Startups sind seine Profession

Von: Hermann-Josef Delonge und Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
7636685.jpg
Der Unternehmer-Professor: Malte Brettel begegnet potenziellen Gründern mit einem gewinnen Lächeln. Die Bilder im Hintergrund zeigen, wer Erfolg hatte, ebenso wie Mitarbeiter aus dem Gründerzentrum, die den Neu-Unternehmern den Weg bereiteten. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Mit diesem Klebstoff hat Malte Brettel sofort ein erstklassiges Geschäftsmodell verbunden. Ein biologisch abbaubarer Gewebekleber, der auch im Körper eingesetzt werden kann – das hat es in der Medizin so noch nicht gegeben. Und mit dem will das Aachener Startup Medical Adhesive Revolution GmbH (MAR) die Medizin revolutionieren – der Name der neuen Firma ist Programm.

Gegründet wurde sie am Lehrstuhl Wirtschaftswissenschaften für Ingenieure und Naturwissenschaftler an der RWTH Aachen. Dem Lehrstuhl von Malte Brettel. Der Professor ist Gründer des Startups, Leiter des Aachener Gründerzentrums. Und noch so viel mehr.

Malte Brettel kann sein Leben auf zwei Arten erzählen. Die eine geht so: Er hat Wirtschaftsingenieurwesen an der Technischen Universität Darmstadt studiert. Er hat Berufserfahrung als Unternehmensberater gesammelt, dann an der Wissenschaftlichen Hochschule Vallendar promoviert und habilitiert. Er hat ein Unternehmen – einen Onlinehandel für vergriffene Fachbücher mit dem Namen „Just Books“ – gegründet und dann von der ausgeschriebenen Stelle an der RWTH – seiner jetzigen Aufgabe – gelesen. Es hat alles genau gepasst. Von A bis Z.

Doch der gebürtige Oldenburger Malte Brettel, geboren 1967, erzählt seine Geschichte nicht so. „Es ist nie so zielstrebig gelaufen. Es war totaler Zufall. Alles“, sagt er stattdessen. Und Glück hatte er gewiss auch. Er war als Kind oder Teenager nie besonders geschäftstüchtig. Tatsächlich hatte er nach dem Studium keine Lust, an der Uni zu bleiben und wollte raus. Deswegen wurde er Unternehmensberater. Dann fand er Uni wieder spannend. Dann wieder nicht. Es war ein Hin und Her, das ihn letztlich nach Aachen führte. Dieser Weg hatte viele Kurven, ging keineswegs geradeaus von A nach Z. Brettel sagt, eine Karriere lasse sich nicht planen.

Die Krönung des Prorektors

Erfolg auch nicht. Aber er hat ihn. Seit Oktober 2003 hat er den RWTH-Lehrstuhl inne und leitet das Gründerzentrum der Hochschule, aus deren Reihen im letzten Jahr rund 50 neue Unternehmen entstanden sind – so wie Medical Adhesive Revolution. Seit 2012 ist Brettel Prorektor für Wirtschaft und Industrie der RWTH, das „Handelsblatt“ kürte ihn als forschungsstärksten Professor im Unternehmertum in Deutschland. Das ist die Krönung. Malte Brettel – oberster Hemdknopf offen, ein gewinnendes Lächeln im Gesicht – ist Hochschullehrer und Gründer. 20 Prozent seiner Zeit darf ein Professor dieser Aufgabe widmen. Er gibt Vorlesungen und berät junge Absolventen, die sich eine Existenz aufbauen. Er ist Wissenschaftler und Familienmensch.

Wie er das alles unter einen Hut bekommt? Das hat er sich mehr als einmal gefragt. „Ich habe den Vorteil, dass ich als Berater gearbeitet habe und mein eigenes Unternehmen hatte“, sagt er. Er hat gelernt zu priorisieren und zu organisieren. Er musste es lernen. Er war einmal Gast bei Siemens, durfte den damaligen Vorstand Klaus Wucherer einen Tag begleiten. Es faszinierte ihn, wie der von einem Thema zum nächsten wechselte – immer mit voller Aufmerksamkeit und Hingabe. In wenigen Stunden lernte er fürs Leben.

Wenn er heute an einem ganz normalen Tag vor Studenten spricht , mit Gründern Finanzierungsmöglichkeiten diskutiert, seine Hochschule auf offiziellen Anlässen repräsentiert und nicht zuletzt mit seinen beiden Kindern spielt, dann versucht er dies immer mit maximaler Aufmerksamkeit.

Es mag nicht immer gelingen. Aber es gelingt oft, sagen die, die ihn Tag für Tag erleben. „Man muss effizient sein. Ich muss mir immer bewusst werden, was ich will“, sagt er. Und man müsse delegieren können. Im Lehrstuhl wie im Gründerzentrum hat er Menschen um sich herum, auf die er sich verlassen kann und will. „Sonst würde ich es nicht schaffen.“ Und wenn ihn das Gründerzentrum und Ideen wie das MAR-Pflaster allzu sehr in Beschlag nehmen, dann gibt ihm das die Familie auch zur Kenntnis. „Richtigerweise“, sagt er. „Ich bin da dankbar für.“

An der RWTH ist man wiederum dankbar, dass Brettel sich für Aachen entschieden hat. „Professor Brettel steht für das unternehmerische Denken im Rektorat. Ihn zeichnet ein wacher Blick für die Chancen aus, die sich aus der Forschung für die Wirtschaft ergeben.“ Das sagt RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg. Jan Kemper, Chief Financial Officer bei Zalando, ein ehemaliger Student Brettels, der jetzt an seiner Seite als Gast eine Vorlesung hielt, sagt: „Professor Brettel vereint zwei überaus unterschiedliche Persönlichkeitstypen in sich – den Forscher und den Entrepreneur. Diese ungewöhnliche Kombination bereichert beiden Seiten und führt zu einem regen Austausch von Theorie und Praxis in einer Form, die in Deutschland ihresgleichen sucht.“

Brettel selbst nennt es ein Privileg, dass er als Unternehmertum-Professor das, was er forscht und lehrt, auch immer selber ausprobieren kann. Als Bayer mit der RWTH über den Verkauf der Patente für den Wundkleber verhandelte, da saß er neben dem RWTH-Mediziner René Tolba – als Leiter des Gründerzentrums ebenso wie als Freund. Weil die RWTH – schließlich wird sie im Wesentlichen aus Steuermitteln finanziert – keine Patente kaufen darf, stand am Ende die Gründung im Raum – mit Brettel als Wegbereiter. Er ist von der Idee des biologisch abbaubaren Gewebeklebers überzeugt.

Ob es ein ähnlicher Erfolg wird, wie Brettels 1999 mit anderen gegründete Firma „Just Books“ muss sich zeigen. Es war typisch für Brettel: Es bestand damals keine Not, die Firma zu gründen. Er wollte es. Er fragte seine Freundin, die heute seine Frau ist. Er fragte seinen Professor. Alle standen hinter ihm. Aus „Just Books“ wurde „Abe Books“, und das wurde für viel Geld an Amazon verkauft. Zweifellos eine Erfolgsgeschichte – auch wenn es Tiefen gab.

Das Problem eines jeden Unternehmers: Es gibt keine Patentrezepte, auch nicht bei Malte Brettel im Gründerzentrum. Jeder könne Wundkleber verkaufen wollen. Aber ob ein Businessplan am Ende aufgeht? Wer weiß das schon vorher? Dem Yale-Absolventen Frederick Smith wurde von einer Gründung abgeraten. Er zog seine Pläne dennoch durch – sein FedEx, heute ein Weltkonzern. Michael Dell wurde abgeraten, Computer zu bauen. Persönlichkeit ist immer ein Erfolgsfaktor. Marktforschung kann helfen. Kapital ist Voraussetzung. „Und jeder Unternehmer muss zwischen dringend und wichtig entscheiden“, sagt Brettel. Wichtige Entscheidungen bestimmen die Zukunft. Auch wenn sie Gründer um den Schlaf bringen.

Brettel sagt, er stehe jeden Morgen gerne auf. Er hält kurz inne und zitiert dann aus einem Buch des Ex-Mafiosi Louis Ferrante. In „Mob Rules“ rät der sinngemäß: Lerne, deinen Job zu lieben, dann muss du nie wieder arbeiten. „Das finde ich großartig“, sagt Brettel. Der Mann liebt seinen Job und jede neue Aufgabe – da bleibt nicht nur der Wundkleber haften.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert