Laute Hilferufe aus dem „Tal der Tränen“

Von: Rolf Schraa und Nadine Murphy
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Stellenabbau und rote Quartalszahlen: In der RWE-Zentrale in Essen rauchen die Köpfe. Foto: dpa

Essen. Schmerzhafter Stellenabbau, rote Quartalszahlen und purzelnde Börsenkurse – für die großen Versorger werden die Einnahmerückgänge aus ihren Gas- und Steinkohlekraftwerken zunehmend gefährlich. „Das Unternehmen geht durch ein Tal der Tränen“, sagte RWE-Chef Peter Terium am Donnerstag bei der Bilanzvorlage.

Sein Kollege Johannes Teyssen vom Branchenprimus Eon dürfte sich kaum besser fühlen. Die lange an Erfolg und Milliardengewinne gewöhnten Versorger präsentierten in dieser Woche fast im Gleichklang Bilanzen mit Nettoverlusten für die Monate Juli bis September und düsteren Aussichten für die Zukunft.

Mit 55 Euro pro Megawattstunde sind viele der Kraftwerke kalkuliert, die traditionell zentralen Anteil an den Einnahmen der Versorger haben. Soviel gab noch vor zwei Jahren der Markt her. Jetzt ist der Preis auf 37 Euro oder darunter gefallen. „Damit können Sie keinen Kraftwerkspool betreiben, unmöglich“, klagte RWE-Finanzchef Bernhard Günther.

Die Gewinne fallen in sich zusammen. Bei RWE brach das Ergebnis (Ebitda) der konventionellen Erzeugung in den ersten Quartalen um zwei Drittel ein. Im nächsten Jahr rechnet das Unternehmen insgesamt mit Einbußen beim operativen Konzern-Ergebnis von einer bis eineinhalb Milliarden Euro. Einbußen in derselben Größenordnung musste Eon beim operativen Ergebnis schon in den ersten drei Quartalen hinnehmen. Eine Prognose für 2014 wagen die Düsseldorfer erst gar nicht. Zugleich drücken beide Großkonzerne weiter ihre hohen Schulden. Verkäufe auch gewinnträchtiger Beteiligungen änderten nichts an Lasten von 31 Milliarden Euro.

Die Reaktionen des Managements sind hektisch und sorgen nicht unbedingt für neues Vertrauen bei Mitarbeitern und Investoren: RWE stellt mit der Erdöltochter Dea eine der lukrativsten Beteiligungen zum Verkauf, halbiert die Dividende und hat am Donnerstag ein drakonisches Stellenabbauprogramm präsentiert. Konzernweit sollen bis 2016 weitere 6750 Stellen wegfallen, verlagert oder durch Verkauf abgegeben werden, davon allein 4750 in Deutschland, kündigte RWE-Personalchef Uwe Tigges am Donnerstag an. Verhandlungen müsse es auch über die Höhe der Gehälter sowohl der Mitarbeiter als auch der Führungskräfte geben. Das neue Sparprogramm soll ein Volumen von einer Milliarde Euro haben. Der neue Personalabbau verteilt sich im Wesentlichen auf die Kraftwerkssparte (2300 Stellen), die Zentralisierung von Querschnittsfunktionen mit dem Sparprogramm „RWE 2015“ (2400 Stellen) und den Dea-Verkauf (1400 Stellen). Deutlich gespart werden soll auch an der Tochter für erneuerbare Energien RWE Innogy. RWE baut derzeit eine zentrale Serviceeinheit im polnischen Krakau auf, die für den Konzern Rechnungen bearbeiten soll. Dies sei „gut angelaufen“, sagte Terium.

2013 soll das bereinigte nachhaltige Nettoergebnis des Versorgers noch einmal bei 2,4 Milliarden Euro liegen. Das entspricht dem Vorjahreswert. Das Unternehmen profitiert dabei allerdings vom Sondereffekt einer einmaligen Entschädigungszahlung des russischen Gasriesen Gazprom. 2014 rechnet RWE mit einem Absacken des Nettoergebnisses auf 1,3 bis 1,5 Milliarden Euro. „Wir werden das Ergebnis des laufenden Jahres auf absehbare Zeit nicht mehr erreichen“, sagte Terium.

Die harsche Reaktion der Gewerkschaften auf den Sparkurs lässt eine harte Tarifauseinandersetzung erwarten, die neue Millionen kosten könnte. „Wir wollen Beschäftigungssicherung bis mindestens Ende 2018“, sagte die Sprecherin des Verdi-Bundesverbandes Martina Sönnichsen. „Eine Nullrunde für die Beschäftigten gibt es mit uns auf keinen Fall.“ Am 11. Dezember sind Tarifverhandlungen für die RWE-Beschäftigten geplant. Auch die Gewerkschaft IG BCE reagierte mit Kritik: „Es kann nicht sein, dass die Beschäftigten die Zeche für eine verfehlte Konzernstrategie zu zahlen haben“, sagte Vorstandsmitglied Peter Hausmann.

In ihrer schwierigen Lage rufen die Konzerne um Hilfe aus Berlin – mal wieder. Für Zeiten, in denen nicht genug Strom aus Sonne oder Wind erzeugt werden kann, müssen die Kohle- und Gaskraftwerksbetreiber Kapazitäten vorhalten. Dafür wollen sie Geld. „Wir brauchen eine gerechte Bezahlung für das Produkt, das wir liefern, für das wir aber kein Geld mehr bekommen“, fordert der stellvertretende RWE-Chef Rolf Martin Schmitz. Auch Eon drängt auf eine schnelle Lösung im kommenden Jahr. Andernfalls drohe ein „gefährlicher Wettlauf um Stilllegungen“.

Hilferufe oder versteckte Drohungen aus der Energieindustrie werden im politischen System eher mit Skepsis betrachtet. Dass sich auch die konventionelle Erzeugung wieder lohnen muss – dafür gibt es aber in der kommenden großen Koalition einen weiten Konsens.

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