Aachen - Mit Eigeninitiative und viel Motivation: Vom Flüchtling zum Azubi

Mit Eigeninitiative und viel Motivation: Vom Flüchtling zum Azubi

Von: Christina Vogt
Letzte Aktualisierung:
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Ausbildungsplatz gesucht, Ausbildungsplatz gefunden: Der Pakistaner Tahir Naqash macht bei der Aachener Heizungsbaufirma Theodor Mahr Söhne GmbH eine Ausbildung zum Konstruktionsmechaniker. Damit ist er einer von 168 Geflüchteten, die im Zuständigkeitsbereich der Arbeitsagentur Aachen-Düren zum 1. August 2017 eine Ausbildung begonnen haben. Foto: Harald Krömer

Aachen. Wenn man Tahir Naqashs Kollegen und Vorgesetzte fragt, wie sich der neue Auszubildende aus Pakistan denn so im Betrieb macht, dann sind sich alle einig: „Er ist immer hilfsbereit. Wenn er Fragen hat, dann stellt er sie. Es klappt super“, sagt etwa Christian Lehnardt, stellvertretender Fertigungsleiter bei der Heizungsbaufirma Theodor Mahr Söhne GmbH.

„Tahir ist etwas Besonderes, er hinterfragt viel“, sagt sein Kollege Hany Putros. Und seine Chefs können in das Lob nur mit einstimmen: „Er hat so viel Eigeninitiative gezeigt und ist immer am Ball geblieben. Man hat ihm angemerkt, dass er den Ausbildungsplatz bei uns unbedingt haben wollte“, sagt Personalchefin Laura Mahr.

Wegen der Taliban geflüchtet

Und er hat ihn bekommen: Tahir Naqash, 25 Jahre alt, lebt seit dem 6. September 2015 in Deutschland und ist seit dem 1. August 2017 Auszubildender zum Konstruktionsmechaniker bei der Aachener Heizungsbaufirma Mahr, die auf die Herstellung und Wartung von Kirchenheizungen spezialisiert ist.

Naqash stammt aus Haripur im Norden Pakistans. Nur eine halbe Autostunde von seiner Heimatstadt entfernt töteten US-Spezialeinheiten 2011 den Top-Terroristen Osama bin Laden, den Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001. Das Erstarken der radikal-islamischen Taliban in seiner Heimat bewegte ihn 2014 schließlich zur Flucht. Nach Stationen in Griechenland und der Türkei kam er im September 2015 über die Balkanroute nach Deutschland – und schließlich nach Aachen.

Eine ehrenamtliche Flüchtlingshelferin stellte den Kontakt zur Firma Mahr her. „Die Chemie stimmte sofort“, erinnert sich Laura Mahr. Nach einem vierwöchigen Praktikum im Sommer 2016 stand der Entschluss fest, dass die Mahrs Tahir Naqash einen Ausbildungsplatz anbieten wollen. Über eine seit März 2017 laufende und von der Agentur für Arbeit geförderte Einstiegsqualifizierung gelang schließlich der Weg in die Ausbildung. Während dieser sechs- bis zwölfmonatigen Zeitspanne besucht der künftige Auszubildende bereits die Berufsschule und arbeitet im Ausbildungsbetrieb mit, während die Arbeitsagentur für Lohn- und Sozialversicherungskosten aufkommt.

Eine Grundvoraussetzung: Naqash spricht nach rund zwei Jahren in Deutschland nahezu fließend Deutsch – sogar ohne einen Sprachkurs besucht zu haben. „Ich hatte von Anfang an viele deutsche Freunde und habe mit der Flüchtlingshelferin die deutsche Grammatik gelernt“, sagt er in fast akzentfreiem Deutsch. „Wenn man dann acht, neun Stunden pro Tag auf der Arbeit nur Deutsch spricht, lernt man die Sprache sehr schnell.“ Man merkt ihm an, dass hinter seinen sehr guten Sprach kenntnissen auch eine große Portion Ehrgeiz und Eigeninitiative stecken.

Die Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt ist immer noch eine der großen Herausforderungen – für die Politik, die Behörden, die Wirtschaft und nicht zuletzt die Flüchtlinge selbst. Naqash ist einer von 168 Geflüchteten im Zuständigkeitsbereich der Agentur für Arbeit Aachen-Düren, die zum 1. August 2017 eine Ausbildung begonnen haben. 600 Bewerber mit Fluchthintergrund gab es laut Angaben der Agentur für Arbeit in diesem Ausbildungsjahr in der Region. Die Vermittlung in Ausbildung erfolgte, so wie bei Tahir Naqash, oft über eine Einstiegsqualifizierung. „Das ist eines der besten Mittel, damit Betrieb und Azubi sich kennenlernen können“, sagt Klaus Jeske, Pressesprecher der Agentur für Arbeit Aachen-Düren.

Im November 2017 gab es im Bereich der Agentur für Arbeit Aachen-Düren 6467 Arbeitssuchende mit Fluchthintergrund – 1429 von ihnen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren. „Das zeigt, wie groß das Potenzial für Ausbildung unter den Geflüchteten ist“, sagt Jeske. „Gerade in Bereichen, in denen händeringend Auszubildende gesucht werden oder viele Ausbildungsstellen kaum noch besetzt werden können.“ Eine Erfahrung, die auch die Aachener Heizungsbaufirma macht. „Wir sind froh, Fachkräfte aus dem Ausland zu bekommen, die sich für solche Berufe begeistern“, sagt Geschäftsführer Theodor Mahr.

In Pakistan, seiner Heimat, hat Naqash nach der Schule Bauingenieurwesen studiert, das Studium aber nicht beendet. Dennoch hat er damit Grundlagen geschaffen, auf die er in seiner Ausbildung nun zurückgreifen kann. „Mathematik und technische Zeichnungen sind mir immer schon leichtgefallen“, sagt der 25-Jährige. Im ersten Ausbildungsjahr steht für ihn aktuell vor allem das Schneiden, Pfeilen und Konstruieren von Blechen auf dem Ausbildungsplan.

„Ich lerne jeden Tag etwas Neues“, sagt Naqash. Falls er in der Berufsschule dann doch eine Aufgabenstellung nicht auf Anhieb versteht, hilft ihm sein Kollege, der ebenfalls eine Ausbildung zum Konstruktionsmechaniker bei der Firma Mahr macht und mit ihm zum 1. August in die Ausbildung gestartet ist. „Wir sind nicht nur Kollegen, sondern mittlerweile Freunde“, sagt Naqash.

Tahir ist der erste Flüchtling, den die Firma Mahr ausbildet. „Man muss sich bewusst sein, dass es schon einiges an zusätzlichem bürokratischen Aufwand bedeutet“, sagt Laura Mahr. Doch das, was Tahir in die Firma einbringe, sei diesen kleinen Zusatzaufwand allemal wert. Die Arbeitsagentur sei als Ansprechpartner zudem auch immer erreichbar, ist Laura Mahrs Erfahrung. Für sie steht fest: Der Weg von Tahir Naqash ist eine Erfolgsgeschichte.

Was in dieser Erfolgsgeschichte – neben Naqashs Ehrgeiz und unbedingtem Willen zur Integration – wohl auch eine Rolle spielt: Die Firma Mahr ist ein mittelständischer Familienbetrieb. Gegründet 1841, rund 160 Mitarbeiter, die sechste Generation der Mahrs – Sohn Theodor, 33 Jahre alt, und Tochter Laura, 28 Jahre alt – ist schon in die Firma eingestiegen. Und der Betrieb ist sich seiner sozialen Verantwortung bewusst, wie Laura Mahr es ausdrückt, und auch bereit, Naqash bei Problemen jedweder Art zu unterstützen. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass es einfach so gut passt zwischen den Firmenchefs, ihren Angestellten und Tahir Naqash.

Aber trotz aller Zufriedenheit mit dem Ausbildungsplatz, den Kollegen und der Firma plagen den jungen Pakistaner immer wieder Zukunftsängste. Die auch in Nordrhein-Westfalen geltende 3+2-Regelung sichert Flüchtlingen und den sie ausbildenden Betrieben eine Duldung für die Dauer der Ausbildung sowie eine Aufenthaltsgenehmigung für zwei weitere Jahre bei der Übernahme in ein Beschäftigungsverhältnis zu.

Auch wenn Naqashs Zukunft in Deutschland also für die nächsten fünf Jahre gesichert ist, fragt er sich jetzt schon, was danach kommen wird, denn nach Pakistan zurückkehren will er nicht. Doch Laura Mahr versucht, die Zweifel zu zerstreuen: „So leicht werden wir dich nicht gehen lassen, das weißt du doch.“

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