Viele Banken und Sparkassen dünnen Zweigstellennetz aus

Von: Hermann-Josef Delonge und Alexander Barth
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Tan Online-Banking
Der Trend ist erkannt: Das Internet spielt auch bei Geldgeschäften eine immer wichtige Rolle. Foto: dpa

Aachen. Die Zahlen sind eindeutig: Der durchschnittliche Kunde, hat Georg Fahrenschon errechnen lassen, kommt nur noch einmal im Jahr in die Geschäftsstelle seiner Sparkasse. Dafür besucht er mehr als 100 Mal die Internetfiliale und ruft 192 Mal die Sparkassen-App auf.

Der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands zieht daraus eine klare Schlussforderung: „Wir müssen das Geschäftsstellennetz umbauen.“ Eine „spürbare Reduktion“ sei notwendig. Es gibt nicht wenige Sparkassen, die dies bereits radikal umsetzen.

Die im Vogtland zum Beispiel, einem sehr ländlich geprägten Gebiet im Grenzgebiet zwischen Bayern, Sachsen und Thüringen, das unter großem Bevölkerungsschwund leidet: Die Hälfte der 53 Geschäftsstellen soll geschlossen werden. Aber auch die Stadtsparkasse Düsseldorf, also ein Geldinstitut in einer wachsenden Großstadt: Die Zahl der personalbesetzten Filialen soll bis 2019 von 64 auf 46 gesenkt werden.

Der Trend ist erkannt: Das Internet spielt auch bei Geldgeschäften eine immer wichtige Rolle. Alle sind davon betroffen, Sparkassen, Genossenschaftsbanken oder private Geschäftsbanken. Und sie haben bereits darauf reagiert: Das Netz der Filialen – zumindest der mit Mitarbeitern besetzten – wurde in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgedünnt.

„Uns ist bewusst, dass ein Weiter-wie-bisher sehr wahrscheinlich nicht mehr ausreichen wird, um das erreichte Niveau der Profitabilität beibehalten zu können“, hat der Vorstandsvorsitzende des Verbandes der Sparda-Banken, Joachim Wuermeling, im März konstatiert.

Angesichts dieser Fakten ist es durchaus bemerkenswert, dass unter den Häusern, die ihren Hauptsitz in der Region Aachen haben, bislang nur die Sparkasse Düren und die Kreissparkasse Heinsberg Einschnitte in ihr Geschäftsstellennetz angekündigt haben.

Die Dürener wollen die Zahl ihrer Filialen bis Oktober um zehn auf 25 reduzieren (zwei werden geschlossen, acht in automatisierte Selbstbedienungsstellen umgewandelt, wovon es dann in Zukunft 15 geben soll), im Kreis Heinsberg will die Sparkasse ab April statt bislang 50 nur noch 39 Geschäftsstellen unterhalten. Geschlossen wird keine Filiale, die betroffenen elf werden in reine SB-Stellen umgewandelt, wovon es bislang nur zwei gibt.

Die Zeiten, in denen die kleine Filiale zum Bild eines Ortes gehörte wie der Bäcker oder Metzger, sind also vorbei. Der Trend wird sich in den kommenden Jahren fortsetzen. Vielen jungen Menschen mag das noch nicht einmal ein Achselzucken wert sein.

Sie wickeln ihre Bankgeschäfte ohnehin zunehmend im Internet ab und erwarten von ihrem Kreditinstitut deshalb vor allem einen professionellen Online-Auftritt. Die regionale Verwurzelung spielt da keine so große Rolle mehr – wovon die reinen Online-Banken profitieren.

Doch auch diese Kunden trifft die fehlende Versorgung mit Geldautomaten. Und für ältere Menschen, die kein Online-Banking nutzen, bedeutet der Verlust der Bankfiliale vor Ort eine echte Einschränkung. Das Problem kennt auch Sparkassenpräsident Fahrenschon: „Für viele ältere Kunden sind die Filiale und der Ansprechpartner vor Ort von zentraler Bedeutung“, sagte er im Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Focus“.

„Aber die Jungen ziehen in die Stadt. Die Nutzung kleiner Filialen auf dem Land geht immer mehr zurück.“ Der Rest ist reine Betriebswirtschaft: Irgendwann sei dann der Punkt erreicht, an dem eine Filiale nicht mehr rentabel betrieben werden kann.

Und damit haben vor allem Sparkassen und Genossenschaftsinstitute ein großes Problem. Denn deren wesentliches Markenzeichen ist eben genau diese Präsenz in der Fläche, die räumliche Nähe zum Kunden. „Wir werden auch in zehn Jahren auf dem Land mit qualifizierten Mitarbeitern in der Sparkasse um die Ecke zur Verfügung stehen“, versichert deshalb Fahrenschon.

Wäre das nicht mehr so, würden sich die Institute selbst eines großen Stücks ihrer Geschäftsgrundlage berauben. Doch es gibt auch ganz praktische Gründe: längerfristige Immobilienmietverträge zum Beispiel, Kündigungsschutz für Mitarbeiter oder der Einfluss der Politik. Denn die Verwaltungsräte, in denen die Kommunalpolitik stark vertreten ist, haben bei einer Schließung ein entscheidendes Wörtchen mitzureden.

Doch dass sich etwas ändern muss, bezweifelt niemand. Tatsächlich ist der Prozess schon längst im Gange. Ziemlich jedes von unserer Zeitung befragte Institut gab an, die Situation genau zu beobachten. „Wir analysieren regelmäßig unser Filialnetz vor dem Hintergrund betriebswirtschaftlicher Notwendigkeiten“, heißt es bei der Aachener Bank.

„Unsere Abläufe stehen ständig auf dem Prüfstand“, lässt die Volksbank Heimbach wissen. „Die Bedürfnisse und Wünsche der Kunden ändern sich“, konstatiert die VR-Bank Region Aachen. „Wir passen unser Angebot regelmäßig der Kundennachfrage und den aktuellen Marktanforderungen an“, betont die Sparkasse Aachen. Wobei Filialschließungen allerdings bei allen Instituten aktuell keine Option sind. Fusionen schon, zumindest bei Genossenschaftsbanken.

Jüngste Beispiele sind die Aachener Bank und die Raiffeisenbank Aldenhoven sowie die Heinsberger Volksbank und die Raiffeisenbank Heinsberg, die sich in diesem Jahr zusammengetan haben. Gleiches planen im kommenden Jahr die Raiffeisenbank Erkelenz und die VR-Bank Rur-Wurm.

Ansonsten heißt das Stichwort „Flexibilisierung“. „Der Kunde will es einfach, persönlich, schnell“, sagt Veit Luxem, Sprecher der Volks- und Raiffeisenbanken im Kreis Heinsberg – persönlicher Kontakt auf der einen Seite, digitale Kanäle auf der anderen. Online wird also nicht als Konkurrenz gefürchtet, sondern als Ergänzung oder Teil des eigenen Geschäfts begrüßt.

Dabei gilt die Regel: Einfache Vorgänge werden zunehmend im Internet oder am Selbstbedienungsautomaten erledigt – mehr und mehr auch von älteren Kunden. Komplexe Fragen hingegen – etwa eine Immobilienfinanzierung betreffend – werden immer noch lieber im direkten Gespräch mit einem kundigen Berater erörtert. Die kommen dann gerne auch mal zum Kunden nach Hause oder ermöglichen ein Gespräch in der Filiale außerhalb der „normalen“ Öffnungszeiten.

Bei den meisten Geldhäusern gehört das zum Standardprogramm. Nicht wenige kleine Geschäftsstellen sind nicht die ganze Woche über, sondern nur halbtags oder an bestimmten Tagen geöffnet. Größere Beratungszentren bündeln als aufgepeppte „Flaggschiffe“ bestimmte Angebote, die über Überweisungen, Ein- oder Auszahlungen hinausgehen. Mitarbeiter stehen telefonisch teilweise bis 22 Uhr oder auch an den Wochenenden zur Verfügung. Busse bedienen als mobile Filialen Orte, in denen es früher vielleicht noch eine feste Anlaufstelle gab.

„Filiale mit Zukunft“ nennt zum Beispiel die Kreissparkasse Heinsberg ihr Konzept, die Sparkasse Düren spricht von einer „Wachstumsoffensive“. Beide haben dafür investiert. Das hat auch die Raiffeisenbank Eschweiler getan, die ihre Filialen in Nothberg und Bergrath gerade erst modernisiert hat. Oder die Raiffeisenbank Simmerath, die in Roetgen neu baut.

Oder die Aachener Bank, die im kommenden Jahr neue Geschäftsräume in Aachen-Burtscheid beziehen wird. Oder die Sparkasse Aachen, die im Januar sogar eine neue Geschäftsstelle am Campus Melaten eröffnen wird. Manchmal muss man halt selbst in schwierigen Zeiten Geld in die Hand nehmen, um sich für neue Herausforderungen neu aufzustellen.

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