Isatec: Das nächste Abenteuer wartet schon

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
7227300.jpg
Mit Sicherheit ein Spektakel: Die Formel1-Powerboote gehen am 15. März in Katar wieder ins Rennen. Für das Wohl der Piloten hat das Aachener Ingenieurbüro Isatec gesorgt. Foto: Stock/Xinhua

Aachen. Es ist ein Spiel mit der Schwerkraft. In vier Sekunden schießen die Katamarane förmlich von Null auf 160. Die V6-Außenborder treiben mit ihren 425 PS die Powerboote auf mehr als 220 Stundenkilometer.

Das ist die Formel 1 auf Wasser, die Königsklasse der Rennboote, eine spektakuläre Show, aber eben auch eine gefährliche Action mit heiklen Manövern – bei denen Piloten schon ihr Leben ließen. Für Sicherheit sorgen Carbonteile an den Spitzen des Bootes und das genormte Monocoque (Safety-Cockpit) des Piloten, wenn am 15. März in Katar die neue Saison beginnt. Entwickelt wurden Muster, Normen wie Prüfverfahren in Aachen – von den Ingenieuren der Isatec GmbH an der Rathausstraße in Laurensberg.

Im Juni 1990 hatte Ernst August Werner das Unternehmen gegründet. Er hatte Konstruktionstechnik studiert in einer Zeit, in der noch Lochkarten Standard waren. Von wegen moderne Technik! Werner setzte dennoch auf rechnergestütztes Konstruieren und hatte schnell die Nase vorne: Mit Hilfe der Technik konnte er schneller und effizienter komplexe Bauteile wie Zylinderköpfe und Achsaufhängungen konstruieren. Er konnte virtuelle Prototypen schaffen und mit ihnen Lösungswege durchspielen. Was passiert, wenn ich die Achse verbreitere? Wie wird sie stabiler? Werner arbeitete noch dazu in 3D, auch wenn die Welt um ihn herum noch recht zweidimensional gestaltet wurde.

Anfangs wurde bei der Isatec ausschließlich gerechnet, später dann auch konstruiert. Nun halten sich beide Felder die Waage. Zusammenfassend dreht sich alles um kundenspezifische Produktentwicklung – hier werden Wünsche erfüllt. Auffallend unterschiedlich sind dabei die Aufgaben, denen sich die Ingenieure aus Aachen stellen: Es sind Powerpacks (die sich wie Außenborder bei einem Boot wechseln lassen) und Stromabnehmer an den Talent-Zügen, winzig kleine Herzpumpen, Sicherungen für Höhenkletterer an Windrädern oder ein 4000-Kilowatt-Ventilator mit vier Meter durchmessenden Laufrädern für ein Stahlwerk. Die Pferdeskulptur am Rondell des Reitturniergeländes wurde nach Isatec-Berechnungen mit einem Innenfachwerk aus Stahl, das tief in einem Fundament steckt, gesichert. Berechnet wurde sogar die Last von übermütigen Menschen, die sich an die Pferdehälse hängen.

Mit dem Shuttle ins All

1996 meldete sich die Nasa. Für ein Weltraumprojekt musste ein Antimateriedetektor konstruiert werden, der dann mit dem Space Shuttle in den Orbit flog. Seit zwei Jahren ist der auf der internationalen Raumstation ISS und scannt den Weltraum nach Antimaterie. „Er schaut ins All hinaus“, sagt Werner und lacht. Die Aachener verantworten ihn und schauen gerne zu. „Beim ersten Start waren wir schon richtig ehrfürchtig“, erinnert sich der Ingenieur. Im Vorfeld waren sogar die Astronauten in Aachen zu Gast. Das klingt alles immer auch nach Abenteuer. Aber einem, dessen Ausgang die Ingenieure berechnen können.

„Wir haben uns bewusst nicht an eine Industrie gekoppelt. Die Motorentechnik ist zum Beispiel immer vom Spritpreis abhängig. Wir wollten keine Abhängigkeiten“, erklärt Geschäftsführer Werner. Die betonte Offenheit bescherte dem Aachener Unternehmen durchaus kuriose Anfragen – etwa aus der Formel 1 auf dem Wasser. Oder aus der Anlagetechnik. Konstruiert wird eine große Fräsmaschine – 40 Meter lang, 14 Meter breit und elf Meter hoch – in der die Flügel des Airbus A380, also des riesigen Jumbojets, den letzten Schliff erhalten. „Wir haben hier eine große Neugier“, sagt Isatec-Projektleiter Jens Krieger. Je komplexer eine Aufgabe, umso größer scheint die Begeisterung zu sein.

Zu den Kunden zählen – und das ist nur ein Auszug – Automobilbauer wie BMW, Daimler, Opel, Volkswagen und Ford, Konzerne wie Bosch und Bayer, BASF, Siemens, Thyssen Krupp, Procter & Gamble oder Hoesch und darüber hinaus das Forschungszentrum Jülich, die RWTH Aachen, die Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich und das CERN in Genf. Für das CERN hat die Isatec Carbonscheiben mit hochpräzisen Detektoren entwickelt. Für die Bahn wurde der neue ICE3 berechnet.

Rund 100 Projekte zählt Werner im Jahr, 35 Mitarbeiter sind damit beschäftigt. Langsam ist das Unternehmen gewachsen. „Ohne fremdes Geld“, betont Werner. Nun hat es einen Namen, der in der Branche bestens klingt. „Die Kunden kommen von alleine wieder“, erzählt der Geschäftsführer. Es geht um Antriebstechnik, Energietechnik und Leichtbau. Die Schwesterfirma Engiro ist mit kleinen Elektromotoren unterwegs. Gearbeitet wird mit allen möglichen Werkstoffen: Spritzguss und Metall, Verbundmaterialien und Kunststoff. Die Heimat spielt für die Entwicklung in beiden Fällen eine entscheidende Rolle. „Das Umfeld ist hervorragend, es gibt spannende Institute wie Firmen mit anderen Spezialthemen. Da können wir uns gegenseitig ergänzen“, erklärt Krieger.

Zur Goldmedaille

Glänzend sind also die Aussichten, buchstäblich goldglänzend ist ein anderes Kapitel der Isatec-Geschichte. Als sich Wojtek Czyz auf die Paralympics 2004 in Athen vorbereitete, brachte den Sportler seine Beinprothese aus dem Tritt – sie knickte ohne Vorwarnung weg. Die Europäische Weltraumorganisation ESA stellte den Kontakt zur Isatec in Aachen her. Die Zeit drängte, die Aachener rechneten und konstruierten, auch wenn ihnen kaum Daten vorlagen. Ein Carbonpropeller-Hersteller setzte ihre Pläne in die Tat, also in eine neue Prothese um und dann saßen die Isatec-Ingenieure vor dem TV – und sahen, wie Czyz drei Mal die Goldmedaille holte.

Seitdem haben sie Czyzs Prothese immer wieder optimiert. Der Athlet hat seine Karriere nach zwei Bronze-Medaillen in London 2012 beendet, die Verbundenheit blieb. Als sich Werner und Czyz in Südfrankreich im Urlaub trafen, begeisterte der Aachener den ehemaligen Leichtathleten für den Segelsport – und der rief den Verein „Sailing 4 handicaps“ ins Leben, in dem er mit behinderten Menschen segeln geht. Gleichzeitig bereitet sich Czyz auf einen weiteren Törn vor: Er will die Welt umsegeln. Es mag zwar keine Konstruktion aus Aachen sein, aber zumindest die Idee hat Ernst August Werner irgendwie mitentwickelt. Er wird die Reise verfolgen – so wie den Shuttle-Start und die Powerboote.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert