Vom Plan B zum Masterplan für den Beruf

Von: Daniel Gerhards
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Vom Hörsaal in den Handwerksbetrieb: Kevin Weisweiler macht nach zwei Semestern an der FH eine Optikerausbildung. Foto: Daniel Gerhards
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Vom Hörsaal in den Handwerksbetrieb: Nach abgebrochenem Studium lernen Jan Breuer (vorne) und Serdar Edem den Beruf des Metallgestalters. Foto: Daniel Gerhards

Aachen/Baesweiler. Die Geschichte von Serdar Edem steht stellvertretend für das, was viele junge Leute auf ihrem Bildungsweg erleben. Es ist eine Geschichte, in der Edem erst glücklich wird, nachdem er einen Umweg geht.

Er ist 24 Jahre alt, wohnt in Aachen und lernt den Beruf des Metallgestalters, aktuell im zweiten Lehrjahr. Seine Arbeit und die Ausbildung machen ihn zufrieden. Aber Edem braucht eine Zeit, um diesen, für ihn richtigen beruflichen Weg ins Handwerk zu finden. Vorher studiert er vier Semester Umweltingenieurwesen an der RWTH. Dann bricht er sein Studium ab.

Nach der Schule steht für Edem fest: „Ich habe Abitur, dann muss ich auch studieren. Der Studiengang hörte sich interessant an. Ich dachte damit bekomme ich einen sicheren Job für die Zukunft.“ Also schreibt er sich ein. „Ich habe dann aber gemerkt, dass die Uni nicht meine Welt ist“ – was die Struktur und den Inhalt angehe.

Mit dieser Einsicht ist Edem nicht allein. Knapp jeder dritte Bachelor-Student verlässt die Universitäten und Fachhochschulen in Deutschland laut Hochschul-Informations-System ohne Abschluss. In mathematischen, naturwissenschaftlichen und technischen Fächern ist die Abbrecherquote tendenziell noch höher: In einigen Ingenieurwissenschaften in NRW bricht jeder zweite sein Studium ab. Bundesweit liegt die Zahl der Studienabbrecher Schätzungen zufolge bei 100.000.

Gute Quote

Gleichzeitig fehlen den Handwerksbetrieben junge Leute, die willens und in der Lage sind, eine Berufsausbildung zu machen. Zu Beginn des laufenden Ausbildungsjahres gab es in NRW 30.000 offene Lehrstellen. Im Kammerbezirk Aachen, dazu zählen die Städteregion Aachen sowie die Kreise Düren, Heinsberg und Euskirchen, blieben 350 Ausbildungsstellen in Handwerksberufen unbesetzt.

„Dem Handwerk fehlen junge Leute für Ausbildungsstellen“, sagt Peter Deckers, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Aachen. Gründe seien der demografische Wandel, der zur Folge habe, dass es weniger junge Menschen gebe, und die hohen Anforderungen, die Ausbildungsbetriebe an junge Leute stellen. Die sind zum Teil auch gerechtfertigt, weil viele Berufe immer technischer und anspruchsvoller werden.

Die Handwerkskammer Aachen möchte sich darum kümmern, Studienabbrecher in Handwerksberufe zu vermitteln. Rund 60 Ex-Studenten haben über die Kammer einen Ausbildungsbetrieb gefunden. Deckers sagt, dass die Vermittler eine respektable Quote vorweisen können: „Die Hälfte der Studienabbrecher, die bei uns angefragt hat, konnten wir tatsächlich in Handwerksbetriebe vermitteln.“

Auch Edem hat seinen Ausbildungsbetrieb, Weber Metallgestaltung in Aachen, mit Hilfe der Vermittler der Handwerkskammer gefunden. Bevor er sich auf die Suche nach einer Stelle macht, braucht er aber einige Zeit, um sich endgültig von der Uni zu verabschieden. „Ich habe mich noch ein bisschen durchgeboxt. Wieder einen Schritt zurück zu gehen, ist mir nicht leicht gefallen“, sagt er. Edem entscheidet sich trotzdem dafür, weil er glaubt in der Ausbildung glücklicher zu sein. Auch wenn sich die Eltern Sorgen machen, und die Freunde zum Weitermachen an der Uni raten. „Ich habe mich dann gefragt, was mir wirklich wichtig ist: Höre ich auf die anderen und quäle mich weiter? Oder nehme ich die Sache selber in die Hand und ändere etwas?“

Er bricht das Studium ab. Und fällt erstmal in ein Loch. „Die Zeit zwischen Studium und Ausbildung zieht einen schon runter“, sagt er. Dieses Gefühlt kennt Jan Breuer ebenfalls gut. „Man hat dann keinen geregelten Tagesablauf, man lebt so in den Tag hinein. Für zwei Wochen ist das ja mal schön, aber dann reicht‘s“, sagt Breuer. Er macht die gleiche Ausbildung wie Edem, im selben Betrieb. Breuer, 23 Jahre alt, studiert zunächst Informatik, er beginnt an RWTH. Nach zwei Semestern merkt er, dass es ihm „zu mathelastig“ ist. Dann folgen zwei Semester an der FH. Die Entscheidung für den Abbruch kommt, als er sich einen Einblick in die Tätigkeiten eines studierten Programmierers verschafft. Wegen des Wechsels an die FH bekommt er kein Bafög mehr, er nimmt einen Hiwi-Job in der Informatik an. „Ich habe gemerkt, dass immer nur zu programmieren, nicht das Richtige für mich ist“, sagt er.

Breuer habe sich schon immer für Schmiedekunst und Metallbau interessiert. Als das Studium vor dem Aus steht, wird der Plan B zum Masterplan. Jetzt ist Breuer im ersten Lehrjahr in der Ausbildung zum Metallgestalter.

Weil er nach Abbruch des Studiums schon weiß, in welche Richtung es mit seiner Ausbildung gehen soll, sucht er sich die Adresse von Weber Metallgestaltung im Internet heraus, schreibt eine Bewerbung, absolviert ein Praktikum und setzt seine Unterschrift unter den Ausbildungsvertrag.

Jemanden einzustellen, der gerade gescheitert ist, ist für Geschäftsführerin Katrin Weber kein Problem. „Studienabbrecher sind keine Loser-Typen. Das sind ganz bewusste junge Leute, die eine Entscheidung getroffen haben“, sagt sie. Man könne eben nicht immer im Vorhinein wissen, ob das Studium zu den eigenen Interessen und Fähigkeiten passt.

Dass die Auszubildenden wegen des Abiturs und ihrer Zeit an der Uni schon etwas älter sind, ist für Weber ebenfalls kein Hindernis. Im Gegenteil. Sie möchte etwas reifere, ehrgeizige und verantwortungsbewusste Auszubildende.

Optiker Herbert Pfennigs aus Baesweiler sieht das ähnlich. Mit Kevin Weisweiler hat er einen Studienabbrecher eingestellt. „Abbrechen ist kein Makel. Wenn jemand merkt, dass das Studium nichts für ihn ist, ist das vollkommen in Ordnung“, sagt Pfennigs.

Er stelle bevorzugt Abiturienten ein, die seien schon ein wenig älter, passten somit besser ins Team. Und der theoretische Teil der Ausbildung sei für sie leicht zu schaffen. „Ob der Auszubildende praktisch gut ist, weiß man vorher nie. Man sieht erst später, ob jemandem das Handwerk liegt“, sagt er.

Lange Anfahrt

Kevin Weisweiler, 22 Jahre, weiß gerade den praktischen Teil seiner Ausbildung zu schätzen. Er studiert nach dem Abitur zwei Semester an der FH Aachen. Er beginnt mit Holzingenieurwesen, weil es in dem Fach keine Zugangsbeschränkung gibt. Später will er zum Bauingenieurwesen wechseln. So weit der Plan. „Ich habe relativ schnell gemerkt, dass es nicht passt“, sagt er. Den ganzen Tag – teils bis 21 Uhr – da zu sitzen und zuzuhören, ist ihm auf Dauer zu langweilig. „Die FH ist ja eigentlich praktisch ausgerichtet. Aber nur einmal im Monat etwas Praktisches zu machen, war mir zu wenig“, sagt er.

Sein Studium abzubrechen, fällt Weisweiler nicht leicht. Bis zum Abitur hatte er alles, was er anfing, auch zu Ende gebracht. Die Frage, wie es weiter gehen soll, macht ihm in dieser Zeit Angst. Er kehrt der Hochschule trotzdem den Rücken. Er entscheidet sich für die Optikerausbildung, weil ihm das genaue Arbeiten liege.

Viele Ex-Studenten müssen sich in der Ausbildung erstmal an das frühe Aufstehen gewöhnen. Bei Weisweiler ist es genau umgekehrt. Auch während des Studiums wohnt er in Baesweiler-Setterich: „Ich bin jeden Tag eineinhalb Stunde mit dem Bus zur FH gefahren.“ Wenn die erste Vorlesung um 8.15 Uhr beginnt, bedeutet das, dass der Wecker sehr früh klingelt. Nun braucht er nur ein paar Minuten bis zu seinem Arbeitsplatz.

Dass der Arbeitstag in der Ausbildung sehr geregelt abläuft, weiß auch Serdar Edem zu schätzen. Und das trägt auch dazu bei, dass er in seinem Beruf glücklich wird. „Ich arbeite jetzt von 8 bis 17 Uhr und habe Action in meinem Leben“, sagt er. Er fühle sich dadurch wieder zu etwas nutze. Und in der Werkstatt sieht er jeden Tag, was er geleistet hat. Edem: „Wenn man Feierabend hat, dann hat man sich den auch verdient.“

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