Aachen/Essen - Innogy SE: Frischer Wind gegen staubiges Image

Innogy SE: Frischer Wind gegen staubiges Image

Von: Patrick Nowicki
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Sieht auch in der E-Mobilität eine Chance für die Innogy: Dr. Hans Bünting, Spartenleiter Erneuerbare Energien. Foto: dpa
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Aachen/Essen. Das alte Image musste weg, der Braunkohlestaub musste abgeklopft werden: Aus diesem Grund gründete die RWE AG im vergangenen Jahr die Tochter Innogy SE, in der sie die profitablen Zukunftsgeschäfte Netz, Vertrieb und Erneuerbare Energien zusammenfasste.

Bei der E-world, der Messe der Energiebranche in Essen, präsentierte sich das Unternehmen in der vergangenen Woche an vorderster Front. Der Innogy-Spartenleiter für Erneuerbare Energien, Dr. Hans Bünting, sprach dort über zukünftige Projekte und Entwicklungen auf dem Strommarkt.

Noch vor einigen Monaten haben Sie davon gesprochen, mehr investieren zu wollen, aber nicht zu können. Wo stehen Sie aktuell?

Bünting: Die letzten Zahlen habe ich noch nicht, da muss ich auf die Bilanzpressekonferenz im März vertrösten. Bisher planen wir im Zeitraum von 2016 bis 2018 im erneuerbaren Bereich bis zu 1,3 Milliarden Euro zu investieren. Die genaue Höhe hängt auch davon ab, wo wir für unsere Projekte in den anstehenden Auktionen den Zuschlag bekommen. Insgesamt plant Innogy, in diesem Zeitraum rund 6,5 Milliarden Euro zu investieren. Diese Zahlen haben wir auch beim Börsengang verkündet.

Was hat sich mit dem Börsengang verändert?

Bünting: Der Börsengang hat natürlich unsere finanziellen Möglichkeiten erweitert. Diese resultieren aus den Einnahmen des Börsengangs, das waren zwei Milliarden Euro aus der Kapitalerhöhung. Zudem ist unser Geschäft nun nicht mehr von den Strompreisrisiken überlagert, die das konventionelle Stromerzeugungsgeschäft prägen. Ein Großteil unseres Ergebnisses bei Innogy kommt aus reguliertem Geschäft. Also aus dem Netz und aus den Erneuerbaren, wo klare Tarife gelten.

Einen Großteil des Invests steckt Innogy ins Stromnetz. Warum?

Bünting: Zum einen ist der Netzbereich die größte Sparte bei Innogy. Und zum anderen müssen wir in den Ausbau des Netzgeschäfts massiv investieren, um den Anschluss von Erneuerbaren-Energie-Anlagen zu gewährleisten. Heute sind bereits mehr als 350.000 Erneuerbaren-Energie-Anlagen an unser Netz angeschlossen. Das reicht von der kleinen Photovoltaikanlage bis zum Windpark wie in Eschweiler. Weiterhin sind – da das Netz über Jahrzehnte gewachsen ist – regelmäßige Ersatzinvestitionen zu tätigen.

Ist die Investition ins Netz auch eine Antwort auf die Forderung der Bundesnetzagentur?

Bünting: Ja, denn auch die Bundesnetzagentur weiß: Das Verteilnetz ist das Rückgrat der Energiewende. 95 Prozent der Erneuerbaren-Energien-Anlagen speisen ins Verteilnetz ein. Bisher geht nur der Strom aus den großen Offshore-Windparks nicht ins Verteilnetz. Früher wurde Strom aus Großkraftwerken auf Höchstspannungsebene eingespeist und runtertransformiert, heute ist das anders. Die Schwankungen der Erneuerbaren, die mal mehr, mal weniger einspeisen, managen wir in unserem Verteilnetz. Heute ist das Netz eine Zweibahnstraße: Vom Erzeuger zum Kunden – und vom sogenannten Prosumer ins Netz. Das ist interessant, weil dies genau der umgekehrten Philosophie entspricht, mit der wir unser System in den letzten 120 Jahren in Deutschland aufgebaut haben.

Bleibt es bei dem geplanten bereinigten Innogy-Nettoergebnis in Höhe von 1,1 Milliarden Euro für 2016?

Bünting: Wir bleiben bei unserem im November 2016 gegebenen Ausblick: 1,1 Milliarden Euro bereinigtes Nettoergebnis. Mehr dazu auch hier bei der Bilanzpressekonferenz im März.

Mit dem Windaufkommen im vergangenen Jahr können Sie nicht zufrieden sein, oder?

Bünting: Auch hier kann ich im Detail noch nichts dazu sagen. Nur so viel: Wir haben wie alle anderen Windkraftbetreiber im vergangenen Jahr unter einer unterdurchschnittlichen Windausbeute gelitten. Das Windaufkommen betrug nur rund 90 Prozent im Vergleich zu einem durchschnittlichen Jahr. Dank der hohen Verfügbarkeit unserer Anlagen konnten wir hier aber einiges wieder reinholen.

Der Markt der Erneuerbaren ist umkämpft. Wo wollen Sie mit Innogy in Zukunft punkten?

Bünting: Wir haben einen internationalen Solar- und Batteriespezialisten erworben, die Belectric Solar & Battery, ein Unternehmen mit rund 500 Mitarbeitern, das seinen Sitz in Franken hat. Belectric hat in den vergangenen Jahren erfolgreich großflächige Photovoltaik-Anlagen von bis zur 130-Megawatt-Kapazität gebaut. Die Firma hat sich auch eine hohe Kompetenz im Bereich der Batterie in der Megawatt-Klasse erworben. Die Kombination von PV-Anlagen und Batterie ist natürlich für uns besonders interessant. Solar ist gut berechenbar und weniger wechselhaft als Wind. Das entsprechende Know-How war für uns die Motivation, Belectric zu erwerben.

Sie sprechen von der Speicherung von Strom für Unternehmen?

Bünting: Ja, wir sprechen von Batterien in der Größe eines Containers mit der Kapazität von einer, zwei Megawattstunden. Wenn darin der Strom gespeichert werden kann, der dann bei hohen Strompreisen verfügbar ist, ist das für Gewerbekunden interessant. Gleichzeitig werden Batterien auch im Verteilnetz als variable Speicher eingesetzt. In Großbritannien fand gerade eine Ausschreibung statt für 200-Megawatt-Batterieleistung als „Stromreserve“. Bei der Batterie ist die Technik dahinter wichtig, vor allem, wie sie be- und entladen wird. Das kennt man vom Smartphone. Wenn Sie es in einem bestimmten Ladezustand halten, dann verschleißt der Akku nicht so schnell. Diese Intelligenz für große Batterien hat Belectric entwickelt und passte deswegen gut zu unserer Firmenphilosophie. Dies ist ein interessanter Markt.

Photovoltaik ist also für Sie noch ein Thema?

Bünting: Natürlich. Wir schauen uns um, in Nordamerika, in Europa und auch in Deutschland. Spätestens im nächsten Jahr werden wir dazu Entscheidungen treffen. Im Ausland geht es um große Solarparks.

Nordamerika?

Bünting: Ja, in den USA und auch Kanada schauen wir uns gerade ganz aktiv um. Hier gibt es vielversprechende Photovoltaik-Projekte. Außerdem sind wir im Moment dabei, uns in den USA auch den Onshore-Windmarkt anzuschauen. Wir haben dort ein Büro in Chicago eröffnet. Wir bauen ein Team auf und wir haben auch bereits in Anlagenkomponenten investiert und uns so den Zugang zum dortigen Fördersystem gesichert. In den nächsten vier Jahren müssen wir dann auch diese Komponenten verbauen, aber das werden wir hinbekommen.

Wo werden Sie in den kommenden Jahren in Windenergie am meisten entwickeln?

Bünting: In Großbritannien und Deutschland entstehen derzeit die meisten unserer Windparks. Ob wir in Polen tätig werden, hängt von den dortigen Auktionen ab.

Zieht Innogy irgendwelche Konsequenzen aus dem Brexit?

Bünting: Nein, Innogy beschäftigt über 7000 Mitarbeiter in Großbritannien. Wir sehen uns also nicht nur als deutsches Unternehmen, das in Großbritannien tätig ist, sondern auch ein Stück weit als britisches Unternehmen. Zudem hat die britische Regierung klargemacht, dass sie auch nach dem Brexit am Klimaschutz festhält, mit Förderung der Erneuerbaren, aber auch der Kernenergie. Großbritannien verlässt die Europäische Union, ist aber immer noch ein stabiles Land. Das Pfund ist etwas abgesunken. Da wir unsere Erlöse in Euro ausweisen, belastet uns das zwar auf der Habenseite. Da wir aber auch Schulden in Pfund haben, gleicht sich das wieder aus. Kurzum: Großbritannien ist für uns weiterhin ein attraktiver Markt.

Warum stecken Sie in Zukunft mehr Geld in Windparks an Land, schließlich ist der Ertrag geringer als im Meer?

Bünting: Wie viel Geld wir in welche Technologie investieren, ist noch nicht ausgemacht. Offshore bieten wir in Auktionen in Zukunft auf Projekte. Der Markt ist besonders hart umkämpft. Bei Onshore sehen wir, dass, wenn wir richtig gute Projekte entwickeln, in einer Auktion relativ sicher sein können, den Zuschlag zu bekommen. Zudem sind die Kosten der Projektentwicklung Onshore deutlich geringer.

Sie sprechen Auktionen an, die auch in Deutschland gelten. Wie viele Onshore-Projekte will Innogy dort einbringen?

Bünting: So viele wie möglich. Es hängt davon ab, wie weit wir mit unseren Projekten sind. Zum Beispiel die Frage, ob wir alle Genehmigungen haben. Manchmal macht es Sinn, das Projekt vielleicht noch zunächst zu optimieren und ein halbes oder ganzes Jahr zu warten, um in die nächste Auktion reinzugehen. Es wird ein ganz interessantes Spiel werden zwischen den Entwicklern, weil man jetzt in direkter Konkurrenz zueinander steht.

Welche Auswirkungen hat dieses Auktionssystem auf die künftige Vergütung auch für Innogy bei Offshore-Windparks in Deutschland?

Bünting: Ich glaube, es ist nicht vermessen zu sagen, dass wir unter 120 Euro pro Megawattstunde landen werden. Im Ausland werden auch geringere Einnahmen erzielt, aber man muss bedenken, dass in Deutschland noch die Umspannstation und die entsprechende Verkabelung vom Betreiber mit übernommen werden müssen. Dies muss dann auch noch auf den Preis umgelegt werden. In den Niederlanden zum Beispiel übernimmt dies der Netzbetreiber und die Kosten für Verkabelung und Umspannstation werden über die Netzentgelte verrechnet. Beim Kunden kommt jeweils das gleiche im Endpreis an.

Wie hat sich in Ihren Augen die Bereitschaft der Bürger entwickelt, einen Windpark zu tolerieren?

Bünting: Es wird schwieriger. Deswegen arbeiten wir auch konsequent mit Kommunen zusammen. So hat auch die Kommune etwas von den Einnahmen und das versteht auch der einzelne Bürger. Im Rheinischen Revier kann man kein Windrad gegen den Bürgerwillen setzen. Es gab im Rahmen der E-World eine interessante Umfrage: 50 Prozent würden einen Solarpark in ihrer Nähe akzeptieren, nur 25 Prozent einen Windpark, aber alle wollen die Energiewende. Da kommt jetzt die Frage: Wie bekommen wir das gewuppt? Es wird nicht mehr die zentralen Kraftwerke geben, sondern es werden dezentrale Energieanlagen in die Fläche gehen und dadurch mehr Leute betroffen werden, als bei zentralen Kraftwerkstandorten.

Welche Rolle spielt die Verteilung des Stroms?

Bünting: Wir müssen ja schauen, wie wir den Strom vom Norden in den Süden schaffen. Dazu kommt die Abschaltung der Kernkraftwerke, vor allem in Süddeutschland. Es ist schon passiert, dass für eine Stilllegung vorgesehene Kraftwerke am Netz bleiben mussten, um das Netz stabil zu halten. Dann übernimmt die Bundesnetzagentur das Heft des Handelns. Vergütet werden nur die laufenden Kosten, auf dem Rest bleibt man sitzen. Darüber sind die Betreiber nicht glücklich.

Inwieweit ist E-Mobilität für Innogy interessant?

Bünting: Wir werden keine Autos bauen. Was uns interessiert, sind die Ladesäulen, also die Infrastruktur – so wie das intelligente Management der Energieflüsse. Derzeit haben wir rund 4000 Ladepunkte in Deutschland, davon die Hälfte im öffentlichen Raum. Die andere Hälfte steht bei Unternehmen, da steht oft nicht Innogy drauf. Das ist natürlich interessant für uns, weil dort unsere Kompetenzen liegen: Infrastruktur und das Know-How beim Managen der Energie.

Wann wird das E-Auto denn seinen Durchbruch feiern?

Bünting: Das E-Auto wird kommen, ganz sicher. Wenn man schaut, was bei den großen deutschen Autokonzernen derzeit in E-Mobilität gesteckt wird, das ist wesentlich mehr, als noch vor ein paar Jahren. Die ersten Firmen fangen an, ihren Fuhrpark auf Elektrik umzustellen. Der Anteil von Firmenfahrzeugen bei Neuwagen im mittleren und oberen Segment ist sehr hoch. Wenn also große Unternehmen beginnen, ihren Park auf E-Mobilität umzustellen, dann kann es schnell gehen.

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