Infrastruktur des Landes bleibt die größte Baustelle

Von: Thorsten Karbach
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Keine Lastwagen: Die Rheinbrücke der A 1 zwischen Köln und Leverkusen ist und bleibt ein Problem. Foto: dpa
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Besuch in der Redaktion: Ralf Mittelstädt, Hauptgeschäftsführer der IHK NRW, stellte sich den Fragen unserer Redakteure Bernd Mathieu, Hermann-Josef Delonge und Thorsten Karbach. Der 54-Jährige stammt aus Brakel/Kreis Höxter. Er studierte in Göppingen Geowissenschaften. Foto: A. Steindl

Aachen. Nordrhein-Westfalen ist Deutschlands wirtschaftsstärkstes Bundesland. Doch seit ein paar Jahren – das zeigt ein neuer Report der Industrie- und Handelskammer NRW – bleibt das Land hinter seinen Möglichkeiten zurück. Seit 1992 blieb das Wachstum in NRW laut einer Untersuchung der Deutschen Bundesbank in 15 von 22 Jahren unter dem durchschnittlichen Wachstum aller Bundesländer.

Dass es dafür Gründe gibt, die angepackt werden müssen, weiß Ralf Mittelstädt, Hauptgeschäftsführer der IHK NRW. Er sieht es, wenn er von Ostwestfalen Richtung Köln – oder in diesem Fall weiter bis nach Aachen fährt: unter anderem an den Staus an der Dauerbaustelle Leverkusener Brücke, die nicht mehr von Lastwagen passiert werden darf. Bei einem Besuch in der Zentralredaktion unserer Zeitung erklärt er, wie es um die Infrastruktur in NRW bestellt ist und wieso die Flüchtlinge, die in diesen Tagen nach Deutschland kommen, gleichermaßen Chance und Herausforderung sind.

Was ist für Sie die größte Baustelle in NRW?

Mittelstädt: Das ist in erster Linie die Infrastruktur. NRW ist nicht nur ein zentrales Bindeglied zu Häfen im Westen und Norden, sondern auch ein Land mit großen Produktionsstätten. Hier kommen wir in ein riesiges Dilemma. Es gibt im Siegerland und im bergischen Land Unternehmen, die Turbinenteile und ähnliches produzieren. Wenn die neuerdings zu den Häfen in Rotterdam oder Antwerpen über Frankfurt fahren müssen, weil sie die Leverkusener Brücke und andere nicht mehr nutzen dürfen, dann ist das ein gravierendes Problem. Und es braucht Jahre, um eine solche Brücke zu sanieren. Der Sanierungsstau wird also immer größer. Dabei brauchen wir infrastrukturell einen Schub.

Aber nur 4,7 Prozent der 2,7 Milliarden Euro aus dem aktuellen Infrastrukturpaket sind für NRW bestimmt.

Mittelstädt: Dass NRW als wirtschaftsstärkstes Bundesland mit einer Minimalausstattung auskommen muss, ist ein Problem, dass sich seit Jahren durchzieht. Da fordern wir mehr Bewegung. Wir müssen die Position NRWs im Bund stärken. Und das nicht nur bei der Verkehrsinfrastruktur: Auch beim Länderfinanzausgleich, der Energiewende oder dem Breitbandausbau muss die Situation NRWs angemessen berücksichtigt werden. Wenn Bayern zwei Milliarden Euro für den Ausbau einer Breitbandinfrastruktur, NRW aber nur 133 Millionen aufbringen kann, muss das seinen Niederschlag in der Förderung des Bundes finden. Es stimmt, in Bayern gibt es ländliche Gegenden, in denen überhaupt erstmal ein Anschluss gelegt werden muss. Aber auch in NRW gibt es Bereiche, in denen es schwierig wird. Wenn Unternehmer sich mit ihrem Laptop in ein Internetcafé begeben müssen, um ihre digitalen Pläne zu versenden, dann stellt sich schon die Frage, ob die technische Ausstattung überall hinreichend ist. Dabei sind wir die wirtschaftsstärkste Kraft in Deutschland, können uns mit dem Bruttosozialprodukt mit großen Ländern in Europa vergleichen.

Was können Sie als IHKs tun?

Mittelstädt: Auf unserem Standpunkt beharren und für mehr Investitionen werben. Aufgeben werden wir nicht.

Eine weitere Herausforderung, der sich auch die Unternehmen in diesem Land stellen, ist die Integration der Menschen, die in diesen Tagen als Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Immerhin wird in diesem Land immer wieder das Thema Fachkräftemangel diskutiert.

Mittelstädt: Regional lautet dabei die zentrale Frage: Wie können wir die Menschen mit unterschiedlicher Kompetenz vermitteln? Integration wird nur mit Bildung, Qualifizierung und Beschäftigung gelingen. Das A und O ist dabei das Erlernen der deutschen Sprache. Deshalb muss die Sprachförderung zügig ausgebaut werden. Und vergessen Sie nicht: Wir reden hier nicht nur von Fachkräften, sondern von Menschen und wir stellen uns auch der gesellschaftlichen Verantwortung.

Es gibt bei einzelnen Industrie- und Handelskammern bereits Projekte, in denen Flüchtlinge beispielsweise in Praktika vermittelt werden. Das sind hier 50, dort 50. Haben solche Maßnahmen zunächst einmal einen symbolischen Charakter?

Mittelstädt: Es geht nicht um Symbolik. Wir müssen einen Anfang setzen. Die IHK Aachen hat als eine der ersten im Land Praktika für Flüchtlinge in Unternehmen vermittelt. Die Frage ist, wie wir alle Ansätze, die es im Land gibt, zielgerichtet zusammenführen können, um die Quantität zu erhöhen. Die große Herausforderung ist es, das Thema strukturiert anzugehen.

Sie sprachen von der gesellschaftlichen Verantwortung. Was können Unternehmen da leisten?

Mittelstädt: Die Bereitschaft zu helfen, ist da. Da geht es zunächst nicht bloß um Praktikumsplätze und Beschäftigung. Rund ein Viertel der Asylbewerber und Flüchtlinge sind aber noch nicht auf Anhieb in der Lage, eine Ausbildung zu beginnen. Neben der erwähnten sprachlichen Qualifizierung brauchen wir betriebliche Einstiegsqualifizierungen – unter Umständen mit sozialpädagogischer Begleitung –, um junge Flüchtlinge in Ausbildung zu bringen. Aber wenn wir beispielsweise darüber reden, eine Halle, die sich auf einem Industriegelände befindet, vorübergehend als Flüchtlingsunterkunft bereitzustellen, dann stoßen wir an regulative Grenzen. Brandschutz ist da immer ein Kernthema. Sie können eine Halle haben, die sich schnell entsprechend ausstatten lässt – der Brandschutz macht dies oftmals nicht umsetzbar.

Können die jungen Menschen, die nun als Flüchtlinge zu uns kommen, denn mittel- oder langfristig den Fachkräftemangel in Deutschland beheben?

Mittelstädt: Es ist eine große Chance! Wenn wir über Fachkräftemangel reden, sehen wir übrigens das größte Problem nicht unbedingt bei Ingenieuren oder Akademikern, sondern bei den Facharbeitern, die aus der dualen Ausbildung kommen. Hierfür müssen aber erst einmal die Interessen und Fähigkeiten bei den Menschen, die zu uns kommen, wecken und entdecken. Liegen diese im Metall- oder Holzbereich? Welche Vorkenntnisse haben sie?

Während die Zahl der jungen Menschen, die gerade ein Studium aufgenommen haben, steigt, bleiben viele Ausbildungsplätze unbesetzt. Wie sehen Sie diese aktuelle Entwicklung?

Mittelstädt: Wenn ich gezielt als junger Mensch während der Schulzeit dahin geleitet werde, dass die schulische Ausbildung mit dem Abschluss Abitur zwangsläufig zum Hochschulstudium führt, dann gehe ich diesen Weg und stelle mir nicht die Frage, ob eine Ausbildung nicht die bessere Alternative ist.

Die Chancen, die eine Ausbildung beinhaltet, müssen also stärker beworben werden?

Mittelstädt: Die Demografie schlägt zu: Seit 1999 ist die Zahl der Auszubildenden in den IHK Berufen zwar um neun Prozent gestiegen. Aber es gehen immer mehr junge Menschen an die Hochschulen. Um die jungen Menschen über ihre Möglichkeiten aufzuklären, haben wir als Industrie- und Handelskammern Ausbildungsbotschafter geschult, die landesweit in den Schulen in die Abschlussklassen gehen. Das sind junge Menschen, die gerade eine Ausbildung machen, die aus ihrem Alltag anschaulich berichten können. Wir sehen da erste Erfolge. Am Ende des Jahres gehen wir davon aus, dass mehr junge Leute in eine Ausbildung gehen.

Über gezielte Ansprache?

Mittelstädt: Ja. Aber wenn ich mir dann anschaue, dass das Wissenschaftsministerium aktuell Geld – und wir reden von einigen Millionen Euro – auslobt für Lotsen, die gezielt in die Schulen gehen, um zu zeigen, dass man mit Abitur unbedingt ein Hochschulstudium aufnehmen sollte, dann frage ich mich, was für eine Diskussion wir in NRW führen. Denn dann heißt es, dass die Unternehmen zu wenige Lehrstellen zur Verfügung stellen. Dabei können die angebotenen Stellen gar nicht besetzt werden, weil zu wenige junge Menschen die duale Ausbildung wählen. Dazu kommt: Sie finden keinen jungen Menschen, der Maschinenschlosser lernen möchte, der dann aber eine Kochlehre im Sauerland macht. Das gibt es nicht. Wir befürchten daher, dass in NRW im Jahr 2030 unabhängig von der Konjunktur rund 495.000 Fachkräfte fehlen werden.

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