Stolberg-Dorff - Nachwuchs gesucht: 23-Jährige übernimmt den Hof der Familie

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Nachwuchs gesucht: 23-Jährige übernimmt den Hof der Familie

Von: Thorsten Karbach
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Sie steht für die Zukunft des Familienbetriebs: Catharina von Hoegen im neuen Stall. Die 23-Jährige wird den Hof weiterführen. Foto: Steindl
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Hier wird sich angestellt: Dank der Melkroboter können die Kühe selbst entscheiden, wann sie gemolken werden wollen.

Stolberg-Dorff. Als Catharina von Hoegen in der vierten Klasse gefragt wurde, was sie denn später einmal werden wolle, sagte das Mädchen: Bäuerin. Nun ist es so, dass Kinder in diesem Alter alles Mögliche werden wollen – Fußballstar und Lokführer, Feuerwehrmann und Astronaut. Die meisten Mädchen Reiterin oder vielleicht Ballerina. Die wenigsten ganz gewiss Bäuerin.

Noch bemerkenswerter ist aber, dass Catharina von Hoegen ihren Kinderworten Taten folgen ließ. Heute ist sie 23 Jahre alt und – genau: Landwirtin.

Das ist auch gut so, zumindest für ihre Familie, denn es ist gesichert, dass der Hof der von Hoegens eine Zukunft hat. Der Milchviehbetrieb wird sich vergrößern, die Zahl der Kühe ist bereits von 60 auf 90 gewachsen, 130 sollen es am Ende werden und für die steht bereits ein neuer moderner Stall mit zwei Melkrobotern. Mehr Hightech auf dem Bauernhof geht nicht. Und wenn Catharina von Hoegen nicht frühzeitig signalisiert hätte, dass sie nicht nur als Kind in Schulaufsätzen von der Geburt eines Kälbchens schrieb sondern ernsthaft das Ziel verfolgt, in die Fußstapfen ihres Großvaters und ihres Vaters zu treten, der Vater hätte den Betrieb auslaufen lassen. In der Landwirtschaft kommt die Nachfolge eben in der Regel aus der Familie – oder es gibt keine.

Die Hofnachfolge gewinnt in der Landwirtschaft zunehmend an Bedeutung. Laut den „Zahlen zur Landwirtschaft in Nordrhein-Westfalen 2012“, dem letzten ausführlichen Kompendium der Landwirtschaftskammer NRW, war nur bei 33 Prozent der 23.100 Familienbetriebe in NRW die Nachfolge definitiv geklärt. 154.460 Betriebe hatten noch keinen Nachfolger, wobei 65 Prozent der Betriebsleiter auf NRWs Höfen 45 Jahre und älter sind.

Catharina von Hoegen sah im Dasein auf dem Hof ihre Berufung und damit ihren Beruf. Ihre beiden Schwestern mögen zwar die Tiere, die tägliche Arbeit aber hätten sie nicht fortführen wollen. Von Hoegen zählt damit zu den 14 Prozent Frauen, die auf einem Hof in NRW die Nachfolge angetreten haben. Und zu den 43 Prozent, die zwischen 15 und 24 Jahre alt sind.

Drei Generationen

Drei Generationen leben und arbeiten auf dem Hof in Stolberg-Dorff. Die Mauern sind weit älter. Sie zählten einst zu einer richtigen Ritterburg, die im Krieg zerstört wurde. Die Geschichte der Anlage ist immer noch gegenwärtig, aber viel mehr noch lässt sich rund um Catharina von Hoegen erzählen, wie sich Landwirtschaft entwickelt hat. Der alte Stall, in dem der Großvater auf dem Schemel saß und seine 15 Kühe gemolken hat, er steht noch. Für Tiere ist er aber längst nicht mehr zeitgemäß – sprich: artgerecht. Aktuell dient er als Lagerraum, später soll er einmal ein Hofladen werden, in dem Milch und auch die Eier der 330 Hühner des Hofes verkauft werden können.

Auch der Stall, den der Vater aufbaute, nutzen die von Hoegens nur noch im Winter für die Jungtiere – Holsteiner, auch bayrisches Fleckvieh und zwei kräftige Bullen von bestimmt 700 Kilogramm. Im Sommer kommen sie auf eine Weide der Oma in der Eifel. Die Zukunft steht ein paar Meter weiter hinter der 230-KW-Biogasanlage (1998 baute Catharinas Vater die erste in ganz NRW) und wurde schon von den meisten Tieren bezogen: ein moderner Stall mit zwei Melkrobotern, bei denen die Kühe eigenmächtig entscheiden, ob und wann sie gemolken werden – was mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit funktioniert. Sie treten vor den Roboter, ein kleiner Kasten um den Hals der Kühe wird eingelesen, der Roboter erkennt das Tier, passt das eigentliche Melken an dessen Konstitution an. Kommt aus einer Zitze keine Milch, dann wird sie erst gar nicht angepackt.

Ansonsten wird mittels Laser die Position der Zitzen erfasst und jede einzeln angesteuert. Die Kühe haben sehr schnell gelernt, wie der Melkroboter agiert. „Kühe sind schlaue Tiere. Der Spruch von der blöden Kuh tut ihnen unrecht“, sagt von Hoegen. Und vor dem Melkroboter sieht es aus wie an einer englischen Bushaltestelle: Drei Kühe stellen sich brav an, die Euter sind drall, sie wissen sehr wohl, dass sie hier Erleichterung finden.

Für Catharina von Hoegen bedeutet die moderne Melkmethode zunächst einmal, dass der Tag später beginnen kann. Vorbei sind die Zeiten, in denen alle Kühe morgens und abends jeweils um halb Fünf gemolken wurden. Es mag immer noch ein Knochenjob in Gummistiefeln und mit dreckigen Hosen sein, aber er fängt zumindest schon einmal später – etwa um sieben Uhr – an, und die Automatisierung verändert die Anforderungen deutlich.

Catharina von Hoegen muss mit dem Traktor wie mit dem Computer umgehen können – wo sämtliche Daten des Melkroboters eingehen. Hier liest sie, dass im Moment 1541 Liter am Tag von 80 Kühen gegeben werden und die Kühe im Durchschnitt 2,8 Mal am Tag zum Melken gehen. Sogar der Eiweißwert wird erfasst. „Ein moderner Landwirt ist ein Unternehmer und muss entsprechend agieren. Ich vergleiche auch Preise – wie ein Banker“, sagt sie. Eines ist aber – Melkroboter hin, Computer her – unverändert: Landwirte sind an ihre Tiere gebunden, samstags oder feiertags freizunehmen ist nicht so einfach, Urlaub nur möglich, wenn eine Vertretung den Hof führt. „Schau dir das gut an!“, haben Catharinas Eltern immer gesagt. Sie hat es sich angeschaut. Sie ist gerne bei den Tieren – und zwar draußen: „Ich möchte sie, wann immer es geht, auf der Wiese haben.“

Ihre Ausbildung ist durchaus klassisch gelaufen: Sie hat das Gymnasium besucht und sich vor dem Abitur für die dreijährige Lehre entschieden. Ein Praxisjahr hat sie in Neuseeland verbracht. An der Fachschule für Agrarwissenschaft hat sie ihr Fachabitur nachgeholt und sich zur staatlich geprüften Agrarbetriebswirtin ausbilden lassen. So wird aus einem Kind vom Bauernhof, das ohnehin im Alltag viel ganz beiläufig gelernt hat, in der Regel ein Landwirt – oder eben eine Landwirtin. Wobei Catharina von Hoegens Geschichte genau deswegen ungewöhnlich ist: In ihrer Klasse waren anfangs vier Mädchen – bei 20 Jungs. Drei haben die Fachschule beendet. Es mögen langsam mehr wissen, aber der Beruf des Landwirts wird immer noch mit dem Bild des kernigen Burschen verbunden. „Als Frau komme ich natürlich an meine körperlichen Grenzen“, gibt Catharina von Hoegen zu. Aber die Technik hilft, diese Grenzen zu überwinden. Und damit konnte sie als Kind noch gar nicht rechnen.

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