„Ist Tier drin, muss auch Tier draufstehen“

Von: Christina Merkelbach
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Gesund und lecker: Ein neues blaues Kennzeichen soll Kunden Klarheit beim Kauf regionaler Lebensmittel bringen. Das „Regionalfenster“, das bei der Grünen Woche in Berlin vorgestellt wurde, soll nach einer Testphase jetzt in größerem Stil in den Handel kommen. Foodwatch kritisierte, dass Hersteller es freiwillig verwenden könnten. Foto: dpa

Aachen/Berlin. Wer Fleisch oder Teile vom Tier nicht essen mag, der lässt es eben. Alles ganz einfach, könnte man glauben. Alles andere als einfach, meinen die Verbraucherschützer von Foodwatch. Denn wer vermutet schon Schweineborsten im Brot oder Gelatine im Saft?

Deshalb hat die Organisation die Kampagne „Versteckte Tiere“ ins Leben gerufen. Damit fordert sie den neuen Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Hans-Peter Friedrich (CSU), auf, für verpflichtende Kennzeichnungen zu sorgen. Foodwatch-Mitarbeiter Oliver Huizinga erklärt im Interview, warum das Thema nicht nur Vegetarier und Veganer betrifft.

Worum geht es in Ihrer Kampagne „versteckte Tiere“?

Huizinga: In der Lebensmittelproduktion werden auf ganz vielfältige Weise Inhaltsstoffe vom Tier eingesetzt, ohne dass das auf der Verpackung steht. Das führt dazu, dass Verbraucher keine informierte Kaufentscheidung treffen können. Sie können sich nicht anhand der Verpackung orientieren, wo Tiere oder Produkte vom Tier für die Herstellung von Lebensmitteln verwendet wurden.

Bei welchen Lebensmitteln ist das so?

Huizinga: Es gibt vom Hersteller Funny Frisch eine ganze Reihe von Chips-Produkten, die mit Aromen hergestellt werden, die vom Tier stammen. Das geht vom Rind und Wild über Geflügel bis hin zum Schwein – alles ohne Kennzeichnung. Es gibt eine Aminosäure, die aus Schweineborsten gewonnen und bei der Brotherstellung verwendet wird – das Mehlbehandlungsmittel L-Cystein. Das ist auf den Verpackungen von Brotwaren nicht erkenntlich. Ein anderes Beispiel sind Zusatzstoffe, die aus tierischen Rohstoffen gewonnen werden, ohne dass das auf der Verpackung vermerkt wird. Etwa der Farbstoff echtes Karmin, der häufig in Süßigkeiten steckt und aus Schildläusen besteht. Schweinegelatine wird zum Klären eingesetzt, etwa bei Weißwein oder Säften. Mit Hilfe der Gelatine werden diese Getränke von Trübstoffen befreit. Auch das ist auf der Verpackung nicht ersichtlich.

Ist das denn nicht nur für Vegetarier und Veganer interessant?

Huizinga: Nein. Manche Menschen wollen es etwa aus religiösen Gründen vermeiden, bestimmte Tierarten zu essen. Im Fall von Schweinefleisch betrifft das Muslime und Juden. Und es gibt nicht wenige Verbraucher, die nur Produkte von Tieren aus bestimmten Haltungsformen konsumieren wollen. Aber wenn sie einen bestimmten Saft trinken oder bestimmte Chips und Süßigkeiten essen wollen, unterstützen sie unwissentlich genau diese Haltungsformen.

Gibt es Alternativen bei der Herstellung. Zum Beispiel aus Pflanzen?

Huizinga: Pflanzliche oder biotechnologische Alternativen gibt es fast immer. Bei den Produkten, die ich als Beispiele genannt habe, sind auf jeden Fall nicht-tierische Inhaltsstoffe möglich. Und Getränke können auch zentrifugal geklärt werden. Solange es keine verbindlichen Kennzeichnungen gibt, hat der Verbraucher aber nicht die Wahl und es wird auch gar nicht Druck aufgebaut, Alternativen in Betracht zu ziehen.

Ihre Forderung nach einer besseren Kennzeichnung versteckter tierischer Inhaltsstoffe ist nicht neu. Die Kampagne läuft seit August 2012. Erneuern Sie die Forderung gerade jetzt noch einmal, weil in Berlin mit der Grünen Woche derzeit die weltgrößte Lebensmittelmesse stattfindet?

Huizinga: Wir machen gerade noch einmal verstärkt darauf aufmerksam, weil die Bundesregierung den Bundesrat getäuscht hat. Die Länderkammer hatte auch auf eine bessere Kennzeichnung gedrängt. Die Bundesregierung hat dann in einer Stellungnahme einfach behauptet, dass die Verbraucher sich anhand der Zutatenliste über tierische Inhaltsstoffe informieren können. Damit hat sie die Rechtslage falsch dargestellt, gezielt und bewusst. Schließlich haben wir der Bundesregierung beziehungsweise dem zuständigen Ministerium schon vor mittlerweile anderthalb Jahren erklärt, dass es diese Kennzeichnungslücken gibt. Die Verantwortlichen wissen also ganz genau, dass es anhand der Zutatenliste eben nicht funktioniert und behaupten es dennoch.

Woran liegt es denn Ihrer Meinung nach, dass die Bundesregierung so reagiert?

Huizinga: Das liegt an der großen Macht der Lebensmittelindustrie. Wir sehen das auch in sehr vielen anderen Bereichen, in denen es Forderungen nach verbraucherfreundlicheren Regeln gibt.

Welches Beispiel außer den „versteckten Tieren“ gibt es für diesen Einfluss noch?

Huizinga: Die Lebensmittelampeln. Krankenkassen, Kinderärzte und Verbraucherverbände waren dafür, dass die Nährwertgehalte Zucker, Salz und gesättigte Fette auf der Vorderseite der Verpackungen in Form von Ampelfarben ersichtlich sind. Die Lebensmittelindustrie hat das mit einer Kampagne verhindert, die eine Milliarde Euro gekostet hat. Das zeigt die Macht dieser Lobbygruppe. Und geht am Ende zulasten der Verbraucher, die nach wie vor Produkte vorfinden, deren Kennzeichnungen noch nicht einmal Fachleute verstehen.

Was könnte die Politik konkret tun?

Huizinga: Die EU könnte regeln, dass europaweit auf Lebensmittelverpackungen stehen muss, wenn irgendwo Inhaltsstoffe tierischen Ursprungs eingesetzt werden. Allerdings könnte auch Bundesernährungsminister Hans-Peter Friedrich national verpflichtende Regeln schaffen. Das versuchen wir, mit unserer E-Mail-Aktion zu erreichen.

Wie viele Unterstützer hat diese E-Mail-Aktion bisher?

Huizinga: Sie ist ja gestartet, als Ilse Aigner noch im Amt war. Inzwischen haben sich 88 000 Bürger beteiligt. Das ist ein deutliches Zeichen, dass das Thema viele Leute etwas angeht. Sie fordern allesamt: Wenn Tier drin ist, muss auch Tier draufstehen. Die Politik schaut bislang tatenlos zu.

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