Trigema-Chef Grupp: Verantwortung und Einbindung

Von: Hermann-Josef Delonge
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So und so ist die Welt: Trigema-Inhaber Wolfgang Grupp liebt die klare Kante. Foto: Anja Blees

Erkelenz. Man hat diese Bilder im Kopf, wenn von Wolfgang Grupp die Rede ist: den TV-Werbespot natürlich, der gefühlt seit Jahrzehnten unverändert vor der Tagesschau kommt, mit Grupp, der sagt, dass er die Arbeitsplätze seiner Trigema-Mitarbeiter in Deutschland garantiert, und einem sprechenden Schimpansen, der die Zuschauer mit „Hallo Fans“ begrüßt.

Oder die Auftritte in den Talkshows, bei denen er mal gegen Gewerkschaften, mal gegen Top-Manager poltert. Aber auch das Mausoleum, das Grupp sich in seinem Heimatort Burladingen im schwäbischen Zollernalbkreis bereits hat errichten lassen, 45 Meter lang, 15 Meter breit. Das alles hat dem Textilunternehmer das Adjektiv „exzentrisch“ eingebracht.

Grupp kann damit gut leben, es ist sein Markenzeichen geworden. Wie der firmeneigene Hubschrauber, mit dem er an diesem Tag auch nach Erkelenz gekommen ist, um in der Volksbank auf Einladung der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Kreises Heinsberg und des Zweckverbands Region Aachen zu sprechen.

Grupp trägt seine Uniform: Maßanzug, gestreiftes Hemd mit weißem Kragen und Manschetten, Krawattennadel. Seine Umgangsformen sind von ausgesuchter Höflichkeit.

Fürs Interview hat der 73-jährige „alleinige Geschäftsführer und Inhaber“ der „Trikotwarenfa- brik Gebrüder Mayer“ sich „selbstverständlich“ Zeit genommen. „Aber glauben Sie nicht, dass ich das mache, weil ich so viel Spaß daran hätte. Ich verstehe das als gute Werbung.“ Die Fronten sind damit geklärt; Grupp legt los.

Herr Grupp, alle Welt verbindet Ihren Namen mit dem sprechenden Affen im TV-Werbespot. Können Sie damit leben?

Grupp: Selbstverständlich. Das beweist doch nur, dass ich Geld für Werbung ausgegeben habe und dieses Geld auch angekommen ist. Das freut den Schwaben.

Das zweite Bild, das man von Ihnen im Kopf hat, ist das eines Unternehmers, der viel und sehr meinungsstark in Talkshows auftritt. Was treibt Sie an?

Grupp: Offensichtlich lädt man mich ein, weil ich eine Meinung habe und diese dezidiert vertrete. Das mache ich dann sehr gerne.

Gerade in Zeiten, in denen immer mehr Unternehmen Arbeitsplätze ins billige Ausland verlegen, sind Sie ein gern gesehener Gast.

Grupp: Offensichtlich. Ich bin der Meinung, dass wir in Deutschland problemlos produzieren können. Allerdings müssen wir als Unternehmer dann auch die einem Hochlohnland entsprechenden Produkte fertigen. Wenn ich aber aus Gier und Größenwahn jedem Auftrag nachlaufe und am Schluss Massenprodukte fertige, dann ist mir natürlich der Kollege, der zum Beispiel in Asien fertigen lässt, überlegen. Da mache ich nicht mit.

Haben Sie eine Mission?

Grupp: Überhaupt nicht. Aber ich war der erste, der mit der Verlagerung von Arbeitsplätzen konfrontiert wurde. Meine Produkte wurden irgendwann nicht mehr gekauft. Um mich herum gingen viele Textilunternehmen in die Pleite. Deshalb habe ich reagiert und protestiert. Mir ist klar: Deutschland braucht Produktionsarbeitsplätze.

Wie argumentieren Sie: ökonomisch oder moralisch?

Grupp: Beides. In erster Linie natürlich ökonomisch – und egoistisch. Es ist doch so: Wer arbeitslos wird und weniger Geld zur Verfügung hat, der spart doch zuerst an meinen Produkten. Denn die Kleiderschränke sind voll. Auto, Handy, Urlaub: Das bleibt. Aber T-Shirts werden dann nicht mehr gekauft. Deshalb ist es unbedingt notwendig, die Kaufkraft zu stärken. Und dann kommt die moralische Komponente hinzu: Ich habe Mitarbeiter, die seit 20, 30, 40 Jahren in meinem Unternehmen beschäftigt sind. Die mir ihre Arbeitskraft in guten wie in schlechten Zeiten gegeben haben. Denen fühle ich mich selbstverständlich verpflichtet – so, wie sie mir verpflichtet sind. Ich sage immer: Wenn beide Seiten ihrer Verpflichtung nachkommen, gibt es keine Probleme.

Bei allem Verantwortungsgefühl Ihren Mitarbeitern gegenüber: Sie stehen nicht in dem Verdacht, ein Sozialromantiker zu sein.

Grupp: Mit Sicherheit nicht. Ich bin kein Sozialsäusler, ich bin Kapitalist. Mir soll es gut gehen, ich will Erfolg haben. Das geht aber nur, wenn es auch meinem Umfeld gut geht. Die Formel ist ganz einfach: Je besser ich mit meinen Mitarbeitern umgehe, desto größer ist ihre Bereitschaft, gut zu arbeiten.

Bestätigen die Unternehmenszahlen Ihren Kurs?

Grupp: Ich habe jedenfalls in meinen Jahren als alleiniger Geschäftsführer nie eine negative Bilanz vorgelegt. Selbstverständlich hatten wir viele Probleme. Meine Aufgabe ist es, diese zu lösen.

Wie groß waren die Probleme?

Grupp: Wir leiden direkt unter dem Verlust der Kaufkraft bei den Konsumenten, aus den beschriebenen Gründen. Probleme sind also nicht durch Missmanagement bei uns entstanden, sondern durch die Fehler der anderen. Und da habe ich mich schon sehr berufen gefühlt, auch öffentlich klar Position zu beziehen. Wir haben Millionen investiert, um die Produktion aufrechtzuerhalten.

Meine Devise war immer: volle Auslastung. Wir fertigen von Januar bis Dezember. Voraussetzung ist allerdings, Produkte herzustellen, von denen ich überzeugt bin, dass wir sie innerhalb von ein, zwei Jahren auch verkaufen können. Das nenne ich gesundes, klassisches Wachstum in einer bedarfsgedeckten Wirtschaft. Produkte, die in einen ruinösen Preiskampf geraten sind, geben wir konsequent ab. Dafür entwickeln wir dann neue Produkte, bei denen der Preis keine so große Rolle spielt. Dazu braucht man Qualität, Flexibilität und Innovation.

Grupp hat sich in Rage geredet. Mal reckt er den Zeigefinger hoch, mal klopft er auf die Tischplatte, mal versetzt er der Luft kräftige Handkantenschläge. Man weiß nicht, ob das ehrliche Empörung ist oder doch nur runtergespulte Routine, tausendfach erprobtes Kalkül. So oder so: Dahinter steckt ein klares, durch und durch konservatives Weltbild. Angst davor, skurril zu wirken, hat er jedenfalls nicht. „Was wollen Sie, ich bin doch völlig normal“, sagt der verständnislose Blick, mit dem er die Frage ins Leere laufen lässt.

Was hat Sie persönlich geprägt?

Grupp: Natürlich die Traditionen, mit denen ich aufgewachsen bin. Vor 60 Jahren war der Fabrikant ein Ehrentitel. Die Arbeiter waren stolz darauf, zum Beispiel beim Bosch oder beim Daimler zu arbeiten. Und der Fabrikant war ihr Schutzpatron. Bei uns ist das auch heute noch so. Ich glaube, dass meine Mitarbeiter tatsächlich stolz darauf sind, bei Trigema zu arbeiten. Sie haben und hatten immer die Möglichkeit, sich durch Leistung hochzuarbeiten. Alle meine leitenden Angestellten haben bei Trigema eine Lehre gemacht. Wir haben keine Akademiker.

Weil Sie ihnen misstrauen?

Grupp: Nein. Das hat ganz praktische Gründe. Welcher Akademiker, der in einer großen, attraktiven Stadt studiert hat, kommt schon freiwillig in die schwäbische Provinz nach Burladingen? Für kurze Zeit vielleicht, quasi als Zwischenstation. Damit ist mir nicht gedient.

Sie wollen Kontinuität.

Grupp: Sicher. Wenn sich jemand zum Beispiel aus Hamburg bei uns bewirbt, liegt der Schluss nahe, dass er nicht gut ist. Wäre er es, würde er ja in Hamburg bleiben und dort Arbeit finden. Deshalb habe ich immer gesagt: Wir müssen selbst ausbilden.

Das ist der Fluch der Provinz.

Grupp: Moment, kein Fluch. Die Provinz hat auch ihre Vorteile. Hier finde ich die treuen Mitarbeiter. Und wir bilden sie selbst gut aus. Wir leben von der Anständigkeit, die ich seit Jahrzehnten pflege: Wir entlassen nicht, wir verlagern keine Arbeitsplätze ins Ausland, wir bieten den Kindern unserer Mitarbeiter Arbeitsplätze an. Darauf können sich meine Leute verlassen. Dieses ganze Gerede von mehr Flexibilität ist doch verlogen. Die Menschen wollen Verlässlichkeit. Ich biete ihnen eine Heimat, eine zweite Familie im Betrieb.

Ist das nicht unmodern?

Grupp: Finde ich nicht. Ich bin davon überzeugt, dass dies der richtige Weg war und bleibt.

Stehen Sie mit dieser Art, ein Unternehmen zu führen, allein auf weiter Flur?

Grupp: Überhaupt nicht. Ich glaube, 80 Prozent der Mittelständler in Deutschland denken und arbeiten so. Und noch einmal: Das hat auch ganz handfeste ökonomische Gründe. Ich will Geld verdienen, und deshalb mache ich Dinge, die mir nützen. Dazu gehören zufriedene Mitarbeiter.

Zum Schluss dann noch die Frage, ob er schon mal ans Aufhören denkt. Immerhin sind seine Kinder, Tochter Bonita und Sohn Wolfgang junior, nach Schulzeit im Internat in der Schweiz und BWL-Studium in London zurück in der schwäbischen Provinz und arbeiten im väterlichen Unternehmen.

Grupp steigert sich wieder in einen Redeschwall, spricht von Verantwortung, die er delegiert, vom Einbinden der Mitarbeiter in den Entscheidungsprozess und davon, dass seine Kinder von bestimmten Bereichen viel mehr Ahnung hätten als er. Aber er lässt auch keinen Zweifel aufkommen: Trigema, das ist Wolfgang Grupp. Und das wird wohl noch eine Weile so bleiben.

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