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Ökonom Prof. Max Otte: „Distanz zwischen Markt und Macht“

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Das Auf und Ab an der Börse: Wer soll das verstehen? Wirtschaftswissenschaftler könnten helfen. Allerdings: „Wenn Sie fünf Ökonomen eine Frage stellen, erhalten Sie drei bis fünf zum Teil völlig unterschiedliche Antworten.“ Sagt Prof. Max Otte. Und der ist selbst Ökonom. Foto: dpa
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Der Euro? Immer noch instabil, aber derzeit nicht aktut gefährdet: der Ökonom Prof. Max Otte. Foto: stock/Metodi Popow

Düren. Was ist bloß aus der Sozialen Marktwirtschaft geworden? Und warum lieben Deutsche auch in der Nullzinsphase ihr Sparbuch so sehr? Diesen Frage geht der Ökonom Prof. Max Otte im Gespräch mit unserem Redakteur Stephan Johnen nach.

Der Wirtschafts- und Finanzexperte, dessen Buch „Der Crash kommt“ zum Bestseller wurde, hält am Mittwoch, 25. November, in Düren einen Vortrag.

Herr Otte, 2006 erschien Ihr Buch „Der Crash kommt“, 2007 knallte es dann auch. Wie fühlt es sich an, seitdem ein Popstar der Ökonomie zu sein?

Otte: (lacht) Ganz gut. Das brachte und bringt viele Verpflichtungen und Einladungen mit sich. Aber ich möchte ja auch gehört werden.

Als Crash-Prophet?

Otte: Ich sehe mich selbst nicht so. Aber es stimmt: In vielen Talkshows wurde und werde ich als Alibi-Dissident eingeladen. Allerdings ist die Runde meist so bestückt, dass die unkritischen Gäste die Mehrheit haben.

Kaum ein Tag vergeht, ohne als Leser oder Zuschauer in den Nachrichten über einen Wirtschaftsexperten zu stolpern. Schmeichelt Ihnen das als Vertreter dieser Zunft?

Otte: Ökonomen sind die neuen Stars, sie sind die neuen Welterklärer. Es gibt aber auch viele dumme Aussage, für die „der Markt“ herhalten muss. Viele Ökonomen vertreten mehr oder weniger verschleiert die Anliegen der Reichen und Superreichen.

Wie verträgt sich das mit der Freiheit der Wissenschaft?

Otte: Wenn Sie fünf Ökonomen eine Frage stellen, erhalten Sie drei bis fünf zum Teil völlig unterschiedliche Antworten. Zugespitzt formuliert: Ich wüsste als Auftraggeber, an welchen Ökonomen ich mich wende.

Was läuft aus Ihrer Sicht schief?

Otte: Viele Kollegen sehen den Markt als mythische Figur: Der Markt regelt alle Dinge von selbst, der Markt hat immer Recht. Dahinter stecken zum Teil aber harte wirtschaftliche Interessen, es wird viel Lobbyarbeit geleistet.

Und Ihre Definition?

Otte: Wir müssen Distanz schaffen zwischen Markt und Macht. Das ist die Aufgabe der Politik. Die Soziale Marktwirtschaft war ein gutes Beispiel für ein funktionierendes System mit austarierten Grenzen.

Wo müssen Grenzen gezogen werden?

Otte: Es beginnt mit der politischen Definition gesellschaftlichen Wohlstands. Ist damit – wie in England, den USA und zunehmend auch auf dem europäischen Kontinent– die Zahl der Millionäre und Milliardäre gemeint? Oder der Wohlstand aller Bürger? Die Politik muss die Macht haben, sinnvolle Regelungen einzuführen und durchzusetzen. Heute verhindert die Politik Marktmacht nicht mehr, Verbraucherschutz ist mehr oder weniger nur noch Kosmetik.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Otte: Toxische Finanzprodukte haben in der Krise wie Brandbeschleuniger gewirkt. Was hat die Politik getan? Die Finanzbranche händigt an ihre Kunden jetzt Beratungsprotokolle aus, die im Zweifel genauso wenig verstanden werden wie das Produkt selbst, macht ansonsten aber munter weiter. Warum werden stattdessen nicht die toxischen Produkte verboten?

Wie steht es generell um die finanzielle Allgemeinbildung der Deutschen?

Otte: Auf diesem Feld sind wir weitgehend Laien. Fünf Milliarden Euro Privatvermögen auf Sparbüchern und Tageskonten sind kein Zeichen von Reichtum, sondern von Dummheit. Alle zehn Jahre lösen sich 20 bis 25 Prozent des Barvermögens aufgrund des Anlageverhaltens und der schleichenden Enteignung durch Niedrigzinsen in Wohlgefallen auf. Das ist brutal.

Liegt es am stark ausgeprägten Sicherheitsbewusstsein?

Otte: Das habe ich selbst so vorgelebt bekommen. Wir sind ein Volk der Sparer. Selbst dann, wenn diese Form in einer Nullzinsphase über Jahre keine Erträge mehr bringt.

Wie steht es um die Aktienkultur der Deutschen?

Otte: Solange Aktien allgemein als Zockerei und nicht als Geldanlage gelten, ist es schwierig. 2003 waren 70 Prozent der Aktien der im Dax gelisteten Unternehmen in deutscher Hand, heute sind es nur noch 30 Prozent. An den mehr als 300 Prozent Kursgewinnen in dieser Zeit haben sich ausländische Investoren eine goldene Nase verdient – die haben nämlich gekauft, was die Deutschen verkauft haben. Mit dem „Neuen Markt“ ist viel Geld vom Sparbuch in Start-ups geflossen, die Finanzkrise war der nächste Schlag. Das Interesse wird eher geringer, dabei bieten Aktien für langfristig orientierte Anleger nach wie vor gute Chancen.

Ihr Rat an potenzielle Anleger lautet wie?

Otte: Investieren Sie alles Kapital, das Sie in den nächsten fünf Jahren nicht brauchen, in zwei bis drei breit aufgestellte Aktienfonds mit namhaften europäischen oder globalen Unternehmen. Um Kursschwankungen auszugleichen, sollten Sie die Summe in vier Teilen quartalsweise investieren. Ich habe schon 2009 dazu geraten, sich mit Aktien einzudecken.

Wie steht es um die Stabilität des Euro?

Otte: Die ist nicht besser geworden. Aber wenn die Lage so bleibt wie bisher, wird sich der Euro noch einige Jahre halten können. Um etwas Druck aus dem Kessel zu lassen, sollte es Griechenland und später vielleicht einigen anderen Staaten erlaubt werden, aus dem Euro auszusteigen.

Was muss geschehen, damit Sie ein Euro-Befürworter werden?

Otte: Die Eliten der einzelnen Länder stehen weiter hinter diesem Konstrukt. Ich hätte mir gewünscht, dass der Euro nicht immer als Friedensbringer bezeichnet wird, eine Abkehr also die Angst vor Krieg beschwört. Das ist aus meiner Sicht perfide und hat wenig mit einer auf Fakten basierenden Diskussion zu tun.

Ein Ausstieg Griechenlands würde finanzielle Verluste bedeuten, die können Deutschland und Europa aber verkraften. Dafür wären die Eurozone und auch Griechenland auf Dauer gesünder. Ich wünsche mir, dass die politischen Eliten nicht immer nur beschwichtigen, sondern die Menschen sensibilisieren.

Haben Sie Angst vor der Zukunft?

Otte: Ich bin grundsätzlich ein furchtloser Mensch. Die Spannungen allerdings nehmen auf der ganzen Welt zu, bis hin zur Gefahr eines großen Krieges. Eine weitere Gefahr sehe ich darin, dass der Staat immer mehr zu einem Kontrollstaat wird und eine durchaus notwendige Umverteilung des Vermögens über Steuern und Enteignungen regelt. Diesen Entwicklungen beobachte ich heute schon.

Was wünschen Sie sich als Ökonom zu Weihnachten?

Otte: Dass meine Kinder glücklich und in Frieden leben können.

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