Mit Beharrlichkeit und Mut zum Risiko

Von: Christina Merkelbach
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Zwei, die nach Jahrzehnten beruflich neu gestartet sind: Wolfgang Ehlert (rechts) und sein Mitarbeiter Ralf Podborny an der Drehmaschine. Foto: Harald Krömer

Aachen. Vom Fenster seines Büros aus blickt Wolfgang Ehlert auf das Gebäude, in dem er fast 30 Jahre gearbeitet hat. Putz bröckelt von den hohen grauen Wänden des früheren LG-Philips-Bildröhrenwerks. Gespenstische Stille umgibt die Hallen, die im Januar 2006 von heute auf morgen dicht gemacht wurden. «Da», sagt Ehlert und deutet mit dem Zeigefinger nach draußen, «ist Vergangenheit.»

Wolfgang Ehlert, 56, ist Mechaniker-Handwerksmeister und ehemals stellvertretender Werkstattleiter bei LG Philips in Aachen. Seine Gegenwart kommt laut daher. Kreischt, schrillt, schrappt und brummt durch die geschlossene Bürotüre. Werkzeugmaschinen, an denen viele Aufträge zu bewältigen sind. Seit fast vier Jahren gibt es den Produktionsservice Ehlert, kurz PSE, im Industriepark Rothe Erde, dem ehemaligen Philips-Gelände. Ein Chef, drei Mitarbeiter und ein Auszubildender drehen, fräsen und bohren dort Maschinenteile. Bolzen, Klappen und Platten für rund 90 Kunden. Aus der Region zum Beispiel Babor und SIG Combibloc, aber auch kleinere Privatkunden.

Als LG Philips das Bildröhrenwerk schloss, verloren 380 Beschäftigte aus der Region ihre Arbeitsplätze. Daran, dass viele von ihnen bis heute auf dem Arbeitsmarkt kein Bein mehr auf den Boden bekommen haben, mahnte zuletzt das fünfte Jahresgedächtnis ehemaliger Mitarbeiter im Januar dieses Jahres. „Mit seinem Schritt zur Selbstständigkeit sticht Wolfgang Ehlert aus dieser großen Gruppe hervor”, sagt Manuela Barry, Beraterin im Transferprojekt LG Philips. Dort wurden 319 entlassene Mitarbeiter bis Ende April 2007 betreut. Der überwiegende Teil von ihnen war über Jahrzehnte im Bildröhrenwerk beschäftigt. „Als Existenzgründer darf man das Risiko nicht scheuen. Das fällt schwer, wenn man lange als Angestellter mit sicherem Einkommen gearbeitet hat”, sagt Manuela Barry. „Mit zunehmendem Alter nimmt der Mut oft ab.” Zu groß und sicherlich auch nicht unbegründet sei die Angst, dass es schiefgehen könnte. Das belegen die Zahlen: Für den Schritt, ein eigenes Unternehmen zu gründen, haben sich außer Wolfgang Ehlert nur noch zwei andere in der Transfergesellschaft entschieden. Es ist auch nicht so, dass Wolfgang Ehlert sofort darauf gesetzt hat, Unternehmer zu werden. „Anfangs habe ich mich noch beworben, aber da gab es für mich keine Aussicht auf Erfolg.” Er sei „überqualifiziert”, habe es immer geheißen. „Im Klartext: Ich war zu teuer”, sagt er.

Ralf Podborny, 51, gehört seit Dezember vergangenen Jahres zum PSE-Team. Mit seinem Chef verbindet ihn nicht nur der Job. „Wir sind beide gebrannte Kinder”, sagt er und streicht sich durch den Bart. 35 Jahre war der Zerspanungsmechaniker bei der Philips-Tochter GTD (Global Technology Development) beschäftigt. Die Lehre miteingerechnet, die er machte, als sein Beruf noch Dreher hieß. Bei GTD stellt der niederländische Technik-Gigant Maschinen für die konventionelle Lampenfertigung her.

Im Frühjahr 2009 hatte Philips verkündet, von den 122 GTD-Mitarbeitern 40 zu entlassen. Auch für Ralf Podborny ging es in ein Transferprojekt. Bewerbungstrainings und Beratungen, Stellenanzeigen suchen, warten, hoffen. Und zur Probe arbeiten. Zum Beispiel bei Wolfgang Ehlert. Dorthin führte Podborny der Weg, kurz bevor das Transferprojekt auslief und er noch keine neue Stelle hatte. Die Aufgaben stimmten, das Umfeld, die Chemie zwischen ihm und den Kollegen.

Eine gute alte Bekannte

Die Maschine, an der Ralf Podborny arbeitet, ist eine gute alte Bekannte. Sie hat er auch bei GTD bedient. Die stehe da jetzt rum und werde von keinem mehr gebraucht, hatte er seinem neuen Chef erzählt. Der wurde hellhörig und fragte nach, ob das gute Stück denn zu kaufen sei. So kam PSE zu seiner vierten Drehmaschine. Bei allen handelt es sich um CNC-Technik: Durch moderne Steuerungstechnik sind die Maschinen in der Lage, automatisch und mit hoher Präzision Hunderte Produkte am Stück herzustellen. Zum Beispiel die 20.000 Bolzen im Jahr, die ein Kunde in Auftrag gegeben hat.

Gut 200.000 Euro hat Wolfgang Ehlert bisher in PSE investiert. 60.000 davon über einen Kredit. Dem Rest sind drei Sparverträge zum Opfer gefallen. „Das musste ich natürlich erst mit meiner Frau abstimmen”, sagt er. „Sie ist schließlich der Finanzminister bei uns.” Auch der private Pkw der Familie hat dran glauben müssen. Die Insolvenz bei Philips hatte der zwar überlebt, musste aber für die Existenzgründung versilbert werden. Wolfgang Ehlert, Vater dreier Töchter, erzählt das ohne Wehmut. „Ein Unternehmen gründen heißt auch, Opfer zu bringen.” Er lächelt und zuckt mit den Schultern. „Wir hoffen eben, das alles gut geht.”

Die Zeichen dafür stehen gut. Immerhin hat es der Produktionsservice Ehlert schon durch die Wirtschaftskrise geschafft. Das sei absolut bewundernswert, sagt Transferberaterin Manuela Barry. Am weiteren Erfolg des Unternehmens zweifelt sie nicht. Für einen erfolgreichen Unternehmer sei Wolfgang Ehlert nicht nur fit, sondern auch beharrlich genug.

Netzwerk: 40 Prozent der früheren LG-Philips-Mitarbeiter leben von Hartz IV

Das Transferprojekt LG Philips startete am 1. Mai 2006 und endete am 30. April 2007. Die 319 Mitarbeiter, die von den 380 Entlassenen in die Auffanggesellschaft gingen, wurden von der Personalentwicklungs- und Arbeitsmarktagentur Peag betreut.

Nach Auskunft von Peag-Transferberaterin Manuela Barry konnten von den 319 Betroffenen 181 in neue Arbeitsverhältnisse vermittelt werden. Wie viele von ihnen ihre Stelle heute noch haben, ist allerdings nicht bekannt.

Das Netzwerk Kirche und Betrieb bietet nach wie vor eine Anlaufstelle für ehemalige LG-Philips-Mitarbeiter. Referentin Marlies Conen weiß, dass eine Reihe von ihnen für ein oder zwei Jahre einen neuen Arbeitsplatz hatten. "In der Wirtschaftskrise waren sie aber die ersten, die wieder entlassen wurden." Sie schätzt, dass zurzeit etwa 40 Prozent der 2006 Entlassenen von Hartz IV leben.

Für Philips GTD gibt es mehrere Transferprojekte. Die 40 betroffenen Mitarbeiter werden schrittweise entlassen und ebenfalls von der Peag betreut. Von den fünf Transferprojekten sind bisher drei abgeschlossen, das letzte endet im September dieses Jahres.
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