Aachen - IHK-Präsident Bert Wirtz mahnt: „Fachkräftemangel größtes Risiko“

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IHK-Präsident Bert Wirtz mahnt: „Fachkräftemangel größtes Risiko“

Von: red
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„Das Engagement der Unternehmen bei der Beschäftigung von Flüchtlingen ist weiterhin sehr hoch“, lobt IHK-Präsident Bert Wirtz. Foto: dpa
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IHK-Präsident Bert Wirtz: Alle Betriebe müssen sich der Digitalisierung stellen. Foto: Stadtbild/Schütt

Aachen. Der scheidende Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen, Bert Wirtz, warnt eine künftige Bundesregierung vor „kostspieligen Experimenten“. Vorrang müssten Investitionen in Bildung und Infrastruktur haben, sagte er unserer Zeitung. Wirtz kandidiert bei der IHK-Vollversammlung am 23. Januar 2018 nicht wieder für das Präsidentenamt.

Mit welcher Perspektive geht die Wirtschaft unserer Region in das neue Jahr?

Wirtz: Für 2018 erwarten die Unternehmen weiterhin gute Ge-schäfte. Das geht durch alle Sektoren – von der Industrie über den Handel bis hin zum Dienstleistungsgewerbe. Damit brummt die Wirtschaft jetzt seit fast acht Jahren! Sämtliche Wirtschaftsfor-scher gehen davon aus, dass es auch noch bis zum Ende des Jahrzehntes so bleibt. Erstaunlich ist dabei, dass die Suche nach einer regierungsfähigen Mehrheit in Berlin offenbar keine Auswirkungen auf die Stimmungslage der Unternehmen hat.

Was erwartet die Wirtschaft von der Bundespolitik?

Wirtz: Es geht um Berechenbarkeit und um Stabilität – mit Augenmaß und ohne kostspielige Experimente. Die gute Einnahmesituation des Staates muss jetzt für Investitionen in die Bildung und die Infrastruktur sowie zum Abbau der Staatsverschuldung genutzt werden. Es ist nicht die Zeit für teure Geschenke zu Lasten der nachfolgenden Generationen! Das wäre ein falsch verstandener Generationenvertrag.

Welche Forderungen haben Sie an die Landesregierung?

Wirtz: Wir sehen, dass das Land seine gesetzgeberischen Spiel-räume ausnutzen will. Das sogenannte Entfesselungsgesetz ist ein guter Anfang. Die Anpassung beim Ladenöffnungsgesetz, der Bürokratieabbau durch E-Government oder die Lockerung im Landesentwicklungsplan sehen wir positiv.

Wie steht es um die Ausweisung neuer Gewerbegebiete?

Wirtz: In der Tat werden die Flächen knapp. Das zeigt der regio-nale Gewerbeflächenbericht, übrigens einmalig in Nordrhein-Westfalen. Darin sind die Flächenverkäufe und -reserven der 46 Städte und Gemeinden im Kammerbezirk Aachen aufgelistet. Der Bericht bildet eine gute Grundlage für die Gespräche mit der Bezirksregierung im Rahmen der Neuaufstellung des Regionalplans. Die IHK wirkt nämlich sowohl beim Gewerbeflächen-Monitoring als auch im Regionalrat mit. In Aachen hat die Politik die Aufgabe, sich im neuen Flächennutzungsplan zu einer wachsenden Stadt zu bekennen. Die Nachfrage nach Gewerbeflächen und Wohnraum ist hoch. Dementsprechend brauchen wir diese Flächen, um neue Arbeitsplätze in die Stadt zu holen und adäquate Wohngebiete anzubieten. Wir dürfen nicht vergessen: Jeder Steuerzahler bringt der Stadt zusätzliche Einnahmen und Schlüsselzuweisungen vom Land.

Was erwarten Sie 2018 für den Arbeitsmarkt?

Wirtz: Wir gehen davon aus, dass die Zahl der Arbeitslosen weiterhin sinken wird. Es zeichnet sich bereits eine Vollbeschäftigung ab. Die Unternehmen sehen in den fehlenden Fachkräften allerdings die größte Gefahr für ihre Geschäftsentwicklung. Deshalb ist die eigene Ausbildung für Betriebe zwingender denn je.

Einer DIHK-Studie zufolge befürchtet vor allem das Gastgewerbe Einbußen, weil Fachkräfte fehlen. Sieht das in der Region ähnlich aus? Oder in welchem Bereich fehlen die meisten Fachkräfte?

Wirtz: Im Bezirk der IHK Aachen schätzen fast zwei von drei Unternehmen den Fachkräftemangel als eines der größten Risiken für ihre wirtschaftliche Entwicklung ein. In unserer Region ist er vor allem in der Gastronomie, in der IT-Branche, bei den Berufskraftfahrern und in den gewerblich-technischen Berufen spürbar. Kaum Schwierigkeiten, gut ausgebildetes Personal zu finden, haben hingegen sämtliche Branchen, die kaufmännische Berufe anbieten.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Ausbildungsjahr 2017?

Wirtz: Erfreulicherweise haben die Betriebe das hohe Niveau der Ausbildungsverträge gehalten. Und das, obwohl weniger Schüler die allgemeinbildenden Schulen verlassen haben als im Vorjahr. Die Unternehmen konnten also wieder mehr junge Menschen für die berufliche Bildung begeistern.

Welchen Anteil daran haben die zu uns geflüchteten Menschen?

Wirtz: Im Jahr 2017 konnten etwa 150 geflüchtete junge Menschen im Kammerbezirk Aachen eine Ausbildung beginnen. Das Engagement der Unternehmen bei der Beschäftigung von Flüchtlingen ist weiterhin sehr hoch. Voraussetzungen sind aber eine Rechts- und Planungssicherheit für die Betriebe und gute Sprachkenntnisse der Geflüchteten. Ich bin sicher, dass sich da in den nächsten Jahren noch vieles tun wird.

Worin liegen die größten Herausforderungen für 2018 und die kommenden Jahre?

Wirtz: Die Digitalisierung und die Energiewende stehen ganz oben auf der Agenda. Alle Betriebe müssen sich mit der Digitalisierung auseinandersetzen. Besonders der Mittelstand ist seinen langjährigen Mitarbeiten gegenüber verpflichtet und muss sie auf dem Weg in die Zukunft mitnehmen. Ich kann alle Unternehmer nur ermuntern: Gehen Sie das Thema aktiv an und suchen Sie den Kontakt zur IHK, zum „digitalHUB Aachen“ oder zu anderen Beratungsstellen! Gleichzeitig fordert auch die Energiewende die Unternehmer und die Region im gleichen Maße. Für die Betriebe wird es immer wichtiger, die Energiebilanz in die Betrachtung des Lebenszyklus von Produkten und Dienstleistungen einzubeziehen.

Was erwarten Sie für das Rheinische Braunkohlerevier?

Wirtz: Durch die Ziele für den Klimaschutz steigt der Druck spürbar, und gleichzeitig geht die gesellschaftliche Akzeptanz zurück. Gut dabei ist, dass die Landesregierung ein klares Bekenntnis zur Braunkohle als Brückentechnologie abgegeben hat. Die Industrie im Rheinland ist in hohem Maße von sicherer und preiswerter Energie abhängig. Deshalb ist es richtig, dass Bund und Land die Region unterstützen, durch innovative Projekte eine neue Wirtschaftsstruktur auf den Weg zu bringen. Denn in den Unternehmen und Hochschulen schlummern große Potenziale, die wir wecken müssen.

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