Köln/Aachen - Straßenzustand: „Das Rheinland bröckelt weg“

Straßenzustand: „Das Rheinland bröckelt weg“

Von: Berthold Strauch
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Stau, so weit das Auge reicht: Einer von vielen Punkten, der in der IHK-Umfrage zur Verkehrssituation zur Sprache kommt. Foto: Stock/Rüdiger Wölk

Köln/Aachen. Ulf C. Reichardt redet Klartext: „Das Rheinland bröckelt weg“, bringt der Hauptgeschäftsführer der Kölner Industrie- und Handelskammer (IHK) eine leidlich bekannte Misere knapp auf den Punkt. Was den Chef dieser wirtschaftsnahen Organisation zu dermaßen drastischen Worten greifen lässt, ist der aus seiner Sicht schändliche Zustand der Verkehrsinfrastruktur in der Region – und unterm Strich betrachtet sieht es auch in der gesamten Bundesrepublik nicht viel anders aus.

Wie sehr den Unternehmen diese Probleme auf den Straßen unter die Haut gehen, versuchten die rheinischen Kammern, von Aachen über Köln bis Düsseldorf, Krefeld, Bonn und dem Bergischen Land, mit einer detaillierten Umfrage unter ihren Mitgliedsbetrieben zu ergründen – mit einem Ergebnis, das wahrlich nicht überraschen konnte. Wenn etwa wie im vergangenen Herbst urplötzlich eine Rheinbrücke bei Leverkusen als praktisch einsturzgefährdet erkannt wurde und damit sofort für den Schwerlastverkehr gesperrt werden musste, um schlimmeres Unheil abzuwenden, dann bedeute solch eine Notoperation „massivste Auswirkungen“ für die Firmen, die weite Umwege fahren mussten, und ihre Mitarbeiter, die viel kostbare Zeit im Stau zubringen mussten. Auf durchschnittlich 1750 Euro Mehrkosten pro Tag bezifferte Reichardt gestern in Köln allein die finanziellen Zusatzbelastungen für jedes Unternehmen.

Doch wenn dieser Aufschrei am Rhein etwas Positives bewirkt haben mag, dann das: Mittlerweile sei das Thema bei der Politik angekommen, zeigte sich der Kölner IHK-Chef halbwegs zufrieden. Und die Politik sei es, die nun die Weichen – im sprichwörtlichen Sinne auch bei der Bahn, aber insbesondere bei den zuständigen Stellen für den Zustand der Auto- und Lkw-Trassen – richtig und zügig stellen müsse, fügte Reichardt an.

Die beteiligten sechs Kammern haben aus ihrem jeweiligen Zuständigkeitsbereich die heikelsten Problemstellen im Infrastrukturnetz zusammengefasst. Und als nächster Schritt steht nun die Erarbeitung einer Projektliste an, die möglich ohne Verzögerung abgearbeitet werden müsse, wenn der totale Verkehrskollaps vermieden werden solle. Rettung in quasi letzter Minute sei geboten, sprach Reichardt von „dramatischen Schäden“, die in Ordnung gebracht werden müssten. Dies nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass sich insbesondere die Güterverkehrsleistung auf der Straße im Rheinland bis zum Jahre 2025 fast verdoppeln werde – deutlich stärker als im bundesweiten Durchschnitt. Dies sei ein Ergebnis der Tatsache, dass diese Region mit Blick auf die Seehäfen an der belgischen und niederländischen Nordsee zu einer „Verkehrsdrehscheibe“ geworden sei.

40 Prozent sind für eine Maut

Bei der Kammerumfrage machten rund 1200 rheinische Unternehmen mit, mit dieser Rücklaufquote von zehn Prozent zeigten sich die Verantwortlichen recht zufrieden. Die Betriebe hätten erkannt, dass der Wirtschaftsstandort gefährdet sei, wenn mittelfristig nicht investiert werde, erläuterte Kurt Schmitz-Temming, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Bonn/Rhein-Sieg.

Nur ein Drittel der Befragten lehnten indes eine Erhöhung der Lkw-Maut zur Finanzierung dieses Aufgabenberges ab. Demgegenüber spräche sich eine ähnlich große Zahl von Betrieben für eine Ausweitung auf das Straßennetz abseits der Autobahnen aus. Ähnlich sei die Unterstützung zugunsten einer Maut für Lkw ab 3,5 Tonnen. Und 40 Prozent unterstützten die Einführung einer Pkw-Maut (Mehrfachnennungen möglich). Damit solle aber kein „Freifahrtschein“ verbunden werden, die zusätzlichen Einnahmen zur Deckung von Haushaltslöchern zweckzuentfremden, das Geld müsse schon zwingend in die Sanierung der Verkehrsinfrastruktur gesteckt werden, mahnten die Kammervertreter. Die größten Engpässe gelte es auf den Autobahnen aufzulösen, unterstrichen 90 Prozent der Befragten.

Sorgen machen sich die Kammern auch über die personelle Ausstattung der Straßenbauverwaltung. Angesichts massiver Sparrunden in der Vergangenheit sei sie kaum in der Lage, die notwendigen planerischen Voraussetzungen für die zwingend gebotenen Baumaßnahmen zu leisten. In Nordrhein-Westfalen gebe es fast keine baureifen Projekte, so wurde eine Aufstockung der Mitarbeiter um bis zu 30 Prozent gefordert. Beim Abarbeiten der Probleme dürfe nicht „mit der Gießkanne“ verteilt werden, sondern es müsse dort angesetzt werden, wo die Hauptverkehrsströme seien – „nach Bedürftigkeit“, so Schmitz-Temming. In Wahlkampfzeiten sind die IHK-Vertreter optimistisch, mit ihrer Botschaft besser gehört zu werden.

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