In zehn Minuten zum Job: Das größte Speed-Dating der Region

Von: André Schaefer
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Vorbereitung ist alles: Madeleine Aimée Broichhausen (links) ist eine von 40 Coaches, die den Arbeitssuchenden unter die Arme greift. Stephan Voß, Monica Junge (hinten rechts) und Anna Elisabeth A. wollen am 31. August beim Job-Speed-Dating überzeugen. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Es ist noch nicht lange her, vielleicht ein paar Wochen, da legte Stephan Voß seine Bewerbungsunterlagen auf den Tisch: Anschreiben, Lebenslauf, Bescheinigungen, das volle Programm eben. So ist das halt, wenn man auf der Suche ist nach einem Job. Und Voß, 38, ist arbeitssuchend.

Genau genommen schon seit drei Monaten. Und so erschien er also an jenem Tag zu einem Jobcoaching, angeboten von der Arbeitsagentur Aachen-Düren und dem TÜV Nord Bildung. Acht Stunden lang kümmerte sich ein professionell ausgebildeter Job-Trainer allein um den 38-Jährigen. Bewerbungstraining, Selbstpräsentation, souveränes Auftreten: All das stand auf dem Plan.

Die erste Rückmeldung, die Voß bereits nach wenigen Minuten erhielt: Sein Lebenslauf ist ein einziges Durcheinander. Für den in Eschweiler lebenden Mann ist das keine Überraschung, von Maler und Lackierer über Bürokommunikationskaufmann bis hin zur Selbstständigkeit hat Voß beruflich schon so ziemlich alles gemacht. Doch bis zum 31. August will er seinem „Chaoslebenslauf“, wie er ihn selbst nennt, eine klare und übersichtliche Linie verpassen. Denn dann wartet auf Voß das wohl größte Job-Speed-Dating, das die Region je zu Gesicht bekommen hat.

Intensive Vorbereitung

Einen ganzen Tag lang präsentieren sich in der Business-Lounge des Aachener Tivoli insgesamt 600 arbeitssuchende Bewerber aus der Region den bislang erwarteten rund 30 Unternehmen aus Aachen, Düren und Heinsberg. Das Ziel: möglichst viele Bewerber an die Unternehmen zu vermitteln. Der Reihe nach haben die Teilnehmer zehn Minuten Zeit, auf sich aufmerksam zu machen. Anschließend ertönt die Glocke, und der Platz wird gewechselt. „Zehn Minuten sind nicht viel“, sagt Hubert Wehren, Leiter der Geschäftsstelle Düren der Arbeitsagentur. „Aber sie können ausreichen, um nachhaltig auf sich aufmerksam zu machen.“

Genau darum geht es: Speed-Datings allein sind für Arbeitssuchende keine äußerst innovative Idee, solche Veranstaltungen hat es – nicht nur in der Region – schon viele gegeben. Doch noch nie wurden 600 Bewerber derart intensiv auf „ihren großen Tag“ vorbereitet. Jeder einzelne Teilnehmer erhält in insgesamt drei ganztägigen Trainingsseminaren eine spezielle Schulung – einen Tag komplett alleine, zwei Tage in kleinen Gruppen. Vor eineinhalb Monaten wurde mit den ersten Seminaren begonnen. „Das ist schon etwas Ungewöhnliches in dieser Größenordnung“, sagt Wehren. Er ist sozusagen der Erfinder des Großevents. Er weiß: „So eine Veranstaltung mit dazugehöriger Vorbereitung für die Bewerber schüttelt man nicht mal eben so aus dem Ärmel.“ Und weil das so ist, nahm die Arbeitsagentur Aachen-Düren den TÜV Nord Bildung und insgesamt 40 Coaches mit ins Boot.

Eine von ihnen ist Madeleine Aimée Broichhausen. Die ausgebildete Diplomsozialpädagogin und Heilpraktikerin für Physiotherapie wird bis zum 31. August insgesamt 15 arbeitssuchende Menschen vorbereitet haben. „Wir geben unser ganzes Feuer in die Vorbereitung der Arbeitssuchenden“, sagt sie. Und man mag es ihr auf Anhieb glauben: Denn dass sie die Begabung besitzt, einen durchaus deprimierten arbeitslosen Menschen ohne großen Aufwand motivieren zu können, wird schon nach wenigen Sekunden Zuhören deutlich.

Broichhausen spricht mit Blick auf das Speed-Dating von einer „einzigartigen beruflichen Chance“, von „zehn Minuten, die vieles verändern können“, oder der Erkenntnis, bei der Jobsuche die Herangehensweise grundlegend zu verändern“. „Es kann sein, dass nicht jeder Bewerber beim Speed-Dating einen Job erhält“, sagt sie. „Was die Teilnehmer aber auf jeden Fall mitnehmen, ist ein sicheres Auftreten, professionelle Bewerbungsunterlagen und ein neues Selbstbewusstsein für künftige Bewerbungen.“

Bewegtes Leben

Anna Elisabeth A., die ihren vollständigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, würde Broichhausens Behauptung ohne zu zögern unterschreiben. Die 61-Jährige lebt in Heinsberg und sucht eine neue Beschäftigung im Bereich der Telefon-Akquise. Die gelernte Fremdsprachen-Korrespondentin war jahrelang als kaufmännische Angestellte und Sekretärin aktiv. Für ihren Mann, der als Unternehmer tätig ist, erledigt sie seit einigen Jahren einzelne Büroarbeiten in Teilzeit. Nun sucht sie eine neue Herausforderung. „Ich bin raus aus diesen ganzen Bewerbungsprozessen, das ist mir bei inzwischen alles schon eine ganze Weile her“, sagt A. Und sie fügt hinzu: „Mein Lebenslauf sieht angesichts meiner bisherigen vielen verschiedenen Beschäftigungen ziemlich lustig aus. Da musste was gemacht werden.“

Auf ein bislang bewegtes Leben schaut auch Monika Junge aus Erkelenz zurück. Die 45-Jährige ist gelernte Bankkauffrau, war lange Zeit selbstständig für Bürodienstleistungen und zuletzt in einem großen Telekommunikationsunternehmen angestellt. Arbeitssuchend ist sie bereits seit September vergangenen Jahres. Als „Büroallrounder“ bezeichnet sich Junge, die von sich selbst behauptet, sehr flexibel einsetzbar zu sein. „Natürlich wäre es schön, wenn es am 31. August zu einer Arbeitsaufnahme kommen würde“, sagt sie. „Aber allein dieses herausragende Coaching im Vorfeld hat mich enorm weitergebracht. Man lernt dort viel über sich, seine Stärken und die Möglichkeiten, diese auch zu präsentieren.“

Was Stephan Voß gelernt hat, ist, seine berufliche Laufbahn – so holprig sie auch gewesen sein mag – klar verständlich und transparent auf Papier zu bringen. „Ich habe in der Vergangenheit oftmals Details meiner Laufbahn bewusst totgeschwiegen“, sagt er. „In Zukunft – das habe ich schon jetzt gelernt – werde ich diesen Fehler nicht mehr machen.“

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