand darauf. 1,2 Millionen Menschen unterzeichneten bis Ende Februar. Hinter der Aktion steht die Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände (Abda). Sie spricht von „einem starken Signal an die Politik“. Was hat die Apotheker so aufgebracht?

Im Oktober vergangenen Jahres hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg entschieden, dass ausländische Versandapotheken sich nicht an die in Deutschland geltende Preisbindung für verschreibungspflichtige Arzneimittel halten müssen. Anders als deutsche Apotheken dürfen sie Rabatte auf diese Medikamente geben. Von 2004 bis 2012 war das schon einmal erlaubt, dann verbot es die Bundesregierung.

Von dort kommt auch nun wieder Gegenwehr: Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) will den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Medikamenten grundsätzlich verbieten, ein erster Gesetzesentwurf liegt vor. Erlaubt sein soll demnach nur noch, rezeptfreie Arzneimittel online zu verkaufen.

Lutz Engelen ist Präsident der Apothekerkammer Nordrhein. Er betreibt eine Apotheke in Herzogenrath. Wie wohl derzeit sämtliche seiner Kollegen hofft er, dass der Minister sein Gesetz durchbringt. „Es geht nicht darum, dem Bürger den Bonus nicht zu gönnen, den die Versandapotheke aus dem Ausland gibt. Sondern letztlich darum, die Qualität zu sichern.“ Den Vorwurf, der Minister lege einen Schutzmantel um die Apotheker, weist er entschieden zurück. „Das geplante Gesetz ist kein Schutzmantel für die Apothekerschaft. Es ist auch kein Ergebnis von Lobbyarbeit, sondern ein Schutzmantel für die bewährte Struktur.“

An dem Festpreis, der mit dem EuGH-Urteil für ausländische Versandapotheken nicht mehr gilt, hänge deutlich mehr als nur der Wettbewerb zwischen Versandhandel und Apotheke, sagt Engelen. Sowohl das Bundesgesundheitsministerium als auch die Apothekerkammern hätten geprüft, ob es eine Alternative zum geplanten Verbot gibt. „Aber es gibt keine, die den festen Arzneimittelpreis schützt.“

Mit dem Festpreis für rezeptpflichtige Medikamente – für rezeptfreie kippte ihn der Gesetzgeber 2004 – sei alles verbunden, was die jetzige bewährte Struktur ausmache. Nacht- und Notdienste, flächendeckende Versorgung, die Verantwortung und Haftung des Apothekers als Heilberufler und „vor allem die freie Wahl des Dienstleisters“, erklärt Engelen.

Mit anderen Worten: Ein Patient könne sein Rezept nicht mehr in jeder Apotheke einlösen. Derzeit sei das möglich, weil es einen Rahmenvertrag zwischen den Apotheken und den Krankenkassen gibt. „Wird die Preisbindung nicht wieder hergestellt, werden die gesetzlichen Kassen Selektivverträge mit einzelnen Apotheken oder Versandhändlern ausloben.“ Dazu seien die Kassen gezwungen, weil sie dem Gebot der Wirtschaftlichkeit unterliegen. Für den Patienten bedeute das, dass er sich eine Apotheke suchen muss, bei der er sein Rezept einlösen kann. Oder er müsse finanziell in Vorleistung gehen und dann schauen, wie er sein Geld zurückbekommt.

Nach Abda-Angaben machen die rezeptpflichtigen Medikamente bei den stationären Apotheken in Deutschland 80 Prozent des Umsatzes aus. „Das EuGH-Urteil bringt die Apotheken in einen ökonomischen Wettbewerb, der letztlich beim Patienten ankommen wird“, sagt Engelen. Bereits jetzt würden immer mehr Apotheken schließen, die flächendeckende Versorgung sei also bereits gefährdet. Ende vergangenen Jahres gab es laut Abda deutschlandweit 20.023 Apotheken, 226 weniger als im Jahr zuvor.

2015 waren es 20.249 und im Vorjahr 20.441. Im Bezirk der Kammer Nordrhein schlossen seit 2011 jährlich zwischen 30 und 40 Apotheken. „Es gibt Gegenden, in denen wird es schon eng, insbesondere auf dem Land“, sagt Engelen. Den Versandhandel will er dort aber nicht als Lösung des Problems gelten lassen. „Gerade auf dem Land bieten die Kollegen doch schon lange Botendienste an und bringen die Medikamente noch am selben Tag kilometerweit direkt zum Patienten.“

Zu diesen Landapotheken gehört die von Felix Zimmermann in Heimbach. „Die Alternative für die Versorgung auf dem Land wird der Versandhandel dann sein, wenn er die funktionierenden Strukturen zerstört hat“, sagt er. Die Versandhändler würden sich die Rosinen herauspicken. Gesellschaftlich wichtige Aufgaben wie die Notdienste oder eine individuelle, diskrete Beratung würden sie hingegen nicht erbringen.

„Vor allem kennen sie die Leute vor Ort nicht“, sagt Zimmermann. Seit dem EuGH-Urteil habe er bereits ein paar Patienten verloren, die mehrere Medikamente brauchen und nicht von der Zuzahlung befreit sind. „Es gibt auch Patienten die fragen, warum wir diese Rabatte nicht geben. Dann muss ich erklären, dass wir das nicht dürfen.“

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