Aachen/Bonn - Poststreik: Wenn Rechnungen auf der Strecke bleiben

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Poststreik: Wenn Rechnungen auf der Strecke bleiben

Von: dpa/zva
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Das Warten auf die nächste Sendung: Der Poststreik macht Firmen zu schaffen, deren Rechnungen auf der Strecke bleiben. Foto: dpa

Aachen/Bonn. Der Dauer-Streik bei der Deutschen Post wird zur Geduldsprobe – gerade für Unternehmer, aber auch für die Verbraucher. Versandhändler klagen über Schwierigkeiten und höhere Kosten, weil sie teils auf Kurierdienste ausweichen müssen.

Es häufen sich aber auch die Hilferufe von mittelständischen Unternehmen, auch Handwerksbetrieben, die Rechnungen auf dem Postweg verschickt haben und nun auf ihr Geld warten, weil Sendungen auf der Strecke geblieben sind. In Einzelfällen soll es schon um die Liquidität von Betrieben gehen.

Seit zwei Wochen wartet beispielsweise Hermann Tücks auf Post. Alles, was in seiner t+h Ingema Ingenieurgesellschaft mbH in der Aachener Försterstraße angekommen ist, ist ein einzelnes Werbeschreiben. Dabei stapelt sich die Post auf seinem Schreibtisch binnen einer Woche fünf, sechs Zentimeter hoch. „Ich frage mich: Wie soll das weitergehen?“, sagt Tücks.

Rechnungen nur noch per Mail

Denn auch für Tücks geht es ums Geld. Rechnungen lässt er sich nur noch per Mail schicken, Pakete gibt er bei Postkonkurrenten auf, den Steuerberater sucht er persönlich auf, aber was aus den Rechnungen geworden ist, die er in den letzten Wochen auf dem Postweg verschickt hat – er weiß es nicht. „Das ist kein Zustand. Es geht um Geld“, erklärt er verärgert.

Ähnlich ist die Stimmungslage bei Jörg Jansen, Geschäftsführer der ProTec Industriebedarf GmbH in Würselen. Das große Problem sind auch hier die Rechnungen, die nach wie vor auf dem Postweg versandt werden. Konsequenz: Dem Unternehmen fehlen jetzt Zahlungen. Und das geht Jansen bei „allem Verständnis für den Streik“ dann doch zu weit. Sein Unternehmen hat sich in dieser Woche bereits an die Post gewandt, eine Antwort steht allerdings noch aus.

Der Streik hat auch Auswirkungen auf das Insolvenzverfahren der Windenergiefirma Prokon. Der Insolvenzverwalter verlängerte eine wichtige Frist für die Inhaber von Genussrechten an dem angeschlagenen Unternehmen. Anleger, die sich weiter an Prokon als Genossenschaft beteiligen wollen, können noch bis zum 1. Juli eine entsprechende Zustimmungserklärung einsenden, teilte Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin am Freitag in Hamburg mit. Eine Abgabe der Unterlagen sei auch noch direkt vor dem Beginn der Gläubigerversammlung am 2. Juli in den Hamburger Messehallen möglich. Die Frist war ursprünglich bis zu diesem Freitag vorgesehen.

Große Versicherer und Banken sehen sich auf der anderen Seite nur wenig von dem mittlerweile gut zweiwöchigen Ausstand betroffen. So hat die Allianz festgestellt, dass die Kunden verstärkt E-Mails und Fax nutzen, wie ein Sprecher des Versicherers sagte. Bei insgesamt etwas schwankender Briefzustellung kämen an manchen Tagen aber noch immer rund 40 000 Briefsendungen an. Auch der Konkurrent Ergo sieht bisher keine gravierenden Folgen des Streiks. Bei der Commerzbank heißt es, der Streik sei kein Problem, vereinzelt komme es allerdings zu Verzögerungen bei der Zustellung.

Bei der HypoVereinsbank in München heißt es: „Insgesamt sind natürlich auch wir als Bank vom Poststreik betroffen. Wir haben aber unsere Abläufe bestmöglich umgestaltet und nutzen sowohl unser Filialnetz als auch unsere Multikanal-Möglichkeiten.“ Digitale Kommunikationswege haben auch bei der HVB stark an Bedeutung gewonnen.

Auf einen Zeitungsbericht hin hatte die Post in der vergangenen Woche bestätigt, dass Versandhäuser und Versicherungen dem Unternehmen Unterstützung bei der Bewältigung der Streikfolgen angeboten hätten. Konkrete Namen nannte die Post allerdings auch auf erneute Nachfrage nicht. Die beiden Versicherer erklären jedenfalls, dass sie keine Mitarbeiter an die Post entsandt hätten und dies auch nicht planten. Auch der Branchenverband GDV betont, man habe keine Kenntnis darüber, dass sich einzelne Versicherer beteiligen.

Der Versandhändler Amazon wollte sich zu der Frage nicht äußern. Eine Sprecherin des Online-Händlers Zalando erklärt: „Wir stehen ständig in gutem Kontakt zur DHL. Die Zalando-Mitarbeiter leisten sehr gute Arbeit in unseren eigenen Logistikzentren, bei der Post helfen sie jedoch nicht aus.“

Auch der Versandhändler Otto winkte ab: „Die Unternehmen der Otto Group halten sich bei diesem Thema ausdrücklich zurück, weil wir uns mit einer Zuarbeit von eigenen Mitarbeitern in nicht verantwortbarem Maß in einen Konflikt zwischen (der Gewerkschaft) Verdi und der Deutschen Post/DHL einmischen würden“, erklärte ein Sprecher der Otto Group.

Mehr als drei Viertel der Online-Händler sehen sich stark bis ex- trem stark vom Arbeitskampf der Postmitarbeiter betroffen, teilte der Bundesverband Online-Handel (BVOH) am Freitag in Berlin unter Berufung auf eine Umfrage bei seinen Mitgliedern mit. Zwei Drittel der befragten Online-Händler berichtete demnach von Umsatzeinbußen durch den Poststreik – fast ein Fünftel rechnet sogar mit einem Umsatzeinbruch von mehr als 25 Prozent. Mehr als 40 Prozent der befragten Online-Händler gingen zugleich davon aus, dass etwa die Hälfte der bei ihnen georderten Ware verspätet ausgeliefert wird.

Mit jedem weiteren Tag Streik staut sich der Ärger auf – bei den betroffenen Unternehmen wie auch bei den privaten Postkunden: Ob Bewerbungsschreiben, die nicht ankommen, Konzerttickets für die Lieblingsband oder wichtige Rechnungen, für die Mahngebühren drohen – so macht auch Privatleuten der Tarifkonflikt zwischen der Post und der Gewerkschaft Verdi zu schaffen. Auf der Facebook-Seite der Post machen manche ihrem Unmut Luft. „Wann bekomme ich endlich meine Post? Seit zwei Wochen Leere im Briefkasten. So langsam schwindet mein Verständnis!“, lautet noch einer der milderen Kommentare.

Die Post bittet immer und immer wieder um Geduld – und verweist darauf, dass rund 80 Prozent der Briefe und Pakete pünktlich ankommen. Manche Privatkunden wollen sich darauf aber offenbar nicht verlassen und weichen auf Alternativen aus. So registrieren Post-Konkurrenten einen deutlich größeren Zulauf von Privatkunden in ihren Shops, aber eben auch zunehmende Anfragen kleiner und mittlerer Firmen, wie der Bundesverband der Kurier-Express-Post-Dienste berichtet.

Der Poststreik läuft bereits in der dritten Woche.

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