Mishos Plan: „Ich will Elektriker werden!“

Von: André Schaefer
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Der praktische Unterricht erfolgt in der Werkstatt. Immer mit dabei: die professionellen Helfer Frank Wiedemann (rechts), Corinna Bornscheuer-Heschel (3.v.r.), Raphaela Gartzen (5.v.r.), Linde Gärtner (4.v.l.) und Projektleiterin Christina Vedar (2.v.l.). Foto: Andreas Herrmann
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Vor acht Monaten nach Deutschland gekommen: Nun möchte Dilgash Misho Elektriker werden.

Aachen/Düren. Wenn Dilgash Misho über seine Zukunft und seine Wünsche spricht, dann muss der 30-Jährige nicht lange nachdenken. Der junge Mann in dem hellblauen Jeanshemd lehnt sich in seinem Stuhl zurück, seine dunklen Augen strahlen, und dann sagt er mit großer Zuversicht: „Ich will Elektriker werden.“ Wo der aus Syrien geflüchtete Mann in etwa einem Jahr stehen wird, das vermag niemand vorherzusagen.

Auch Misho kann das nicht wissen. Und selbst, wenn es dafür keine rationale Erklärung gibt: Bei dem 30-Jährigen hat man irgendwie ein gutes Gefühl, dass er seinen Traum verwirklichen wird.

Dass zumindest Mishos Voraussetzungen für eine berufliche und private Zukunft in Deutschland geschaffen werden, dafür sorgt in den kommenden zwölf Monaten das 15-köpfige Team von „Vorteil Aachen-Düren“, das neue Flüchtlingsprojekt der low-tec gemeinnützigen Arbeitsmarktförderungsgesellschaft Düren. Das Ziel: junge Flüchtlinge innerhalb eines Jahres praktisch, fachtheoretisch und sprachlich fit machen für eine Ausbildung. Der besondere Fokus liegt dabei auf dem gewerblich-technischen, handwerklichen und logistischen Bereich.

Da verwundert auch nicht das Bild, das beim Betreten der Lernwerkstatt auf der Aachener Hüls ins Auge fällt. Im großzügigen Eingangsbereich auf der ersten Etage stehen ein paar hübsche Paletten-Möbel. „Die stammen aus einem Ferienprojekt, das wir einmal mit Flüchtlingen probeweise gestartet hatten“, sagt Projektleiterin Christina Vedar. „Schnell wurde uns klar, dass solch ein Projekt großen Zuspruch erhält.“

Insgesamt 36 Plätze bietet das Projekt jedes Jahr für den Standort Aachen, 20 sind bislang besetzt. In Düren, dem zweiten Standort, sind mit neun von zwölf möglichen Plätzen nur noch wenige Stellen zu besetzen. Erst vor einigen Tagen ist das besondere Flüchtlingsangebot in Aachen angelaufen, in Düren steht es unmittelbar vor dem Startschuss. Die Asylbewerber werden dabei fünf Tage pro Woche in Vollzeit auf einen möglichen, späteren Eintritt in den Arbeitsmarkt in Deutschland vorbereitet: Sprachkurs, Bewerbungstraining und eben handwerkliches Arbeiten.

Jeder Handgriff sitzt

Dilgash Misho scheint dieses Angebot zu gefallen. Zu dieser Erkenntnis kann man jedenfalls kommen, wenn man dem 30-Jährigen bei seiner Werkstattarbeit genauer zusieht. Fast schon liebevoll poliert er die vor sich liegende Schraubzwinge, jeder Handgriff sitzt. Zwischendurch hebt er immer wieder den Kopf, um zu schauen, was seine Kollegen links und rechts neben ihm machen. Dann legt sich ein zufriedenes Lächeln über sein Gesicht. „Das klappt alles sehr gut hier“, sagt er.

Vor acht Monaten kam der junge Mann nach Deutschland. In Syrien, so erzählt er, habe er schon in der Schule Elektrotechnik gelernt. Was folgte, waren zeitweise Jobs als Friseur und Schneider. Nach seiner Flucht aus Syrien arbeitete Misho zunächst in einer türkischen Textilfirma. „Ich habe schon vieles gemacht, aber am meisten interessiere ich mich für Elektrik“, sagt er.

Seine Familie hat er zurückgelassen, Misho ist alleine nach Deutschland gekommen. In einem Flüchtlingswohnheim an der Vaalser Straße in Aachen wohnt er mit rund 30 anderen Flüchtlingen. Was genau er in seiner Vergangenheit während seiner Flucht erlebte, darüber möchte er nicht sprechen. Misho blickt lieber nach vorne: „Ich möchte als Elektriker arbeiten“, sagt er immer wieder. Seine Deutschkenntnisse sind überraschend gut.

Das gilt nicht für alle Projektteilnehmer. In Kooperation mit der Sprachen-Akademie Aachen wird jeden Tag von 8.30 Uhr bis 12.15 Uhr Deutsch gepaukt. Je nach Deutschkenntnissen werden die Flüchtlinge in drei verschiedene Lerngruppen eingeteilt.

Am Nachmittag widmen sie sich dann zusammen mit den Handwerksmeistern des Teams der Fertigung handwerklicher Produkte. Ob Tische, Bänke oder Betten: Mithilfe von Anleitern entsteht eine Reihe nützlicher Möbel. „Einerseits wird man bei uns auf eine Ausbildung vorbereitet, andererseits sollen die gefertigten Produkte auch einen Sinn haben“, sagt Corinna Bornscheuer-Heschel, Leiterin des low-tec-Standorts Aachen.

Möbel sollen in den Verkauf gehen

Denn das, was die Flüchtlinge innerhalb des Jahres produzieren, soll ihnen für den privaten Gebrauch dienen. Darüber hinaus sollen gefertigte Möbelstücke in den Verkauf gehen. „Der Plan ist es, vor Weihnachten die ersten Möbel zu verkaufen“, sagt Bornscheuer-Heschel.

Bevor es soweit ist, geht es für das Team des Projekts überwiegend darum, das Vertrauen der Flüchtlinge zu gewinnen. „Jeder einzelne Teilnehmer ist ein Individuum, das seine eigene, persönliche Geschichte mitbringt“, sagt Vedar. „Das braucht Zeit, und wir nähern uns von Tag zu Tag an. Wir haben hier in unserer täglichen Arbeit einen großen Reflexionsbedarf.“

Dass das Projekt in Sachen Flüchtlingshilfe der richtige Ansatz ist, davon sind die Verantwortlichen überzeugt. „Es wird bundesweit viel für Flüchtlinge getan, doch überwiegend handelt es sich um Beratungsangebote. Wir allerdings bieten den jungen Menschen eine Erprobung unter realen Bedingungen. Ich denke, dass wir nach einem Jahr erste Erfolgsgeschichten melden können“, sagt Vedar. Dilgash Misho könnte für eine dieser Erfolgsgeschichten sorgen. Der 30-Jährige befindet sich jedenfalls auf einem guten Weg dorthin.

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