Aachen - Paion zieht Reißleine gegen den Totalabsturz

Paion zieht Reißleine gegen den Totalabsturz

Von: Berthold Strauch
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Aachen. Die einstmals stolze Fledermaus ist flügellahm geworden. Um den drohenden Totalabsturz noch abwenden zu können, kündigte die börsennotierte Paion AG, die das nachtaktive fliegende Säugetier zu ihrem Firmensymbol erkoren hat, am Dienstag ein schmerzliches Restrukturierungsprogramm an.

Zu den Kernpunkten zählt die Entlassung von 19 der bislang 27 Mitarbeiter des Aachener Biopharmazie-Unternehmens. Bei dem früheren großen Hoffnungsträger und Aushängeschild der Technologieregion sind alle Abteilung betroffen.

„Unser Ziel ist es, die laufenden Kosten signifikant zu reduzieren, um dadurch eine Fortführung der Kernaktivitäten sicherstellen zu können”, sagte Paion-Gründer und -Vorstandschef Wolfgang Söhngen. Angesichts des verbleibenden Miniteams von acht Mitarbeitern wird auch Finanzvorstand Bernhard Hofer Paion Ende des ersten Quartals 2012 verlassen. Seine Aufgaben übernimmt dann sein derzeitiger Vize Abdelghani Omari unterhalb der Vorstandsebene. Zudem reduzieren Söhngen und seine Frau Mariola, die im Vorstand verbleiben, ab sofort ihr Grundgehalt auf 60 Prozent.

Überdies verzichten die Aufsichtsratsmitglieder, zu denen auch Grünenthal-Chef Harald F. Stock zählt, auf die Hälfte ihrer Vergütung. „Bluten” müssen außerdem die übrig bleibenden Beschäftigten, die, so Söhngen, „einen persönlichen Beitrag zur Kostenreduzierung” leisten - sprich: eine Gehaltskürzung. Diese Maßnahmen seien für den Fortbestand von Paion „unabdingbar”, formulierte Söhngen. Er ist zuversichtlich, dass die vom Arbeitsplatzverlust betroffenen, „hoch qualifizierten” Mitarbeiter schnell wieder neue Jobs finden könnten. „Outplacement”-Experten sollen bei der Vermittlung helfen.

Zu der Misere habe „die anhaltende Investitionszurückhaltung der Pharmabranche” entscheidend beigetragen, sagte Söhngen. Für den von Paion entwickelten Schmerzwirkstoff M6G habe bislang kein Partner gefunden werden können. „Die Braut, die sich nicht traut”, fasste Söhngen die mehrfach gescheiterten Verhandlungen mit potenziellen Interessenten aus der Pharmaindustrie, die die weitere Entwicklung bis zur Produktionsreife fortführen sollen, zusammen. Infolgedessen müsse nun eine Abschreibung des Buchwerts von gut sechs Millionen Euro vorgenommen werden, da die weiteren Perspektiven wenig erfolgversprechend seien.

Aussichtsreicher seien die Perspektiven für den Wirkstoff Remimazolam. Dabei handelt es sich um ein kurz wirksames Anästhetikum, das bei kleineren medizinischen Eingriffen eingesetzt werden soll. Bei weiteren Entwicklungen, etwa Desmoteplase, einem Medikament zur Bekämpfung des Schlaganfalls, sei die „Verpartnerung” bereits weit fortgeschritten.

„Ich glaube an die Zukunft des Unternehmens”, bekräftigte Söhngen denn auch im Gespräch mit unserer Zeitung seinen Optimismus, dass die eingeleiteten Schnitte erfolgreich sein würden und eine ansonsten drohende Insolvenz abwenden könnten. Kosten sparen will Paion auch durch den Wechsel des Börsensegments der in Frankfurt gelisteten Aktie von „Prime” auf „General Standard”. Das habe geringere, für das Unternehmen teure Berichtspflichten zur Folge.

Nach der Ad-hoc-Meldung der Einschnitte sackte der Börsenwert der Paion-Aktie, die zuletzt ohnehin auf einen „Penny-stock”-Wert zusammengeschmolzen war, am Dienstag weiter in den Keller. Kursabschläge von mehr als 23 Prozent waren hinzunehmen. Am Ende schloss die Aktie bei 0,54 Euro - ein Verlust von 21,37 Prozent.

Paion wurde im Juli 2000 in Aachen von Wolfgang und Mariola Söhngen gegründet. Weitere Partner kamen hinzu. Noch im Gründungsjahr wurde Desmoteplase von der Schering AG in Lizenz genommen.

Der Börsengang des Unternehmens erfolgte im Jahr 2005. Mit dabei in Frankfurt waren damals neben dem Ehepaar Söhngen auch Finanzvorstand Bernhard Hofer, der nun ausscheiden wird. Im Rahmen einer Kapitalerhöhung wurden 2006 rund eine Million neue Aktien ausgegeben.

Das Paion-Geschäftsmodell musste bereits im Jahre 2007 erheblich zurückgestutzt werden. Damals zählte das Unternehmen 70 Mitarbeiter und schrumpfte zur jetzigen Größe - vor den aktuellen Einschnitten. 2008 übernahm Paion die in Cambridge ansässige britische Cenes Pharmaceuticals.

In den ersten neun Monaten 2011 konnte das Unternehmen seine Umsatzerlöse um 500.000 Euro gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 3,1 Millionen Euro steigern. Der Periodenfehlbetrag allerdings betrug 5,1 Millionen Euro, 30,9 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

Die Vampir-Fledermaus hat Paion als Symbol gewählt, weil aus deren Speichel ein Wirkstoff gegen Schmerzen gewonnen wird.

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