Selbstbewusste Bewerber, flexible Firmen

Von: Thorsten Karbach
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Offene Arme reichen nicht, um neue Mitarbeiter zu gewinnen. Das wissen Barbara Frett (oben links), Ralf Müller (oben rechts) und Michael Glasmacher (unten links) aus ihren Unternehmen. Müllers Mitarbeiterin Heike Moll hat beispielsweise ein Fernstudium Foto: Andreas Steindl
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Offene Arme reichen nicht, um neue Mitarbeiter zu gewinnen. Das wissen Barbara Frett (oben links), Ralf Müller (oben rechts) und Michael Glasmacher (unten links) aus ihren Unternehmen. Müllers Mitarbeiterin Heike Moll hat beispielsweise ein Fernstudium Foto: Andreas Steindl
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Offene Arme reichen nicht, um neue Mitarbeiter zu gewinnen. Das wissen Barbara Frett (oben links), Ralf Müller (oben rechts) und Michael Glasmacher (unten links) aus ihren Unternehmen. Müllers Mitarbeiterin Heike Moll hat beispielsweise ein Fernstudium absolviert. Foto: Andreas Steindl
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Offene Arme reichen nicht, um neue Mitarbeiter zu gewinnen. Das wissen Barbara Frett (oben links), Ralf Müller (oben rechts) und Michael Glasmacher (unten links) aus ihren Unternehmen. Müllers Mitarbeiterin Heike Moll hat beispielsweise ein Fernstudium absolviert. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Vor zehn Jahren war Michael Glasmacher seiner Zeit weit voraus. Sein Softwareunternehmen in der Aachener Pascalstraße, das alles entwickelt, was ein Verlag an Software für Redaktion, Vertrieb und Logistik braucht, hatte gerade viele mathematisch-technische Assistentinnen angestellt, und Glasmacher fragte sich, wie er sie langfristig an die Firma binden könnte.

Damals waren Kinderbetreuung und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf noch keine großen Themen. Glasmacher änderte das – und „Pascals Zwerge“ waren geboren.

Mit anderen Unternehmen nahm der Betriebskindergarten in seinem Haus den Dienst auf. „Heute sind wir darüber sehr froh“, sagt Glasmacher, Vorstandsvorsitzender der HUP AG mit 160 Mitarbeitern.

Wenn heute potenzielle Mitarbeiter zum Vorstellungsgespräch kommen, dann haben sie konkrete Vorstellungen. Sie fordern eine Kinderbetreuung, sie wollen zu Hause arbeiten können, sich fortbilden, Sportangebote. Sie sind in der Position, all das fordern zu können. Konnten sich früher die Unternehmen die besten Bewerber aussuchen, suchen sich jetzt die wenigen Bewerber den besten Arbeitgeber aus.

„Wir müssen zeigen, dass wir das beste Unternehmen für den Bewerber sind“, erklärt Glasmacher. Der Fachkräftemangel sorgt nicht nur in der IT-Branche für eine neue Situation. Und die Unternehmen müssen sich darauf einstellen.

„Die Bewerber sind selbstbewusster. Und wir müssen flexibler sein“, sagt Barbara Frett, Director Human Ressources bei Traveltainment in Würselen.

Mehr als Gehalt und Position

„Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielen schon in den Einstellungsgesprächen eine große Rolle. Die Bewerber sind da viel offensiver als früher. Heute wird mehr angestrebt als Gehalt und Position“, erklärt Ralf Müller, Leiter des Entwicklungsteams und verantwortlich für die Rekrutierung bei National Instruments.

Auch sein Arbeitgeber sitzt mit 60 Mitarbeitern an der Aachener Pascalstraße, es ist ein weltweit agierender Konzern mit insgesamt 7100 Beschäftigten, der Sitz ist in Austin/Texas. Entwickelt wird Software für Mess- und Automatisierungstechnik, eingesetzt bei Lego-Robotern ebenso wie beim Teilchenbeschleuniger in Genf. „Wir stellen kontinuierlich ein und wissen: Die Anforderungen, die Mitarbeiter stellen, sind größer geworden“, sagt er.

Da ist zum Beispiel die Geschichte von Heike Moll: Fünf Jahre arbeitet sie als Softwareentwicklerin bei National Instruments. Anderthalb Jahre, nachdem sie angefangen hatte, entschloss sie sich, neben der Arbeit ein Fernstudium der Elektrotechnik an der FH Darmstadt aufzunehmen.

Dazu zählte, freitags und samstags vor Ort zu sein und natürlich auch an den Klausurtagen viel Zeit zu investieren. Das alles neben der Arbeit? „Ich wurde schon zunächst mit großen Augen angeschaut“, erzählt Moll heute. Aber gemeinsam wurde eine Regelung gefunden, die Arbeit und Studium möglich machte: Sie arbeitete nur noch vier Tage die Woche, für die Klausurphase konnte sie unbezahlten Urlaub nehmen.

Letztlich profitierten Mitarbeiterin wie Unternehmen: „Ich bin während des Studiums an meine körperlichen und geistigen Grenzen gegangen. Heute bin ich wesentlich selbstsicherer“, sagt Moll.

Das Thema ihrer Masterarbeit holte sie sich bei einem Besuch im Mutterhaus in Texas während eines USA-Urlaubs. So wurde auch die Abschlussarbeit für alle zum Gewinn. Und mehr noch: Wieder in Vollzeit beschäftigt, kümmert sich Moll nun um die Auszubildenden und Praktikanten.

Die Geschichte von Heike Moll kommt Barbara Frett bekannt vor. Bei Traveltainment gibt es ein Programm, in dem Mitarbeitern die Masterarbeit finanziert wird – während dieser Zeit wird dann in Teilzeit gearbeitet. Wobei Frett auch sagt: „Nicht jeder ist für ein Fernstudium geeignet.

Da stehen auch wir in der Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern.“ Internationale Besuche in anderen Dependancen gibt es sowieso – ganz ohne Urlaub. Auch danach fragen Bewerber bereits gezielt. Ebenso nach den Karrierechancen.

Traveltainment entwickelt Reiseportale – wer im Internet bucht, der wird sehr wahrscheinlich eine dieser Entwicklungen aus Würselen nutzen. Die Firma ist Teil des Amadeus-Konzerns mit Sitz in Madrid, der weltweit 10.000 Mitarbeiter zählt. Bei Traveltainment sind es 420, die meisten in Würselen, es gibt aber auch zwei in Sydney. Seit 2010 ist das Unternehmen groß und größer geworden – fast 250 Leute wurden in den letzten Jahren eingestellt.

Michael Glasmacher sieht eine „extreme Individualisierung“ der Beschäftigungsverhältnisse. Jeder Bewerber hat Vorstellungen. Sie ähneln sich oft, sind aber selten gleich. „Wir müssen schauen, was der Einzelne möchte“, sagt er. Ein Mitarbeiter wurde ein halbes Jahr frei gestellt, weil er in Afrika ein Softwareprojekt starten wollte.

Wenn einer drei Mal in der Woche um 16.30 Uhr weg muss, dann müssen ihm dazu die sprichwörtlichen Türen offen stehen. „So etwas muss man als Unternehmen machen. Es motiviert den Mitarbeiter, wenn er ein offenes Ohr findet. Und das ist immer gut fürs Unternehmen.“

Ralf Müller hat selbst zwei Nachmittage frei. „Ich kam mir am Anfang schon komisch vor“, sagt er. Doch längst ist es selbstverständlich, dass Mitarbeiter halbe oder ganze Tage von zu Hause aus arbeiten. „Da gibt es viele Möglichkeiten, wobei zwei, drei Tage im Unternehmen schon wichtig sind“, sagt Glasmacher. Aber auch da gibt es Ausnahmen – etwa, wenn die Tagesmutter krank ist. Denn: „Wenn nicht in einem Software-Unternehmen, wo soll Home-Office dann funktionieren?“

Es gibt auch Fragen, die die Unternehmen nicht so leicht beantworten können. Etwa die der Erreichbarkeit. In Leipzig ist die HUP-Dependance ins Zentrum gezogen, direkt neben die Nikolaikirche. In Aachen ist der Sitz in einem Gewerbegebiet jenseits des Stadtwaldes. Es gibt Linienbusse, aber nicht viele. Barbara Frett geht es im Gewerbegebiet Aachener Kreuz ähnlich, sie hat deswegen schon über Shuttle-Busse ins Aachener Zentrum nachgedacht. Der Standort soll nicht zum Nachteil werden, wenn sich Softwareentwickler den Arbeitgeber aussuchen.

Es hat sich viel getan in den Firmen in den letzten Jahren, um den gestiegenen Anforderungen der potenziellen Mitarbeiter, aber auch der treuen Beschäftigten, die ja gehalten werden sollen, in Zeiten des Fachkräftemangels noch gerechter zu werden.

Bei National Instruments wurden Duschen installiert für die, die mit dem Rad kommen oder mittags laufen gehen. Bei Traveltainment gibt es ein „Funbudget“, von dem die Mitarbeiter einmal im Monat zelten gehen oder Badminton spielen können. Außerdem eine Lounge mit Flipper und Kicker. Zweimal in der Woche kommt eine Masseurin, bei National Instruments ist ein Physiotherapeut einmal in der Woche im Haus.

Es gibt Gesundheitstage und Stressprävention. „Das sind alles Themen, über die vor zehn Jahren noch nicht nachgedacht wurde. Aber wir haben erkannt, dass wir mehr bieten müssen“, sagt Glasmacher.

Seine „Pascals Zwerge“ der ersten Generation sind längst gewachsen – und gehen zur Schule. Das Angebot ist wichtiger denn je, eine zweite Kindertagesstätte wurde in Walheim aufgebaut. 25 Kinder nutzen das Angebot an der Pascalstraße, etwa zehn sind es am Tag. „Wir machen die Erfahrung, dass viele Mütter sogar früher wieder arbeiten, weil es dieses Angebot gibt“, sagt Glasmacher.

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