Packing: Wie drei Aachener den Fußball revolutionieren

Von: André Schaefer
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Matthias Sienz hat aus den vielen Daten eine Software gebastelt. Foto: A. Schaefer
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Eine Partie, 22 Spieler und Tausende von Daten: Das erste EM-Gruppenspiel zwischen Deutschland und der Ukraine haben die Macher von Impect genau analysiert. Foto: imago

Aachen. Es liegt in der Natur der Sache, dass auch in der Welt des Fußballs mit ständig neuen Begriffen das Spielgeschehen auf dem Rasen versucht wird zu umschreiben. Aus dem klassischen Angreifer ist im 21. Jahrhundert inzwischen die „falsche Neun“ geworden.

Ein Ball mit viel Gefühl wird heute zum Mitspieler nicht mehr gepasst, sondern nur noch „gechippt“, und die so oft zitierte Generation der Laptoptrainer spricht nicht mehr vom Strafraum, sondern bloß von der „Box“. Seit einigen Wochen gibt es da schon wieder so einen neuomodischen Begriff, der kurz davor steht, ins Fußballlexikon aufgenommen zu werden: das Packing.

Selbst der treue Fußballzuschauer mag sich in den vergangenen Tagen im Rahmen der TV-Berichterstattungen zur Fußball-Europameisterschaft in Frankreich daheim auf seinem Sofa gefragt haben, ob er das gerade richtig verstanden hat, was Ex-Bayernstar und ARD-TV-Experte Mehmet Scholl da versucht hatte zu erklären.

Scholl sprach von der „Packing Rate“ – einem Wert, der die Effektivität des Passspiels messen soll. Vor den Bildschirmen in Deutschland: fragende Gesichter. Wenig später wurde in den sozialen Netzwerken aus einem Teil der fragenden Zuschauer eine hämische Gruppe, die sich lustig machte über Scholls neumodische Analyse. Packing? Für Gelächter war gesorgt.

Kein gewöhnlicher Zuschauer

Matthias Sienz gehört auch zu jenen Menschen, die bei einer Diskussion über das Packing beginnen zu lachen. Doch Sienz, 27, lacht nicht über das Wort, er lacht über diejenigen, die meinen, sie könnten den Begriff des Packings erklären. Nun muss man wissen, dass Sienz kein gewöhnlicher Fußballzuschauer ist, für einen besseren Experten als Mehmet Scholl hält er sich schon gar nicht. Der Grund für sein Schmunzeln ist viel banaler: Das Packing ist Sienz‘ Beruf, er verdient damit sein Geld.

Hinter Packing steckt die Grundidee, bei jeder Aktion eines Fußballspiels zu bewerten, wie viele Gegner ein Spieler mit seiner Aktion aus dem Spiel genommen hat. Dies kann durch einen Pass, ein Dribbling oder auch eine Balleroberung geschehen. Je mehr Gegner überspielt werden, desto höher ist die Chance, zum Torerfolg zu kommen. Packing beschreibt also das, worum es im Fußball geht: möglichst viele gegnerische Spieler überspielen.

Stammplatz vor dem PC

So weit, so gut. Nun ist Matthias Sienz kein Fußballprofi, der auf höchstem Niveau versucht, möglichst viele Kontrahenten aus dem Spiel zu nehmen. Sienz steht nicht mal auf dem Platz. Der 27-Jährige ist Informatikstudent an der RWTH, er sitzt also überwiegend vor dem PC. Neben seinem Studium ist er – und das ist die eigentliche Geschichte – seit 2014 einer von sieben fest angestellten Mitarbeitern des Kölner Start-ups Impect.

Das Unternehmen mit Sitz in Köln-Ossendorf wurde vor zwei Jahren von den beiden Bundesligaprofis Stefan Reinartz und Jens Hegeler gegründet. Während Hegeler noch beim Bundesligisten Hertha BSC unter Vertrag steht, hat Reinartz seine aktive Karriere als Spieler von Eintracht Frankfurt vor gut einem Monat im Alter von 27 Jahren beendet. Reinartz‘ und Hegelers damalige Idee: eine völlig neue Statistik für die Analyse eines Fußballspiels entwerfen.

Eine Statistik, die einen von Grund auf neuen Ansatz bereitstellt, die Effektivität einzelner Fußballprofis besser zu analysieren. Ihre Motivation für die Entwicklung eines neuen Modells war dabei kein Zufall. Beide waren der Meinung, dass klassische Daten wie Laufdistanz, Zweikampfquote oder Ballbesitz nicht entscheidend sind für einen Sieg im Spiel. Monatelang zerbrachen sie sich den Kopf darüber, worauf es wirklich ankommt im Fußball. Am Ende entwickelten sie ihr Modell, am Ende entwickeln sie Impect.

Mehr als 1000 Spiele im System

„Stefan Reinartz hat sich in der Bundesliga durch die gängigen Statistiken oft nicht richtig bewertet gefühlt“, sagt Sienz, und lehnt sich schmunzelnd in seinem Stuhl zurück. Er muss es wissen, Sienz ist damals mit Reinartz zur Schule gegangen, an einem Gymnasium in der Nähe von Köln absolvierten sie im gleichen Jahr ihr Abitur.

Aus Reinartz wurde später ein Bundesligaprofi und Nationalspieler, aus Sienz ein technikaffiner Student, der erst Wirtschaftsingenieurwesen studierte und sich nun in der Welt der Programmierer wohlfühlt. Vor zwei Jahren fanden sie wieder zusammen. Reinartz erzählte seinem alten Schulkollegen von seiner Idee, und Sienz war auf Anhieb begeistert. „Mir kam schnell die Idee, das Ganze in eine Software zu gießen. Tja, und nun ist daraus ein ziemlich interessanter Vollzeitjob geworden“, sagt Sienz.

Gemeinsam mit den beiden ehemaligen RWTH-Informatikstudenten Daniel Sabinasz und Alexander Graß ist Sienz für die Softwareentwicklung zuständig. Daten von mehr als 1000 Fußballspielen haben die drei Entwickler aus Aachen in den vergangenen zwei Jahren in ihren Systemen eingespeist. Es geht um Positionskoordinaten der Spieler, um ihr Laufverhalten, um Pässe und Dribblings. „Wir haben aus all diesen Daten Algorithmen entwickelt, die bestimmte Kennzahlen für Spieler ermitteln. Und genau diese Kennzahlen geben einen Hinweis darauf, wie effektiv ein Spieler beim Spiel nach vorne wirklich ist“, sagt Sienz.

Effektivität ist das Stichwort. Sienz erzählt gerne vom Beispiel des WM-Halbfinales zwischen Deutschland und Brasilien vor zwei Jahren. Deutschland gewann fulminant mit 7:1, doch in allen relevanten Statistiken lagen die Brasilianer vorne. „Brasilien hatte mehr Ballbesitz, mehr gewonnene Zweikämpfe, mehr Torchancen. Uns war klar, dass es da einfach etwas geben muss, dass dieses eindeutige Endergebnis auch statistisch wiedergibt“, sagt Sienz. Und siehe da: In der Statistik der mehr überspielten Gegenspieler lag Deutschland klar vorne. „Es gibt Spiele, da hat man so ein Gefühl, dass eine Mannschaft klar besser ist als die andere“, sagt Sienz. „Unser Modell findet endlich eine Zahl für so ein Gefühl.“

DFB, BVB und Bayer sind Kunden

Der 27-Jährige betreut in Aachen inzwischen ein Außenbüro der Kölner Firma. Und mit all den Daten, die Sienz gemeinsam mit Werksstudenten der Hochschule in der Aachener Dennewartstraße auswertet, schreibt das Unternehmen derzeit weltweit ein Stück Fußballgeschichte. Bundesligavereine wie Bayer Leverkusen, Borussia Dortmund und neuerdings RB Leipzig greifen bereits auf das Analyseprogramm der jungen Männer zurück.

Die deutsche Fußballnationalmannschaft nutzt das Programm derzeit in Frankreich, um auf dem Weg zum EM-Titel nichts dem Zufall zu überlassen. Und selbst die ARD verwendet mit ihrem TV-Experten Mehmet Scholl das Modell, um den Zuschauern noch treffendere Spielanalysen bieten zu können. „Es läuft sehr gut für uns“, sagt Sienz ganz bescheiden. „Wir sind dabei, immer weiter zu wachsen.“

Es gibt Experten in der Welt des Profifußballs, die schon jetzt der Meinung sind, dass das Kölner Start-up gerade dabei ist, den modernen Fußball zu revolutionieren. Sienz geht das ein bisschen zu weit, er sagt. „Ich denke, unser Modell verändert einiges, ganz sicher. Aber es führt nicht dazu, dass all die anderen Statistiken im Fußball für die Tonne sind.“

Die Bundesliga ist interessiert

Was der 27-Jährige dann trotz aller Bescheidenheit nicht verschweigt, ist die Tatsache, dass immer mehr Vereine aus der Bundesliga auf das Kölner Analysemodell aufmerksam werden. Sienz formuliert das auch gerne so: „Ja, wir haben ein paar heiße Eisen im Feuer.“ Doch man wolle sich zunächst darauf konzentrieren, sich in der Bundesliga zu etablieren. „Nach der EM werden sicher einige Gespräche mit Interessenten folgen“, sagt Sienz. Bis dahin kämpfen die verblieben Mannschaften in Frankreich um den EM-Titel. Oder eben um einen guten Packing-Wert.

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