Hier viel Fläche, da ein gesunder Mix: Unterschiede zwischen den Kreisen

Von: André Schaefer
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Der Kreis Heinsberg profitiert von seinen vielen Gewerbeflächen, die Jago AG verspricht in Hückeklhoven bis zu 800 Arbeitsplätze. Foto: Uwe Heldens
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Im Kreis Düren wappnet man sich derweil für die Zeit nach der Braunkohle. Foto: Benjamin Jansen

Aachen. Es ist kein gutes Zeugnis, das die jüngste Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) Köln der Städteregion Aachen ausgestellt hat. Vor allem ist es ein Ergebnis, das Fragen aufwirft. Fragen nach den Gründen, Fragen nach der Entwicklung in der Städteregion.

Aber auch Fragen nach den Unterschieden zwischen der Städteregion auf der einen und den Kreisen Heinsberg und Düren auf der anderen Seite. Wie kommt es dazu, dass eine durch die Spitzentechnologie geprägte Region mit Blick auf die Erwerbsquote schlechter abschneidet als der Kreis Heinsberg und der Kreis Düren? Was macht die Nachbarkreise aus? Machen sie etwas besser?

Ulrich Schirowski jedenfalls könnte auf Anhieb ein mehrstündiges Plädoyer für den Kreis Heinsberg als lukrativen Standort für ansiedelnde Unternehmen halten. Und: Der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft im Kreis Heinsberg könnte ebenso auf die Probleme der Städteregion eingehen. Dass Schirowski darauf lieber verzichtet, liegt an seiner Vita: Bevor er die Heinsberger Wirtschaftsförderung übernahm, war er Geschäftsführer der Aachener Gesellschaft für Innovation und Technologietransfer (Agit).

Genau aus dieser Agit hat sich der Kreis Heinsberg vor kurzem zurückgezogen. Man sei in der Lage, seine Aufgaben selbst zu lösen, hieß es als Begründung. Schirowski möchte kein weiteres Öl ins Feuer gießen, stattdessen lieber über die wirtschaftlichen Stärken seines neuen Arbeitgebers sprechen. Er sagt: „Unser großer Pluspunkt sind unsere vielen, freien Gewerbeflächen, von denen wir in der Vergangenheit einige veräußern konnten.“

34 Hektar veräußert

Die Formulierung „einige“ ist mit Blick auf die Zahlen durchaus untertrieben. Im Jahr 2015 wurden im Kreis Heinsberg insgesamt 34 Hektar an Gewerbeflächen veräußert. Die Städteregion Aachen, der Kreis Düren und der Kreis Euskirchen kamen im gleichen Jahr zusammen auf gerade einmal 30 Hektar. „Der Kreis Heinsberg war in den vergangenen Jahren beim Verkauf von Gewerbeflächen und der Ansiedlung neuer Unternehmen immer vorne mit dabei. Und das freut uns natürlich sehr“, sagt Schirowski.

Allein 20 Hektar wurden zuletzt für die Ansiedlung der Jago AG in Hückelhoven genutzt. Bis zu 800 neue Arbeitsplätze verspricht der Online-Händler, der sich mit seinem Verteilzentrum im Industriepark Rurtal niedergelassen hat. Dass der Kreis Heinsberg für immer mehr Unternehmen lukrativ wird, zeigt auch die Entscheidung des Bäckerei-Riesen Kamps, seine Zelte demnächst am Niederrhein abzubauen und mit seiner Zentrale und Produktionsstätte nach Erkelenz zu ziehen.

Es sind Erfolgsgeschichten wie diese, die dem Kreis Heinsberg Anfang des Jahres laut Landkreis-Ranking des Wirtschaftsmagazins Focus Money bundesweit einen 191. Rang im Mittelfeld bescherten – mit Abstand vor der Städteregion (Rang 220). Und es sind Entwicklungen, die für einen gelungenen Strukturwandel stehen. 20 Jahre ist es erst her, da befand sich der Kreis Heinsberg nach dem Ende der Steinkohle-Zeche Sophia Jacoba in einem wirtschaftlichen Tal. Viele Arbeitsplätze gingen durch das Ende der Steinkohleförderung verloren, neue mussten geschaffen werden. „Aus diesem Tal musste man sich erst einmal heraus kämpfen“, sagt Schirowski. „Heute, 20 Jahre später, darf man behaupten, dass dies gelungen ist.“

War der Kreis Heinsberg bis Ende der 1990er Jahre besonders von der Steinkohleförderung geprägt, sind es heute eine starke Bauindustrie gepaart mit vielen mittelständischen Unternehmen, die den Kreis prägen. „Uns zeichnet nicht die Technologielastigkeit aus, wie es beispielsweise in Aachen der Fall ist“, sagt Schirowski. „Aber ich sehe das sogar als Vorteil. So existieren viele Arbeitsplätze für nicht Hochqualifizierte.“ Das zeigt auch die Arbeitslosenquote im Kreis Heinsberg, die teilweise unter fünf Prozent liegt. „Wir befinden uns da fast in einem Bereich der Vollbeschäftigung“, sagt Schirowski.

Die positive wirtschaftliche Entwicklung dürfte im Kreis Heinsberg noch etwas andauern, vor allem durch den Lückenschluss der B 56n mit der A 46 und dem niederländischen Autobahnnetz. In dieser Woche werden die langjährigen Bauarbeiten beendet sein, der Kreis Heinsberg erhält dadurch eine Aufwertung seiner Verkehrsinfrastruktur. Schirowski ist sich sicher: „Für Unternehmen wird eine Ansiedlung im Kreis Heinsberg dadurch noch interessanter.“

Eine gute geografische Lage ist auch ein wesentlicher Vorteil des Kreises Düren – jedenfalls behauptet das Anette Winkler. Die Leiterin der dortigen Wirtschaftsförderung hält den Kreis Düren für Unternehmen ähnlich attraktiv. „Von Düren aus brauchen sie nur 30 Minuten zu den Ballungszentren Aachen und Köln. Die direkte Anbindung an die A4 und das Eisenbahnnetz spielen für viele Unternehmen eine wichtige Rolle“, sagt Winkler. Ähnlich wie im Kreis Heinsberg besitzt auch der Kreis Düren reichliche Gewerbeflächen. „Wenn Sie sich in Aachen umsehen, stellen Sie fest, dass es dort immer enger wird“, sagt sie. „Da haben wir hier andere Voraussetzungen.“

Der Strukturwandel ist auch im Kreis Düren ein zentrales Thema. Jahrzehnte lang stark geprägt von der Papierindustrie setzt der Kreis Düren inzwischen mehr auf eine heterogene Struktur. Während sich der Norden des Kreises besonders durch das Forschungszentrum Jülich und seine 5000 Angestellten mit der Technik und Innovationsstärke auszeichnet, setzt der Süden rund um Nideggen und Heimbach immer mehr auf den Tourismus. „Diese Mischung sowie die vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen sind das Rückgrat des Kreises Düren“, sagt Winkler.

Eine Neuaufstellung war und ist für den Kreis von immenser Bedeutung. Denn: Für die beiden Tagebaue in Inden und Hambach tickt die Uhr. Im Jahr 2032 ist in Inden Schluss, in Hambach wird noch bis 2045 Braunkohle gefördert. „Der Strukturwandel ist in vollem Gange“, sagt Winkler. „Aber wir sind vorbereitet, um diesem Strukturwandel wirksam zu begegnen.“

Eine zentrale Rolle spielt dabei auch das Positionspapier „Region Aachen 2030“, mit dem die gesamte Region den Strukturwandel weiter voranbringen möchte. Die drei Leitprojekte dieses Papiers – der Campus Aldenhoven mit dem Aldenhover Testing Center (ATC), das Industriekreuz Weisweiler und der Brainenergy-Park in Jülich – sollen allesamt auf dem Boden des Kreises Düren realisiert werden.

Spezialbereich für neue Energien

Der Campus Aldenhoven lockt mit seiner Teststrecke für die Fahrzeugtechnik immer mehr Unternehmen an, zuletzt die Getec Getriebetechnik GmbH, die bis 2020 insgesamt 60 Arbeitsplätze schaffen möchte. Das Industriekreuz Weisweiler auf Indener und Eschweiler Gebiet gehört zu den größten Gewerbeflächen des Kreises, und im Jülicher Brainenergy-Park soll künftig ein Spezialbereich für Unternehmen geschaffen werden, die sich den regenerativen Energien verschreiben. „Diese drei Projekte unterstreichen die Bedeutung des Kreises Düren für die gesamte Region“, sagt Winkler.

Die Voraussetzungen für eine solide Wirtschaftsstruktur stimmen also – sowohl im Kreis Düren als auch im Kreis Heinsberg. Und glaubt man den dortigen Experten, dann werden sich beide Kreise wirtschaftlich weiter stark entwickeln. Die gesamte Region wird dies mit Interesse beobachten, die Städteregion Aachen mit Sicherheit ganz besonders.

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