Aachen - Neustart im Berufsleben: Als Azubi mit 41

Neustart im Berufsleben: Als Azubi mit 41

Von: Christina Merkelbach
Letzte Aktualisierung:
In seinem Element: Gregory Min
In seinem Element: Gregory Minkwitz, 41, feilt an einem Schmuckstück aus Gold. Ende Januar ist seine Gesellenprüfung. Er hofft, dass ihm der Abschluss in seinem Heimatland USA einige Türen öffnet. Denn eine vergleichbare Qualifikation gibt es dort nicht. Foto: Michael Jaspers

Aachen. An erstaunte Blicke hat sich Gregory Minkwitz, 41, gewöhnt. Einen Azubi stellt man sich anders vor. Jünger vor allem. Für einen besonders mutigen Schritt hält Minkwitz es aber nicht, in seinem Alter nochmal einen neuen Beruf zu erlernen.

„Es ist eben so”, sagt der US-Amerikaner mit starkem Akzent, lächelt und zuckt mit den Achseln. Vor fast drei Jahren hat er seine Ausbildung zum Goldschmied begonnen. Sie dauert insgesamt dreieinhalb Jahre: Auf zwei Jahre Berufsfachschule in Pforzheim folgen anderthalb Jahre Lehre in einem Betrieb. Letztere absolviert Minkwitz in Aachen, Ende Januar steht die Gesellenprüfung an.

„98 Prozent der Auszubildenden, die bei uns gemeldet sind, sind zwischen 17 und 21 Jahre alt”, erklärt Georg Stoffels von der Handwerkskammer (HWK) Aachen. Selbst wer eine Umschulung mache, sei in der Regel unter 30. „Dass jemand mit über 30 noch eine Ausbildung macht, ist schon selten. Aber über 40-jährige Azubis gibt es so gut wie gar nicht.” Anders verhalte es sich bei Teilzeitausbildungen, die verschiedene Unternehmen in Kooperation mit den Kammern und der Agentur für Arbeit anbieten. „Dabei handelt es sich meistens um Eltern, überwiegend Mütter, für die sich Vollzeitausbildung und Kinderbetreuung nicht vereinbaren lassen.”

In der Goldschmiedewerkstatt von Georg Comouth schweißt Gregory Minkwitz gerade eine feine Goldkette zusammen. Millimeterarbeit, die viel Präzision und Konzentration erfordert. Und ihm sichtlich Freude bereitet. Zeichnen, formen, mit edlem Metall künstlerisch tätig sein, das sei genau sein Ding, sagt Minkwitz. Die Goldschmiedeschule in Pforzheim war ein Tipp seines deutschen Onkels, der in der Schwarzwaldstadt lebt. Und mit Halsketten, Ringen und Armbändern hatte Minkwitz schon vor der Ausbildung zu tun: Bevor er nach Deutschland kam, um dort die Ausbildung zu machen, hat er in den USA sechs Jahre in einem Schmuckgeschäft gearbeitet. Der Weg dorthin war wieder kein gewöhnlicher: Minkwitz kam vom College in South Carolina, wo er einen Abschluss in Englischer Literatur erworben hatte.

Goldschmiedemeister Georg Comouth, 46, war zwar überrascht, als er die Bewerbung des 41-Jährigen in den Händen hielt. Aber es ist nicht das erste Mal, das er jemanden ausbildet, der fast so alt ist wie er selbst. „Der andere Azubi hatte aber vorher schon eine Ausbildung gemacht, die sich gut mit der zum Goldschmied ergänzte.”

Das sei ein großer Vorteil. Neben Gregory Minkwitz hatte Comouth noch zwei weitere Bewerber zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Zwei Frauen, wesentlich jünger als der Amerikaner. Für ihn hat sich der Obermeister der Gold- und Silberschmiedeinnung Aachen dann nicht trotz oder wegen des Alters entschieden. Sondern aus einem sehr pragmatischen Grund: „Die anderen beiden Bewerberinnen haben uns sitzenlassen.”

Aus Gesprächen mit Ausbildern weiß HWK-Geschäftsführer Georg Stoffels, dass ältere Auszubildende zwar mit höherer Belastbarkeit und Lebenserfahrung punkten können. „Sie stellen aber eben auch oft höhere Ansprüche und tun sich schwer mit der durchschnittlichen Ausbildungsvergütung.” Darüber gebe es dann mit dem Betrieb Verhandlungen, denn die Vergütung sei tariflich nur nach unten, nicht aber nach oben begrenzt.

Er sieht noch ein weiteres Problem. „Die Herausforderung für den älteren Azubi ist, sich etwas sagen zu lassen.” Georg Comouth bestätigt das. „Wenn Azubi und Chef fast gleich alt sind, gibt es zwangsläufig Reibungspunkte.” Gerade in einem kleinen Familienbetrieb wie seiner Goldschmiedewerkstatt sei das nicht leicht, weil man zwangsläufig eng zusammenarbeite. „In großen Betrieben mit vielen Mitarbeitern entstehen solche Konflikte vielleicht weniger schnell.”

An die Zeit in der Pforzheimer Berufsfachschule denkt Gregory Minkwitz gerne zurück, auch wenn ihn die Mitschüler dort am ersten Tag für einen Lehrer hielten. „Ich habe mich mit allen dort gut verstanden”, sagt er. Als Gesellenstück plant er ein Collier, besetzt mit Diamant und Amethyst. Wenn er Freunden und Familie in den USA davon erzählt, wissen alle, was er meint. Anders sieht das aus, wenn er über die Ausbildung an sich spricht.

Ein englisches Wort gibt es dafür nicht, auch andere Sprachen haben keines. Das duale System, das parallel in Betrieb und Fachschule ausbildet, gibt es tatsächlich nur im deutschsprachigen Raum. „In den USA lernt man durch Berufserfahrung, Goldschmied zu sein. Aber so etwas allgemein Anerkanntes wie ein Diplom oder einen Gesellenbrief gibt es dort nicht.” Minkwitz hofft, dass ihm der Abschluss aus Deutschland in den USA beruflich einige Türen öffnet. Falls er überhaupt zurückkehrt. Denn ein anderes Angebot hat er schon: Vielleicht zieht er, den Gesellenbrief in der Tasche, kommendes Jahr nach Karlsruhe.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert