Initiative „Aachen digitalisiert“: Start-ups und Mittelstand zusammenbringen

Von: Christina Handschuhmacher
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„Aachen soll nicht länger nur als Technologieregion wahrgenommen werden.“ Der Unternehmer Oliver Grün will der hiesigen Region einen Platz auf der digitalen Landkarte verschaffen. Er ist eine der treibenden Kräfte hinter der Initiative „Aachen digitalisiert.“ Foto: M. Jaspers

Aachen. Oliver Grüns Diagnose ist ziemlich ernüchternd: „Europa hat die erste Welle der digitalen Revolution verschlafen“, sagt der Vorstand des Aachener Unternehmens Grün Software AG und Präsident des Bundesverbandes IT-Mittelstand.

„Früher gab es zu den erfolgreichen US-Firmen immer auch ein deutsches oder europäisches Pendant“, sagt Grün. Heute hingegen stünden die großen US-Konzerne weitgehend alleine da: Die Giganten Facebook, Google oder Apple müssen weder aus Deutschland noch aus Europa Konkurrenz fürchten.

Jetzt rollt die zweite Welle der digitalen Revolution unaufhaltsam auf Deutschland zu, und Grün will, dass die Region Aachen dabei eine Rolle spielt. Mit Professor Malte Brettel, Prorektor der RWTH Aachen, steckt Grün hinter der kürzlich gegründeten Initiative „Aachen digitalisiert“. Das Ziel: eine Koalition aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik schmieden, um die Region Aachen als Innovationsstandort auf der digitalen Landkarte Deutschlands zu etablieren.

„Bislang kennt jeder Aachen nur als Technologieregion. Das wollen wir ändern“, sagt Grün. In Aachen soll ein Digitalisierungszentrum (ein sogenannter „Digital Hub“) entstehen, in dem junge, innovative Start-ups und der IT-Mittelstand mit etablierten Partnern aus Wirtschaft und Industrie an einem Ort zusammenkommen und voneinander profitieren. Die Region sei für dieses Projekt bestens geeignet, sagt Grün. Schließlich gebe es die Hochschulen mit ihrem großen fachlichen Potenzial, einen starken IT-Mittelstand, diverse Start-ups und den Internationalitätsfaktor durch die Lage im Dreiländereck.

Davon, dass ihre Idee zukunftsweisend ist, haben Grün und Brettel in den vergangenen Wochen schon einige Entscheidungsträger erfolgreich überzeugen können. Auf politischer Ebene unterstützen Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp und Städteregionsrat Helmut Etschenberg (beide CDU) das Projekt. Genauso sind die RWTH Aachen, die Fachhochschule, die Industrie- und Handelskammer, die Handwerkskammer und das Bistum Aachen als Partner mit an Bord.

Finanzielle Starthilfe soll nun vom Land Nordrhein-Westfalen kommen. Brettel und Grün nehmen mit ihrer Initiative „Aachen digitalisiert“ an einem Wettbewerb des Landes NRW teil und wollen eine von fünf regionalen Plattformen für digitale Wirtschaft in NRW in die Region holen.

Ein ambitioniertes Projekt, denn die Konkurrenz ist groß. Nach Grüns Angaben gibt es etwa zehn andere Bewerber – darunter Großstädte wie Düsseldorf, Köln und Essen und Regionen wie Ostwestfalen-Lippe. Oft stecke dort, sagt Grün, eine größere Firma hinter der Bewerbung. Das macht vieles einfacher. Denn das Land will in dem zunächst drei Jahre laufenden Projekt nicht nur 1,5 Millionen Euro an Fördergeldern pro Digitalisierungszentrum vergeben, sondern verlangt zeitgleich, dass die Städte und Regionen bei ihrer Bewerbung nicht nur ein ausgefeiltes Konzept vorlegen, sondern ebenfalls noch einmal 1,5 Millionen Euro an Eigenmitteln mit in das Projekt einbringen.

Während in den meisten anderen Städten große Firmen die für die Bewerbung benötigte Summe übernehmen, muss und soll es in Aachen auf andere Weise klappen. „Wir wollen aus dem Mittelstand heraus digitalisieren“, beschreibt Grün die Idee, die das Aachener Projekt wohl von allen anderen unterscheidet. Das Geld soll also nicht von oben kommen, sondern von den betroffenen Unternehmen selbst bereitgestellt werden.

Doch das ist kein Selbstläufer.Fest zugesagt an Geldern sind bis jetzt 278000 Euro. Das sind 19 Prozent der Zielsumme von 1,5 Millionen – alles transparent nachzusehen auf dem „Funding Barometer“ (Finanzierungs-Barometer) auf der Homepage der Initiative „Aachen digitalisiert“. Die Bewerbungsfrist endet am 1. Juni – Grün und seinen Mitstreitern bleiben also noch 28 Tage, um den Rest des Geldes aufzutreiben. Nicht viel – angesichts der Größenordnung.

Warum braucht Aachen überhaupt eine Digitalisierungsoffensive, und warum sollten Unternehmen Teil der Initative werden und diese unterstützen? Die Grenzen zwischen realer und digitaler Wirtschaft würden immer stärker verschwimmen, erklärt Grün. Zwei Beispiele: Die Zimmervermietungsplattform Airbnb zähle mittlerweile mehr Übernachtungen als die größten Hotelketten der Welt – ohne ein einziges Hotel zu besitzen. Der Fahrdienst Uber bringe in New York 18.000 Autos auf die Straße, die erfolgreich mit den klassischen Taxis konkurrierten – ohne ein Taxi zu besitzen.

„Die Wertschöpfung geht weg vom reinen Produkt zu solchen Plattformen“, sagt Grün. Dennoch würden viele Mittelständler in Umfragen immer noch sagen, sie seien vom digitalen Wandel nicht betroffen. Doch das sei kurzsichtig. „Wir dürfen nicht zulassen, dass wir in Europa irgendwann nur noch die verlängerte Werkbank Asiens und Amerikas sind“, mahnt er.

Das Digitalisierungszentrum, davon ist Grün überzeugt, könnte die Triebfeder für einen Wandel Aachens zur Digitalregion sein. Und nicht nur die teilnehmenden Unternehmen und Start-ups würden profitieren, sagt Grün. Er ist sicher, dass die Auswirkungen positiv sein werden: neue Arbeitsplätze, gesteigerte Standort-Attraktivität, Investitionsanreize für neue Firmen. „Wir sind furios gestartet. Jetzt muss die Region beweisen, dass es nicht nur beim Lippenbekenntnis bleibt.“

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