So wird der süße Hase ins Stanniol gesteckt

Von: Thorsten Karbach
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Hinter der Verpackung steckt Maschinenbau: Die Kölner Firma Wilhelm Rasch hüllt Hasen und andere Schokoladen ein. Foto: Steindl, Jaspers
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Hinter der Verpackung steckt Maschinenbau: Die Kölner Firma Wilhelm Rasch hüllt Hasen und andere Schokoladen ein. Foto: Steindl, Jaspers
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Hinter der Verpackung steckt Maschinenbau: Die Kölner Firma Wilhelm Rasch hüllt Hasen und andere Schokoladen ein. Foto: Steindl, Jaspers
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Verpackt weltweit süße Überraschungen: Das Kölner Unternehmen Wilhelm Rasch GmbH & Co. KG um Tina Gerfer. Foto: Steindl, Jaspers

Köln/Aachen. Neuseeland hat einen Vogel. Es ist der Kiwi, und den gibt es nun auch in Schokolade. Süße Sache und damit ganz nach dem Geschmack von Tina Gerfer. Denn ihr Unternehmen, die Wilhelm Rasch GmbH & Co KG in Köln-Bickendorf, verantwortet die Maschine, mit der der Schokovogel dann beim Hersteller in Neuseeland in goldenes Stanniolpapier (Folie) gewickelt wird.

Mit dem Kiwi läuft es letztlich wie mit den Weihnachtsmännern und Nikoläusen im Dezember oder eben den Hasen zum Osterfest – es braucht spezielle Maschinen, um die Hohlkörper so zu verhüllen, dass sie dabei nicht zerbrechen. Und der Weltmarktführer für diese ist Gerfers Kölner Familienunternehmen. Neun von zehn Osterhasen, die dieser Tage die Supermarktregale bevölkern, wurden mit einer Rasch-Maschine verpackt. Im Grunde hatte jeder schon mal eine Schokolade in der Hand, die mit einer Rasch-Maschine verpackt wurde. Oder eine Badesalztablette. Oder einen Radiergummi.

Über 1000 Temperier- und Verpackungsmaschinen der Wilhelm Rasch GmbH & Co. KG sind schätzungsweise weltweit im Einsatz. Manche schon seit 50 Jahren. Der Betrieb mit seinen 70 Mitarbeitern bedient einen Nischenmarkt: Mit Rasch-Maschinen wird verpackt, was irgendwie empfindlich ist. Die klassischen rechteckigen Schokoladentafeln sind das nicht, hier verantworten andere Firmen, dass mittlerweile 400 Tafeln in der Minute verpackt werden können. In Köln dreht sich alles um eigenwillige Formen, um Pralinen, Schokobonbons (deren Verpackung wird Doppeldreheinschlag genannt), Eier, kleine und große Figuren. Die Hasen sind natürlich die bekanntesten. Auch das schmunzelnde Exemplar aus Aachen wurde mit einer Kölner Maschine in seine goldene Hülle gesetzt, aber auch die Küken und Froschkönige von Lindt & Sprüngli werden an Rasch-Maschinen verpackt.

Die Grenzen setzt die Physik

Die Formen werden immer vielfältiger, die Herausforderungen damit natürlich größer. Die Grenzen schreibt die Physik vor. Großer Kopf, dünner Hals, dicker Rumpf – so etwas schafft kein Schokoguss der Welt, so etwas muss entsprechend auch nicht verpackt werden. Auch Tiere mit vier einzelnen Beinen sind zu viel des Guten. Besonders heikel ist es immer, wenn Schokolade gefüllt wird, etwa in Form von Schnapspralinen. Wenn da beim Verpacken eine Praline zu Bruch geht, dann läuft die klebrige Füllung aus, die Maschine muss gestoppt und gereinigt werden. Die Ausfallzeit kostet den Süßwarenhersteller Geld. So etwas darf nicht passieren. Effizienz ist entscheidend.

Die Probleme beim Einwicklen eines Schokoladenhasen, so erzählt Geschäftsführerin Tina Gerfer, sind im Prinzip die gleichen wie beim Einpacken von Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenken. Nur dass ein Riss in der Verpackungsfolie oder ein hässlicher Knubbel an anderer Stelle nicht mit Tesafilm oder Schere behoben werden kann. Gleichmäßig wird die Folie in der Maschine um den Hasen gelegt und mit sanftem Druck zusammengefügt. Bis in die 1990er wurde übrigens bei größeren Hasen noch Hand angelegt, um vernünftig zu verpacken.

Das ganze Jahr

Der Wechsel der sogenannten Wickelwerkzeuge macht es mittlerweile möglich, eine Maschine ganzjährig zu nutzen. Ostern für Weihnachtsmänner, Weihnachten für Osterhasen, dazwischen für Küken, Frösche oder auch die Biene Maja. Schokolade wird eben immer gegessen – in jeder Form. Auch als Monster. Die „Yowies“ gibt es in den USA an jeder „Wal-Mart“-Kasse. Es sind witzige Monsterfratzen mit einem Plastikkern, in dem eine Überraschung steckt.

Das Prinzip kennt Europa in Eierform. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied, der auch den Rasch-Maschinenbauer eine besondere Aufgabe beschert hat: In den USA muss die Überraschungskapsel beim unverpackten Produkt von außen sichtbar sein. Alles andere ist tatsächlich verboten. Die beiden Hälften sitzen nur lose aufeinander. Die Verpackungsmaschine braucht also einen ganz besonders feinfühligen Greifer, um die Monster in ihre bunten Folien zu heben. Ach du dickes Ei!

Letztlich braucht jede Figur eine individuelle Ausrichtung der Maschine. Und ständig werden neue Figuren entworfen. Halloween und der Valentinstag machen die Schokoladendesigner erfinderisch – das ist auch gut für die Maschinenbauer in Köln.

Dabei liegen bittere Jahre hinter dem Betrieb. Altlasten wie enorme Pensionsrückstellungen bremsten die Innovationskraft des Unternehmens, dann kam auch noch die Weltwirtschaftskrise. Die Liquidität wurde zum Problem. Als ein Großauftrag einging, hätte der Spezialmaschinenbauer eigentlich in Jubel ausbrechen müssen. Doch das Gegenteil war der Fall: Es fehlte das Geld für eine Vorfinanzierung. So nützte auch der größte Auftrag nichts. Guter Rat war teuer. Ein Vortrag bei der Kölner IHK zeigte dann den Weg aus der Misere auf: Seit dem 1. März 2012 gibt es in Deutschland ein Gesetz, das ESUG (Gesetz zur Erleichterung der Sanierung von Unternehmen), welches eine Sanierung eines Unternehmens unter Insolvenzschutz möglich macht.

Der Schutzschirm

Beim sogenannten Schutzschirmverfahren handelt es sich um eine Insolvenz, aber eben keine, bei der es nur noch darum geht, ein Unternehmen abzuwickeln oder einen Käufer aufzutreiben. Bei dieser Insolvenz blieb die Rasch-Geschäftsführung in der Verantwortung, die gesamte Belegschaft konnte weiterbeschäftigt werden. Es wurden aber Prozesse verändert, neue Konzepte entwickelt, Altlasten abgetragen. Mit dem Service wurde ein zweites Standbein etabliert.

Frühzeitig war der Schritt gegenüber Kunden und Lieferanten kommuniziert worden, wohl wissend, dass das Wort Insolvenz in Deutschland Untergangsstimmung verbreitet. Die Offenheit, mit der Gerfer, die 2005 die Firmenanteile ihrer Mutter übernommen hatte, mit dem Thema umgingen, überzeugte offensichtlich. Nicht ein Kunde ging im Zuge des Schutzschirmverfahrens verloren.

Bedenken waren da

Bedenken waren natürlich da. Während in den USA ein „Chapter 11“ (so heißt dort eine Insolvenz) absolut salonfähig ist und ebenso wie die erste Bauchlandung bei Gründern zu jeder guten Unternehmergeschichte zählt, bleibt in Deutschland die Furcht vor der Stigmatisierung durch eine Insolvenz. Die Wilhelm Rasch GmbH & Co. KG zeigt, dass es anders laufen kann. „So eine Insolvenz ist kein Scheitern, sondern eine betriebswirtschaftliche Chance, sich aus einer Schieflage zu befreien“, erläutert Robert Buchalik, dessen Unternehmensberatung Buchalik Brömmekamp das Verfahren begleitete, den Sanierungsplan entwickelte und die dafür notwendige Kapitalerhöhung absicherte. „Wir sind gestärkt aus dem Verfahren hervorgegangen. Ich spüre seitdem eine Aufbruchstimmung“, sagt Geschäftsführerin Gerfer.

Seit 65 Jahren gibt es den Spezialmaschinenbauer, seit 51 Jahren an Ort und Stelle in Bickendorf. Nun in der dritten Generation. Tina Gerfer ist als Mädchen mit dem Zeugnis in der Hand durch die Werkshalle zum Opa gelaufen, der einst die Geschäfte führte.

Ein paar Mitarbeiter können sich noch gut an das Mädchen mit dem Zeugnis erinnern, wenn die Geschäftsführerin nun durch die Halle geht. Sie sind gut und gerne 40 Jahre im Betrieb. Die Maschinen, die sie fertigen, gehen in alle Welt – wie die, die dann nach Argentinien verschifft wird. Für einen jordanischen Hersteller wurden Maschinen für die Verpackung von Ramadan-Gebäck geliefert. Aufträge kommen aus Japan und von den Philippinen. „Made in Germany“ steht hoch im Kurs. Ein paar Meter weiter wird die größte Rasch-Verpackungsmaschine gefertigt. 300.000 Euro kostet sie samt Wickelsatz.

Der technologische Fortschritt ist nicht zu übersehen, wenn die neue Maschine mit einer älteren, die auf Generalüberholung wartet, verglichen wird. Dazwischen werden an CNC-Fräsen neue Modelle für neue Figuren gefertigt. Im Test werden sie dann mit Millimeterpapier eingewickelt, anhand dessen anschließend die Bedruckung ausgerichtet wird. Schließlich sollen alle Hasen gleich aussehen. Ob schmunzelnd oder nicht. Und die Kiwis sollen den perfekten Schnabel haben. Auch wenn die Neuseeländer es bestimmt kaum erwarten können, ihren Schokovogel wieder auszupacken.

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