Unternehmerforum: Die Aufmischerin fordert zum Gründen auf

Von: Thorsten Karbach
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Die digitale Wirtschaft ist ihre Heimat: Andera Gadeib ist Gründerin der Online-Marktforschung Dialego AG. Davon erzählt sie beim Unternehmerforum von IHK und Aachener Zeitung. Foto: Andreas Herrmann
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Die digitale Wirtschaft ist ihre Heimat: Andera Gadeib ist Gründerin der Online-Marktforschung Dialego AG. Davon erzählt sie beim Unternehmerforum von IHK und Aachener Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Sie wohnt im Aachener Süden. Im Internet ist sie zuhause. Und die digitale Wirtschaft ist ihre Heimat. Letzteres sagt Andera Gadeib selbst. Und sie sagt es voller Überzeugung – beim 39. Unternehmerforum von Industrie- und Handelskammer Aachen mit der Aachener Zeitung.

Sie ist eine Botschafterin – für ihre Themen. Und das ist die Gründerin der Dialego AG gerne. Geboren wurde sie 1970 – in Aachen. Der Vater ist Syrer, die Mutter Deutsche, sie studierte Wirtschaftsinformatik und Marketing in Aachen, Maastricht und Fairfax (USA). Sie hat drei Kinder und kommuniziert mit ihrem 83-jährigen Vater ganz selbstverständlich über einen Kurznachrichtendienst auf dem Smartphone. Sie nennt sich „umtriebig“, und in der Tat ist sie an vielen Fronten aktiv.

Dieses Engagement beschränkt sie nicht auf ihre drei Unternehmen: Die Dialego AG hat sie 1999 gegründet, Smartmunk 2012 und lets-balance.de ganz neu in diesem Jahr. Sie ist in Gremien der IHK und anderswo aktiv, setzt sich für Glücksunterricht in der Schule ein und bloggt („trudy talks“) aus ihrem Alltag. Dabei hat auch ihr Tag nur 24 Stunden.

Sie will die digitale Welt gestalten – aus Aachen. Und genau so lautete dann auch der Titel des 39. Unternehmerforums von IHK und Aachener Zeitung. Für ihr Thema ist sie dann aber auch auf der ganzen Welt unterwegs. In Berlin wie auch im Silicon Valley. Im Dezember 2012 wurde sie vom damaligen Wirtschaftsminister Philipp Rösler in den Beirat Junge Digitale Wirtschaft berufen. Im März 2014 wiederholte Sigmar Gabriel diese Berufung. In diesem Umfeld will sie mehr Menschen begeistern, ein Unternehmen zu gründen. Sie spricht von einer „Stärkenschmiede“.

Sie will ein Schulfach Computing schon für Schüler anbieten, würde sich freuen, wenn ihr Sohn statt zwischen Französisch und Latein zwischen diesen beiden und einer Programmiersprache hätte wählen dürfen. Sie will speziell Frauen, besser bereits Mädchen fördern, damit sie ein eigenes Unternehmen als Ziel ins Auge fassen. Und sie will die Finanzierung eines solchen Unternehmens erleichtern. Allein die gute Idee, die muss auf jeden Fall da sein. Ihr Fernziel ist es dabei, selbst als Investorin auftreten zu können. „Frauen als Gründerinnen müssen einfach stärker gefördert werden. Das ist mein Projekt“, betont sie.

Sie machtMarktforschung – und zwar online. Die Dialego AG der durchaus ungewöhnlichen Unternehmerin sorgte schnell für Furore. Ihre Geschichte wurde überall in Deutschland erzählt, der „Stern“ lud sie zu einem Modeshooting. Die Kleider kamen von Wolfgang Joop. „Das würde ich heute wohl nicht mehr machen“, sagt Gadeib dazu. Sie hätte auch kaum mehr Zeit dazu. Die Dialego AG arbeitet für rund 100 Marken, darunter sind viele bekannte Namen wie Coca-Cola.

Es gibt Büros in Hamburg, London, Paris und New York. Mit ihrer zweiten Firma Smartmunks liefert sie die Online-Tools, mit der sich Konzepte und Ideen bewerten lassen. Es geht um interaktive Umfragen und Textanalysen. Und mit lets-balance.de ist sie auf den Hund gekommen. Und auf die vielen anderen Haustiere. Bei einem Ausritt mit Tierheilpraktikerin Sabine Booms wurde die Idee entwickelt, digitale Diagnosen und Therapien anzubieten – allein ein paar Haare des Tieres müssen für die sogenannte Energiediagnose eingetütet werden. Der Rest läuft digital. Natürlich.

Sie sucht Herausforderungen – zum Beispiel Marktforschung, also Umfragen und Erhebungen, spannend zu erzählen. Es geht ihr nicht um Papierfragebögen, die eins zu eins ins Internet übertragen werden oder Balkendiagramme. „Die Ergebnisse sollen Spaß machen“, sagt sie.

Da gibt es beispielsweise die Geschichte vom sauberen Hund: Herrchen und Frauchen wurden eingeladen, ihre Ideen für ein Handtuch oder Ähnliches einzubringen, mit dem Hunde abgetrocknet werden können. Letztlich konnten die Hundehalter eine ganze Produktlinie cokreieren. Der Auftraggeber hat damit erfolgreich ein ganzes Marktsegment besetzt.

Sie setztauf neue Kanäle – und dabei zunehmend auf Smartphones. Sie nennt sie den Kanal der Zukunft für die Online-Marktforschung. Wohin die Reise führen kann, zeigt das Dschungelcamp. Mit Vermarktungsgesellschaft IP Deutschland, einer RTL-Tochter, hat sie die Meinungsplattform „I love my media“ entwickelt und die Wirkung von Product Placement – also das Platzieren von in diesem Fall bestimmten Joghurts und Keksen – auf den Konsumenten überprüft. „Wir konnten sehen, dass vermehrt Kekse gekauft wurden, wenn sie im Dschungelcamp auftauchten“, berichtet Gadeib. Und das hat dem Hersteller natürlich geschmeckt.

Sie kenntUngeduld – und nennt sie ihre große Schwäche. Begeisterung ist dagegen ihr Antrieb. Und sie kann kämpfen. „Man muss auch Scheitern lernen. Aber Scheitern wird in Deutschland nicht gerne gesehen“, sagt sie.

Sie empfindetes als Lob, Aufmischerin zu sein. Im besten Sinne. „Ich würde sofort zu Daimler oder VW in den Aufsichtsrat gehen, aber ich glaube, die nehmen mich nicht, weil sie mich irgendwie komisch finden“, sagt die Unternehmerin und lacht. Die Frau hat kein Problem damit anzuecken. Und sie diskutiert gerne – etwa über das Aufwachsen.

„Die genormte Erziehung in Deutschland gefällt mir nicht“, erklärt sie und fordert Gestaltungsfreiheit. „Wir haben hier irre viele Studenten und eine gigantisch gute Lehre – aber was hier rauskommt, das ist mir zu wenig“, findet sie – die digitale Wirtschaft lasse sich von Aachen aus gestalten. Mitstreiter sind bei Andera Gadeib herzlich willkommen. Diese Botschaft ist eindeutig.

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