Schlecker-Ende: Wut, Enttäuschung, Fassungslosigkeit

Von: Verena Müller und Christina Handschuhmacher
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Kasse geschlossen: In den verb
Kasse geschlossen: In den verbliebenen Schlecker-Filialen warten NRW-weit rund 2500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf ihre Kündigungen. Bis Ende Juni sollen alle verschickt worden sein. Foto: dapd

Heinsberg/Aachen. Nachdem sie die Tür der Schlecker-Filiale in Hückelhoven-Doveren am Samstag geschlossen hat, erzählt Claudia Schäzle, habe sie mit ihren Kolleginnen erst einmal eine geraucht - und dann geheult. Freitag und Samstag war Ausverkauf, eigentlich soll der Laden noch bis Ende Juni geöffnet sein, aber schon jetzt seien die Regale so gut wie leer.

Sie ist seit 16 Jahren bei Schlecker und gegen das Klischee, das Qualifikationsniveau der sogenannten Schlecker-Frauen „sei nicht so hoch”, wie eine Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit es kürzlich formuliert hatte. „Wir machen alles: Waren annehmen, Dienstpläne, bedienen, Abschlussrechnungen, zum Teil haben wir ganze Läden eingerichtet.” Und überhaupt: „Schlecker-Frauen. Was ist das für eine Bezeichnung? Sind wir so was wie Trümmerfrauen?”, fragt Claudia Schäzle. „Und was ist mit den Männern, die bei Schlecker arbeiten in der Logistik oder als Lkw-Fahrer?”

Die Frau aus Heinsberg-Karken ist gelernte Friseurin, nächste Woche wird sie 50. Als die Kinder (22, 25 und 28 Jahre) groß genug waren, wollte sie nicht in ihren alten Job zurück. Die Haarmode hätte sich zu stark verändert. Also ging sie zu Schlecker. Erst nach Heinsberg, dann nach Waldfeucht-Haaren. Dort war sie am längsten für Schlecker tätig und stellvertretende Filialleiterin. „Als ich den Laden schließen musste, letztes Jahr im August, war das schlimmer als eine Scheidung”, erzählt sie.

Nächste Etappen: Heinsberg-Oberbruch, Schließung vier Wochen später; Hückelhoven-Millich, Schließung im Februar; kurz darauf die Schließung in Hückelhoven-Ratheim. Als einer Kollegin in der ersten Entlassungswelle gekündigt wurde, die ein Haus gebaut, ein Kind und einen kranken Mann hatte, wollte sie deren Stelle nicht übernehmen. „Ich kann doch nicht den Platz einer Freundin besetzen”, habe sie gesagt, erzählt sie - und hat Tränen in den Augen. „Wir kennen uns untereinander in der Region. Wir sind die Familie Schlecker, nicht die Erben.”

Die Veränderungen, die die Kinder von Anton Schlecker vor zwei Jahren einführten, sahen die Mitarbeiter laut Schäzle skeptisch. Mit Schlecker und Schlecker XL zwei unterschiedliche Läden mit unterschiedlichen Angeboten unter einem Namen zu führen, habe die Kunden verwirrt. Auch die Stärken, etwa in kleinen Orten präsent zu sein, ähnlich wie früher Tante-Emma-Läden, hätten auf einmal nicht mehr viel gezählt. Gerade auf diese Nische hätte man aufbauen sollen, meint Schäzle. „Aber uns hat ja niemand gefragt.”

Beworben hat sich Claudia Schäzle schon. Bis jetzt hat sie nur Absagen bekommen. Überqualifiziert und zu teuer, hieß es.

Ljiljana Sirovica fühlt sich manchmal wie in einem Film, der nun ein zweites Mal abgespult wird. Was in den nächsten Tagen auf sie und ihre Kolleginnen in der Schlecker-Filiale in Aachen-Oberforstbach zukommen wird, hat die 37-Jährige vor knapp zwei Monaten schon einmal erlebt: Kolleginnen, die verzweifeln. Kunden, die sich im Ausverkauf auf die letzten Schnäppchen stürzen. Und die eigene Ungewissheit, wie und ob es weitergeht.

„Die erste Kündigungswelle war nervenzerreißend”, sagt die Frau, die vor zwei Jahren mit vier weiteren Kolleginnen den ersten Schlecker-Betriebsrat in Aachen gegründet hatte. Im März musste sie als Filialleiterin einen Ausverkauf verantworten. Nach Feierabend kümmert sie sich als Betriebsrätin um ihre Kolleginnen. „Wir haben noch einige von den Kündigungslisten runtergeholt, haben die Leute über ihre Rechte informiert”, sagt Sirovica. Aber für die Kolleginnen, die gehen mussten, sei die Welt zusammengebrochen. Die anderen hätten neue Hoffnung geschöpft. Für Sirovica ging es damals bei Schlecker in Aachen-Oberforstbach weiter - vorerst. „Aber auch das ist jetzt vorbei.”

Knapp zehn Jahre war die gebürtige Kroatin bei der Drogeriemarktkette beschäftigt. Dass es um ihren Arbeitgeber nicht gut steht, wusste Sirovica schon länger. Das endgültige Aus von Schlecker am 1. Juni habe sie trotzdem schockiert und gelähmt. „Eine Transfergesellschaft hätte uns damals wirklich geholfen”, sagt die junge Frau. „Die Kolleginnen wären erst einmal aufgehoben gewesen und die Kündigungsklagen, die jetzt die Investoren so abgeschreckt haben, wären ausgeblieben.”

Während der Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz sie und die anderen Beschäftigten in den letzten Wochen sehr engagiert begleitet habe, warten Sirovica und ihre Kolleginnen bis heute auf ein persönliches Wort der Unternehmerfamilie. „Wut, Enttäuschung, Fassungslosigkeit”, so beschreibt sie ihre derzeitige Gefühlslage. „Die Familie Schlecker kann von ihren 40 Millionen ja noch gut leben”, sagt sie. „Ich frage mich, wovon ich im nächsten Monat meine Miete zahlen soll.”

Noch weiß die zierliche Frau mit den langen braunen Haaren nicht, wie es weitergehen soll. Aber ihre Zuversicht hat sie nicht verloren: „Ich bin 1999 nach Deutschland gekommen, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Auch jetzt werde ich wieder irgendwie Fuß fassen.”

So können Arbeitgeber Kontakt aufnehmen

Bei der Aachener Agentur für Arbeit haben sich bisher 95 ehemalige Schlecker-Mitarbeiterinnen arbeitslos gemeldet, bei der Dürener Agentur sind es 43. Wie hoch die Zahl in den beiden Bezirken sein wird, wenn alle restlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Kündigungen erhalten haben, ist noch nicht abzusehen. „Die Personen, die sich bei uns gemeldet haben, sind alle sehr gut qualifiziert”, sagt Stefan Köhnen, Teamleiter des Arbeitgeberservice der Dürener Agentur. „Für die Arbeitgeber bietet sich damit eine zusätzliche Chance, gut motivierte Mitarbeiterinnen zu erhalten”, erklärt Gabriele Hilger, Leiterin der Aachener Agentur.

Interessierte Arbeitgeber können mit den Agenturen folgendermaßen Kontakt aufnehmen:

Aachen: Telefon 01801/664 466; E-Mail: aachen.stellen@arbeitsagentur.de

Düren: Telefon 02421/124 581; E-Mail: Dueren.FLAG@arbeitsagentur.de

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