Netzwerk für IT-Unternehmen: Nicht hip, aber mit viel Potenzial

Von: André Schaefer und Hermann-Josef Delonge
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Generationenübergreifend: Andreas Schmitz (links) und Alexander Stoffers sind Mitglieder im regionalen IT-Netzwerk Regina. Den Verein gibt es seit genau 25 Jahren. Foto: Harald Krömer

Aachen. Als Andreas Schmitz vor 25 Jahren mit dabei war, den Grundstein für den Regionalen Industrieclub Informatik Aachen (Regina) zu legen, wusste Alexander Stoffers vermutlich noch gar nicht, welchen beruflichen Weg er einmal einschlagen würde. Heute, ein Vierteljahrhundert später, haben Schmitz (72) und Stoffers (34) einiges gemeinsam: Sie sind IT-Experten, haben den Aufbau eines Software-Unternehmens hautnah miterlebt und sind Mitglieder bei Regina.

Schmitz, Gründer und 36 Jahre lang Geschäftsführer der Aachener Netronic Software GmbH, ist sozusagen ein Mann der ersten Stunde. Stoffers, Mitgründer der Modell Aachen GmbH, trat dem Verein erst vor drei Jahren bei. Wir haben beide zum Jubiläum des Informatik-Clubs an einen Tisch gebracht. Ein Gespräch über den Fachkräftemangel in der IT-Branche und den Zustand der Start-up-Szene in der Region.

Herr Schmitz, was war vor 25 Jahren die Intention, den Verein Regina zu gründen?

Schmitz: Es gab damals in Aachen bereits viele IT-Unternehmen. Das Problem war allerdings, dass diese Unternehmen untereinander nicht vernetzt waren. Man kannte zwar die Namen, wusste aber nicht, was der einzelne so treibt. Der Verein wurde damals aus der Hochschule heraus gegründet, die Kontakte zur lokalen IT-Szene knüpfen wollte.

Wie war die IT-Branche zu dieser Zeit aufgestellt?

Schmitz: Alle IT-Unternehmen hatten damals ähnliche Probleme . In der IT-Industrie gab und gibt es immer wieder technologischen Wandel. Als ich anfing, haben wir zum Beispiel noch mit Lochkarten programmiert. Als der PC auf den Markt kam, war das eine ganz andere Welt. Das waren ganz praktische Probleme, die man durch die Vereinsgründung gemeinsam bewältigen wollte. Und dennoch war die Anfangszeit alles andere als leicht; Regina kam zunächst nur schwer in Tritt. Das Interesse war zu Beginn nicht sonderlich groß. Und die, die Mitglied waren, musste man immer wieder davon überzeugen, an den Veranstaltungen teilzunehmen. Das hat sich im Laufe der Jahre zum Glück geändert, Regina wurde immer erfolgreicher. Sonst würden wir diesen 25. Geburtstag auch nicht feiern. Und auf den bin ich richtig stolz.

Herr Stoffers, Sie sind erst vor drei Jahren dem Verein beigetreten. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

Stoffers: Mich hat zunächst die reine Neugier getrieben. Wir als Unternehmen wollten uns einfach besser vernetzen, und das hat durch Regina wunderbar funktioniert. Durch den Verein sind keine neuen Aufträge entstanden, dafür aber mehrere Geschäftsbeziehungen. Der Verein bietet einen hervorragenden Erfahrungsaustausch, zuletzt sind wir etwa ins Silicon Valley gereist. Ich kenne keinen zweiten Verein in der Region, der so etwas ermöglicht. Daher war der Schritt, dort Mitglied zu werden, absolut richtig.

Schmitz: Richtig war der Schritt selbstverständlich auch für mich, und zwar ganz persönlich.

Warum?

Schmitz: Ich habe es Regina zu verdanken, dass ich einen Nachfolger für meine Firma finden konnte. Ich wollte mich damals zur Ruhe setzen und war auf der Suche nach einem neuen Geschäftsführer, sieben Jahre ist das her. Ein Regina-Mitglied vermittelte damals den Kontakt zu Martin Karlowitsch, der Netronic heute noch erfolgreich führt. Ohne Regina hätte ich diesen Nachfolger vielleicht nie gefunden.

Wie ist die IT-Branche in der Region inzwischen vernetzt? Und welchen Anteil hat Regina daran?

Stoffers: Da sehe ich noch viel Potenzial. Ich sehe grundsätzlich zwei Probleme. Als Start-up hat man andere Sorgen als die Vernetzung untereinander, da muss man zusehen, dass man etwas verkauft. Da sind Kooperationen mit anderen Firmen zunächst zweitrangig. Das andere Problem, das ich sehe, ist die derzeitige Fülle an Angeboten. Es gibt den zuletzt gegründeten Digital Hub, das vor kurzem initiierte „Kompetenzzentrum Digital in NRW“, dann die von Regina ins Leben gerufenen Aktionen: Das ist alles sehr positiv, keine Frage. Aber man muss aufpassen, dass man nicht untereinander die Mitglieder abwirbt. Es wäre schlecht, wenn in einer relativ kleinen Stadt wie Aachen demnächst nur Kleingruppen existieren. Stattdessen ist es wichtiger, an einem Strang zu ziehen.

Schmitz: Das sehe ich etwas anders. Besonders durch Regina wird diese Vielfalt an Angeboten gebündelt. Und dieser Verdienst von Regina hat sich in der Region herumgesprochen. Heute ist es im Vergleich zu früher einfacher, Mitglieder zu gewinnen. Der Verein hat mittlerweile einen sehr guten Ruf. Stoffers: Ich will diesen Ruf gar nicht anzweifeln. Den traditionellen Unternehmen ist Regina ein Begriff, keine Frage. Aber hören Sie sich mal bei Studenten um, die in der IT-Branche Start-ups ausgründen – die kennen den Verein nicht. Und genau da muss Regina ansetzen. Den Nachwuchs für sich zu gewinnen, das ist eine der großen Herausforderungen des Vereins.

Die IT-Branche leidet ganz besonders unter Fachkräftemangel. Wie wird dieses Problem im Verein diskutiert?

Stoffers: Das Problem ist massiv. Wir als Unternehmen können bestimmte Stellen nur langsam besetzen. Und das ist auch der Eindruck, den ich von anderen Unternehmen habe. Der harte Wettkampf um die IT-Talente hat schon begonnen, er wird aber noch drastischer werden. Aktuell steckt unser Unternehmen fast zehn Prozent des Umsatzes in Personalmarketing, um neue Leute zu finden.

Gilt das für die gesamte IT-Branche oder ist das ein spezifisches Problem der Aachener Region?

Stoffers: Aachen hat definitiv das Problem, viele Fachkräfte nicht halten zu können. Wir haben eine große und renommierte technische Hochschule, die junge Menschen aus allen Regionen anlockt. Diese Leute kommen aber meist nach Aachen mit der festen Intention, nach dem Studium die Stadt wieder Richtung Heimat oder zu einem Arbeitgeber anderswo zu verlassen. Oder nehmen wir das Thema Entlohnung: Das Gehaltsniveau in Süddeutschland ist ein anderes als hier im Westen. Da können selbst etablierte Unternehmen aus der Region nicht mithalten, Start-ups erst recht nicht. Und das ist schade. Denn es wäre eine spannende Herausforderung, die Start-up-Szene in Aachen weiter aufzuwerten.

Besitzt Aachen nicht schon längst eine attraktive Start-up-Szene?

Schmitz: Das würde ich so unterschreiben. Die Hochschule hat daran mit ihren vielen Ausgründungen einen entscheidenden Anteil, sie ist sozusagen der Kern. Sie hat einen Namen, der weit über die Region hinaus bekannt ist. Stoffers: Ich glaube, Aachen hat das Potenzial, eine richtig gute Start-up-Szene aufzubauen, aber sie hat sie meiner Meinung nach noch nicht. Klar, wir haben hier sehr viele gute Techniker. Aber wenn man Aachen mit einer Stadt wie Berlin vergleicht, dann stehen wir schlecht da. In Berlin haben sich viele Start-ups zu wahren Leuchttürmen entwickelt. Die Hauptstadt besitzt mit all ihren hippen App-Entwicklern eine pulsierende Start-up-Szene. Aachen lebt dagegen von seinen vielen kleinen Ingenieursfirmen, die bodenständig und solide wachsen. Aber diesen Start-up-Hype wie in Berlin füttern wir in Aachen sicher nicht.

Die Digitalisierung ist das Thema der Zukunft. Wie ist die Region dafür aufgestellt?

Schmitz: Das wird sich noch zeigen. Fakt ist: Die Veränderung Richtung Industrie 4.0 ist nicht mehr aufzuhalten. Und die Region muss natürlich schauen, dass sie vorne mitmischt. Das halte ich für enorm wichtig. Ich bin aber überzeugt davon, dass Aachen bei diesem Vorhaben eine große Rolle spielen kann.

Welche Rolle wird Regina dabei spielen?

Schmitz: Das ist schwer zu sagen. Regina ist und bleibt ein enorm wichtiger Verein, dessen Wirkkraft sichtbar ist. Aber wenn es darum geht, die Digitalisierung in der Region voranzutreiben, dann reicht nicht ein Verein. Diese Verantwortung muss auf mehreren Schultern getragen werden.

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