Migranten gründen anders. Ein Vorurteil?

Von: Christina Merkelbachund Michael Brehme
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Seit März dieses Jahres mit einem kleinen Imbiss selbstständig: Der Vietnamesin Thi Khank Van Duong bescheinigt ihr IHK-Berater eine erfolgsversprechende, weil durchdachte Gründung. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Der Dönermann an der Ecke, der Asiate mit seinem Schnellimbiss, die Reinigungsfirma eines orientalischen Inhabers: Beispiele, die das Bild ausländischer Firmengründer in Deutschland prägen. Vorurteile?

Aber nein, belegt eine Studie, die jüngst im Auftrag des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) veröffentlicht wurde. Nur fünf Prozent der selbstständigen Migranten gründen demnach Unternehmen in „wissensintensiven” Branchen.

Damit sind solche gemeint, die im Normalfall einen Studienabschluss voraussetzen oder einen hohen Anteil an Forschung und Entwicklung beinhalten. Dabei sei unter Migranten und Migrantenkindern die Bereitschaft zur Firmengründung äußerst hoch, gleiches gelte für Mut und Beherztheit, heißt es in der Studie.

Häufig „niedrigschwellig”

„Aus dem Bauch heraus würde ich die Ergebnisse der Studie bestätigen”, sagt Gerd Ernst, Gründungsberater bei der Industrie- und Handelskammer Aachen. Er betreut Jungunternehmer und solche, die es werden wollen, für das Stadtgebiet Aachen. Dort machen sich mehr Menschen mit Migrationshintergrund selbstständig als in anderen Teilen des Kammerbezirks. Bei einem großen Teil von ihnen handele es sich in der Tat um „niedrigschwellige” Gründungen, sagt Ernst.

Darunter versteht man solche, für die kein Studienabschluss notwendig ist. Und, häufig noch viel entscheidender: kein hohes Startkapital. „Deutsche Gründer scheuen das Risiko oft eher als Migranten”, sagt Ernst. Bewerten will er das aber nicht. „Zu viel Risikofreude kann genauso zum Scheitern führen wie zu wenig Mut.” Ein gutes Beispiel für eine niedrigschwellige, aber gut geplante Gründung ist für ihn der Schnellimbiss der Vietnamesin Thi Khank Van Duong.

Die 31-Jährige ist 2001 mit ihrem Mann von Vietnam nach Deutschland gekommen, wo bereits einige Verwandte gewohnt und in der Gastronomie gearbeitet haben. Duong und ihr Mann sind gelernte Köche. Bis sie sich mit ihrem Imbiss im März 2011 selbstständig gemacht hat, hat sie immer ein paar Stunden pro Woche in der Küche eines asiatischen Restaurants gearbeitet. Die restliche Zeit hat sie sich um die beiden Kinder gekümmert. Die sind inzwischen fünf und acht Jahre alt, besuchen Kindergarten und Schule. „Die Kinder sind gut versorgt, also kann ich mehr arbeiten”, sagt sie.

Dass sie vietnamesich kochen wollte, stand für sie fest. Der Schritt zum eigenen kleinen Betrieb lag nahe. „In Aachen gibt es zwar viele Asiaten, aber wir haben unseren Imbiss bewusst in einem Stadtteil eröffnet, in dem es nicht so viel Konkurrenz gibt.” Außerdem wollte sie mit guter Qualität überzeugen. „Am Anfang hatten wir natürlich auch Angst, dass nicht genug Kunden kommen und wir unsere frischen Sachen wegwerfen müssen.”

Während der Ehec-Krise, als niemand mehr Sprossen essen wollte, ging der Umsatz auch bei Thi Khank Van Duong zurück. „Als Selbstständige muss man aber wissen, dass es mal nicht so gut laufen kann”, sagt sie. Inzwischen hat sich der kleine Imbiss schon einen Kundenstamm aufgebaut. Unterstützung habe es vor allem von der IHK gegeben, aber auch vom Vermieter des Hauses, in dem der Imbiss sei. „Ohne diese Hilfe hätte ich es sehr viel schwerer gehabt.”

Friedrich-Wilhelm Weber leitet das Startercenter NRW in der Gründerregion Aachen. Dazu gehören die Städteregion Aachen sowie die Kreise Düren, Euskirchen und Heinsberg. Er geht davon aus, dass das Ergebnis der Studie im Großen und Ganzen auch auf die Region zutrifft. „Es ist sicherlich so, dass Migranten eine höhere Affinität zur Selbstständigkeit haben.” Wenn man genauer hinsehe, stellten sich aber Fragen, die sich nicht immer eindeutig beantworten ließen, sagt er. Zum Beispiel sei es schwer, den Begriff „Migrant” genau zu definieren. „Wenn sich ein Belgier oder Niederländer in unserer Region als Selbstständiger niederlässt, würde niemand ernsthaft von einer Gründung mit Migrationshintergrund sprechen.”

Hindernis Sprache

Handele es sich hingegen um jemanden mit türkischen Wurzeln, dessen Familie bereits in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland lebt, würde man dennoch gefühlsmäßig von einer Gründung mit Migrationshintergrund sprechen. „In Rücksprache mit dem Bundesministerium für Wirtschaft haben wir uns darauf verständigt, jemanden dann als Migranten zu bezeichnen, wenn mindestens eines seiner Elternteile aus einem fremden Kulturkreis kommt”, sagt Weber. Ein Hindernis bei der Gründung sei für Migranten oft mangelnde Sprachkenntnis. „Von der Bildung hängt sehr viel ab.” Allerdings würden Bildungsabschlüsse aus dem Heimatland nicht immer in Deutschland anerkannt.

Das Institut für Mittelstandsforschung mit Sitz in Bonn hat errechnet, dass etwa ein Viertel der Gründungen in Deutschland von Ausländern vorgenommen wird. Allerdings wurde dabei nur die Staatsangehörigkeit abgefragt, nicht-deutsche Herkunft blieb unberücksichtigt. „Es kann also sein, dass der Anteil ausländischer Gründungen noch höher ist”, erklärt Friedrich-Wilhelm Weber. Anhand der Zahlen des Instituts nimmt er eine Hochrechnung für die Region Aachen vor: Von den 4015 Vollerwerbsgründungen, die es dort im vergangenen Jahr gab, entfallen 1365 auf Migranten. „Das ist eine bedeutende Zahl an Gründungen in der Region”, sagt er.

Zu den wissensintensiven Bereichen, in denen Migranten eher nicht gründen, gehören die forschungsintensive Industrie sowie bei den Dienstleistungen beispielsweise die Software-, Rechts-, Medien- oder Werbebranche. Eine exzellente Ausbildung ist dort meist Voraussetzung, um Fuß zu fassen. „An den Hochschulen in der Region haben wir einen gewissen Anteil an Absolventen mit Migrationshintergrund. Einige von ihnen gründen dann auch insbesondere technologieorientierte, also wissensorientierte Unternehmen”, sagt Gerd Ernst. In diesem Punkt unterscheide sich die Region Aachen also eher von den Ergebnissen der ZEW-Studie.
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