Sind Deutschlands Reiche zu geizig?

Von: Antonia Lange, Angelika Röpcke und Oliver Schmale
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Spendenwillig: Hasso Plattner, Mitgründer des Softwareherstellers SAP, zählt zu den reichsten Deutschen. Foto: dpa

Stuttgart. Die meisten können sich das wohl kaum vorstellen: So viel Geld zu haben, dass man versprechen kann, die Hälfte zur Verfügung zu stellen. Hasso Plattner, Mitgründer des Softwarekonzerns SAP, könnte genau das tun. Denn das ist die Bedingung für die Aufnahme in den exklusiven Spendenclub „The Giving Pledge“, um den es am Mittwoch jedoch einige Verwirrung gab.

Denn nachdem die Initiative um US-Investorenlegende Warren Buffett und Microsoft-Gründer Bill Gates Plattner als neues Mitglied bekanntgegeben hatte, berichteten am Mittwoch mehrere Medien übereinstimmend von einem Dementi. Allerdings blieb die SAP-Pressestelle dabei, dass sich Plattner freue, Mitglied zu sein.

Kreativ und wettbewerbsfreudig

Der 69-Jährige verkörpert etliche Rollen. Die einen kennen ihn als charismatischen Unternehmer, andere als Segelsportler. Wissenschaftler, Denkmalschützer und Künstler verbinden mit Plattner den Mäzen, der Millionen seines Privatvermögens der Gesellschaft vermacht. Er engagiert sich außerdem im Kampf gegen Aids. Er gilt als kreativ – und als einer, der den Wettbewerb nicht scheut.

Als einziger der SAP-Mitbegründer ist der studierte Nachrichtentechniker noch im operativen Geschäft tätig – als Chefaufseher von Europas größter Softwareschmiede. Sein Vertrag läuft noch bis 2017. Auf die Frage, ob er Kriterien habe, wie lange er bleibe, sagte er kürzlich: „So lange ich Einfluss, Erfolg und Spaß habe. Wenn ich keinen Erfolg hätte, wäre ich schon längst weg.“

Seine berufliche Laufbahn begann der gebürtige Berliner 1968 als Programmentwickler beim Computerkonzern IBM. Vier Jahre später gründete er mit vier Mitstreitern SAP. Von 1988 bis 1997 war er stellvertretender Vorstandsvorsitzender, danach gleichberechtigter Vorstandssprecher mit Mitgründer Dietmar Hopp. Von 1998 an leitete Plattner als Co-Vorstandssprecher die Geschicke des Dax-Unternehmens. 2003 zog sich der zweifache Vater aus dem Tagesgeschäft zurück und wechselte an die Spitze des Aufsichtsrates.

Golf ist neben Segeln die große Leidenschaft von Plattner. Er lebt zeitweise in Deutschland, den USA und Südafrika. In Potsdam engagiert sich der Diplom-Ingenieur seit Jahren – für Kunstprojekte, das Schloss, in das der Landtag ziehen soll, aber auch für die Zukunft junger IT-Talente. Diese werden im Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik gefördert. Seit 2002 ist Plattner Ehrendoktor und seit 2004 Honorarprofessor der Uni Potsdam. Noch heute begleitet er dortige Doktorarbeiten. Auch andere SAP-Mitbegründer fördern mit ihrem Geld unterschiedliche Projekte: Während Dietmar Hopp als Mäzen des Fußball-Bundesligisten TSG 1899 Hoffenheim Bekanntheit erlangte, gründete etwa Klaus Tschira eine Stiftung, die Projekte aus den Bereichen Naturwissenschaften, Mathematik und Informatik im Blick hat.

Plattners Mitwirken bei der Initiative wäre jedenfalls eine kleine Sensation, denn in Deutschland hagelte es Kritik, als Buffett und Gates den exklusiven Club der Spender vor knapp drei Jahren ins Leben riefen. Die Spender übernähmen Aufgaben des Staates, der so aus der Verantwortung entlassen werde, hieß es damals mitunter. Aus reiner Wohltat bringen die US-Milliardäre ihr Vermögen auch nicht nur unters Volk, sondern auch aus steuerlichen Gründen.

Plattners Vermögen wird vom Wirtschaftsmagazin „Forbes“ derzeit auf 7,2 Milliarden Dollar (5,4 Milliarden Euro) geschätzt. Damit wäre er der neuntreichste Mensch in Deutschland und weltweit die Nummer 127. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verdienten zuletzt 18 600 steuerpflichtige Deutsche mehr als eine Million Euro im Jahr – und das bereits vorhandene Vermögen wird von der Statistik noch gar nicht erfasst. Um bei der US-Initiative spenden zu dürfen, muss man zwar Milliardär sein – auf der „Forbes“-Liste stehen mit Aldi-Gründer Karl Albrecht, Schraubenkönig Reinhold Würth oder Hopp allerdings auch genug deutsche Namen. Sind Deutschlands Reiche also einfach zu geizig?

„Ich glaube nicht, dass die Deutschen knauserig sind“, sagt der Ökonom Prof. Georg von Schnurbein vom Zentrum für Philanthropie und Stiftungswesen an der Universität Basel. „In Deutschland wird enorm viel gegeben. Es wird nur nicht so viel darüber geredet.“ An Bescheidenheit liege das aber nicht unbedingt, sagt der Experte für Stiftungsmanagement – eher an der Angst vor Neidern. „In Amerika wird man dafür gelobt, dass man so etwas macht. In Deutschland muss man eher Kritik fürchten.“ Dass es hierzulande so viele „stille Stifter“ gebe, ist nach Einschätzung des Generalsekretärs des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, Hans Fleisch, auch eine Mentalitätsfrage.

Experte von Schnurbein bestätigt das: „Es gehört zum Selbstverständnis der amerikanischen Reichen, dass man sich für das Gemeinwohl engagiert“, sagt er. In Deutschland sei das weniger nötig, weil dafür bereits der Staat vergleichsweise viel tue. „In Deutschland findet aber zur Zeit ein Umdenken statt – weil man feststellt, dass man durch die öffentliche Spende auch Vorbilder schafft“, erklärt von Schnurbein. Hierzulande würden besonders Stiftungen immer beliebter. Nach Angaben des zuständigen Bundesverbandes gibt es mittlerweile 19 551 Stiftungen in Deutschland – 95 Prozent verfolgen gemeinnützige Zwecke.

Kein Wunder, sagt von Schnurbein. „Der Stifter kann sich damit ein Denkmal setzen und sein Name bleibt erhalten.“ Das Geld sei so zwar ebenso weg wie bei einer Spende, nicht jedoch der Einfluss des Gönners. „Psychologisch ist es immer noch seins.“

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