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Könige des Baus kämpfen mit dem Image

Von: Daniel Gerhards
Letzte Aktualisierung:
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Sorgt sich ums Image seines Handwerks: Fliesenlegermeister Georg Bösl. Foto: D. Gerhards

Aachen. Die vergangenen zehn Jahre waren ein Desaster für das Fliesenlegerhandwerk. Mit der Novelle der Handwerksordnung wurde die Meisterpflicht für Fliesenleger zum 1. Januar 2004 abgeschafft. Seitdem darf sich jeder – egal ob er über eine Qualifikation verfügt oder nicht – als Fliesenleger selbstständig machen.

Die Zahl der eingetragenen Betriebe ist seit 2004 deutschlandweit von 12.000 auf 68.000 gestiegen. Im Kammerbezirk Aachen stieg die Zahl der Fliesenlegerbetriebe um das Sechsfache auf gut 1740. Qualität bieten nur noch wenige Betriebe.

Mit der Handwerksnovelle 2004 wurde die Anzahl der meisterpflichtigen Handwerksberufe von 94 auf 41 reduziert. Das sollte Existenzgründungen und das Schaffen von neuen Arbeitsplätzen erleichtern. Für das Fliesenlegerhandwerk bedeutet das Regelwerk einen klaren Rückschritt. „Wir waren mal die Könige auf dem Bau“, sagt Fliesenlegermeister Georg Bösl. Sie kamen als letzte Handwerker auf die Baustelle und setzten einem neuen Haus mit ihrer ästhetisch anspruchsvollen Arbeit das Sahnehäufchen auf. Jetzt sei das „Image der Fliesenleger total im Keller“, sagt Bösl. Vom König zum Hofnarren. Leute, die „vielleicht mal zu Hause den Keller gefliest haben“, führen nun einen Fliesenlegerbetrieb. Die Gründe sind einfach: Die Investitionskosten sind niedrig. Ein Fliesenleger braucht kaum teures Gerät. Und häufig sind die Ein-Mann-Betriebe nur auf dem Papier als Fliesenleger tätig. Sie machen alles, was auf dem Bau anfällt. Für all die Betriebe gebe es in Deutschland gar nicht genug Fliesen, sagt Rudolf Voos, Geschäftsführer des Fachverbands Fliesen und Naturstein. „Die lassen sich einfach als Fliesenleger eintragen. Das ist ein halblegales Standbein, um in der Baubranche zu arbeiten“, sagt Voos. Spätestens bei der Abrechnung bewege man sich oft in der Illegalität: Denn einen großen Teil ihres Lohns kassierten diese Kleinstbetriebe „schwarz“, sagt Voos. Solche Betriebe ramponieren den Ruf eines ganzen Berufsstandes.

Keine Sozialabgaben

Und diese Quereinsteiger machen den Traditionsbetrieben das Leben schwer. Sie arbeiten für Hungerlöhne. Teilweise arbeiten sie zu Dutzenden als Subunternehmer auf Großbaustellen. Sie zahlen keine Sozialabgaben und nicht in die Soka-Bau ein, sie bilden nicht aus und beim ersten Steuerbescheid machen viele Betriebe wieder dicht. Der eigentlich noch immer gültige Akkordtarifvertrag sei damit Makulatur, sagt Bösl. „Einem Selbstständigen kann niemand verbieten, für fünf Euro pro Stunde zu arbeiten“, sagt er. Aber eines können die Ein-Mann-Betriebe: Dumping-Preise machen. Da könne kein Traditionsunternehmen mit angestellten Gesellen mithalten, sagt Bösl.

Dieser massive Preiskampf habe dazu geführt, dass fast alle der einst florierenden Unternehmen Mitarbeiter entlassen mussten. „Große Betriebe sind eine Seltenheit geworden“, sagt Bösl, der Vorsitzender der Fachgruppe Fliesen und Naturstein in der Bau-Innung Aachen ist. Früher habe es in der Region einige Betriebe mit 20 bis 40 Mitarbeitern gegeben. „Die mussten alle abspecken“, sagt er. Heute haben die Großen vielleicht noch zehn Angestellte. Auch Bösls im Jahr 1960 gegründeter Betrieb ist geschrumpft – von einst zwölf Verlegern arbeiten noch vier in der Firma.

Folgen hat die Entwicklung auch für die Aus- und Weiterbildung: „Es gibt immer weniger Betriebe, die ausbilden. Zum einen, weil die Ausbildung Geld kostet. Zum anderen, weil der Auszubildende, das was er gelernt hat, direkt nach der Ausbildung nutzen kann, um sich selbstständig zu machen. Damit schafft man sich selber Konkurrenz. Und zur Meisterschule gehen nur noch sehr wenige Fliesenleger“, berichtet Bösl.

Aber nicht nur die seriös geführten Betriebe haben zu kämpfen. Auch den Kunden machen Billig-Fliesenleger oft Ärger. Vielen ungelernten Verlegern fehlt schlicht das Fachwissen. Durchlässige Abdichtungen an ebenerdigen Duschen, seien nicht selten. Außerdem sei es mittlerweile Vorschrift ,die Feuchtigkeit des Estrichs chemisch zu messen, bevor man Fliesen verlegt. Bösl weiß aus seiner Erfahrung als Gutachter: „Die meisten dieser Leute kennen das nötige Gerät gar nicht.“

Mangelhafte Leistungen zu reklamieren oder Schadenersatz für daraus resultierende Schäden von den Ein-Mann-Betrieben einzufordern, ist wenig erfolgversprechend. Denn so schnell wie die kleinen Unternehmen auf dem Markt auftauchen, so schnell sind sie auch wieder weg. Bösl: „Eigentlich gibt es im Baugewerbe ja fünf Jahre Gewährleistung. Aber die Ein-Mann-Betriebe sind meistens nach kurzer Zeit wieder vom Markt verschwunden. Der Verbraucherschutz wird komplett unterhöhlt.“

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