Snowworld: In rasanter Schussfahrt an die Börse

Von: Hermann-Josef Delonge
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Unter Dampf: Snowworld-Eigentümer Koos Hendriks in der Halle in Landgraaf. Foto: Markus Bienwald

Landgraaf. Der Mann steht unter Dampf, so viel ist sicher. Ein kurzer Händedruck, einen Cappuccino im Stehen, und schon bittet Koos Hendriks darum, zur Sache zu kommen. Viel Zeit hat er anscheinend nicht, erst am Morgen ist er aus Amsterdam nach Landgraaf gekommen. Auf der Suche nach einem ruhigen Plätzchen ist er immer ein paar Schritte voraus.

Hendriks ist Gründer und (seit Mitte des Jahres, als er die Anteile seines Kompagnons übernahm) Alleininhaber von Snowworld. Das Unternehmen betreibt zwei Skihallen in den Niederlanden, in Zoetermeer bei Den Haag und in Landgraaf, wovon die in Limburg als größtes Wintersport-Resort in Europa beworben wird. An diesem grauen Novembervormittag ist allerdings nicht viel los in der Halle, trotzdem wummern die Hip-Hop-Bässe in beträchtlicher Lautstärke.

„The sky is the limit“

Das muss wohl so sein, wenn Snowboarder im Spiel sind: in diesem Fall die Teilnehmer eines Europacup-Wettbewerbs im Slope- style, die auf ihren Brettern allerhand Hindernisse überwinden müssen. Hendriks widmet ihnen nicht sonderlich viel Aufmerksamkeit. Er ist mit anderen Dingen beschäftigt, größeren. Er will Snowworld an die Börse bringen. Er will expandieren. In der offiziellen Pressemitteilung seines Unternehmens lässt er sich mit diesem Satz zitieren: „Wir freuen uns alle auf diese aufregende neue Phase für die Zukunft unseres Unternehmens.“ Hier in Landgraaf sagt er es so: „The sky is the limit“ – „nichts ist unmöglich“.

65 Jahre alt wird Hendriks im kommenden Jahr; in diesem Alter könnte man fast an Ruhestand, auf jeden Fall aber an eine gemächlichere Gangart denken. Warum also dann jetzt dieser Schritt, mit Stress und Risiko? „Das hat meine Frau auch gefragt, ich konnte ihr keine gute Antwort geben.“ Ihn reize die Herausforderung, sagt er dann doch. „Wir haben gut sechs Jahre an der Expansion gearbeitet. Jetzt ist ein guter Moment, die Pläne umzusetzen.“

Und die sehen so aus: Snowworld soll, wenn alles gut geht, noch im Dezember an der Börse in Amsterdam, der Euronext, gelistet werden. Bereits 2007 hatte Hendriks die Optionen für einen Börsengang in London prüfen lassen. „Zu kompliziert, zu teuer, zu langwierig“: Der Versuch scheiterte. Jetzt also ein anderer Weg. „Reverse listing“ heißt das Prozedere in Fachkreisen. Snowworld schlüpft dabei unter den Mantel eines börsennotierten Unternehmens, wird technisch gesehen von diesem übernommen. Den Mantel öffnet Fornix Bioscience, eine Firma, die bereits seit Jahren operativ gar nicht mehr tätig ist. Die Mehrheit hält seit vergangenem Jahr die Investmentgesellschaft Value8, die sich auf „reverse listings“ spezialisiert hat.

Die „Übernahme“ hat einen Wert von 20 Millionen Euro, wovon Fornix 15 Millionen über die Ausgabe von rund 47 Millionen neuen Anteilen an Hendriks bezahlt. Geben die Fornix-Aktionäre am 10. Dezember grünes Licht und stimmt die niederländische Börsenaufsicht ebenfalls zu, sollen beim Börsengang dann noch höchstens 28 Millionen Anteile platziert und zum Kauf angeboten werden – für 7,5, vielleicht sogar neun Millionen Euro.

Die Erklärung der technischen Details des Deals hat Hendriks übrigens seinem Finanzchef Wim Moerman überlassen; er gibt zu, dass das nicht seine Welt ist. Das frische Kapital kann er gut gebrauchen, denn seine Expansionspläne sind ambitioniert. 100 Millionen, so die Hochrechnung, werden sie ihn kosten, 30 bis 40 Prozent davon will er über Anleihen bestreiten. Schon im Juli 2014 soll mit dem Bau einer neuen Skihalle in Barcelona (etwas kleiner als die in Landgraaf, dafür mit einem größeren Hotel) begonnen werden, 16 Monate sind dafür geplant. Dann steht Paris auf der Wunschliste, hier soll eine Kopie der Limburger Ausgabe entstehen. „Wir sind sicher, dass der Bedarf besteht. Allein im Großraum rund um Paris rechnen wir mit rund einer Million potenzieller Kunden“, sagt er.

Das erinnert an die Anfangszeiten in Zoetermeer und später in Landgraaf. Die Rechnung damals: In den Niederlanden gibt es mindestens eine Million Wintersportler, die es im Winter nach Österreich zieht. Die würden auch im Sommer gerne mal die Ski unterschnallen oder sich den Wochenendausflug nach Winterberg sparen. Also: lasst uns Skihallen bauen! Mit Schneegarantie und all dem, was man als Flachlandtiroler zu brauchen meint: Disco und Bierstüberl, Einkehrschwung und Après-Ski, Kellnerinnen im Dirndl und Kaiserschmarrn. Und garantiert ohne Schneeschauer oder eisigen Gegenwind – allerdings auch ohne Sonne, Himmel über dem Kopf und Natur drum herum.

„Zugegeben: Das Risiko damals war sehr groß“, sagt Hendriks heute. „Deshalb haben wir auch eher klein angefangen.“ Die Maßstäbe heute haben sich sehr verändert. Der Snowworld-Gründer sagt, dass er viel gelernt habe in den vergangenen 17 Jahren. Deshalb setzt er auch nicht nur auf den Neubau von Hallen, sondern kann sich auch Zukäufe bestehender Objekte vorstellen. „Wir haben Anfragen selbst aus China.“

Das muss dann doch nicht sein; Hendriks hat seine Objekte gerne in gut erreichbarer Nähe. Aber Europa will er schon erobern, daran lässt er keinen Zweifel. Freundlich, aber bestimmt. Nur einmal, ganz zum Schluss, ändert sich diese Grundstimmung. Bei der letzten Frage, die dann doch noch gestellt werden muss.

„Herr Hendriks, fahren Sie eigentlich selbst Ski in der Halle?“ Da verdreht er leicht genervt die Augen: „Was glauben Sie denn? Ich fahre seit über 50 Jahren Ski, und ich liebe es in der Halle.“ Alles andere wäre auch eine Überraschung gewesen.

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