Herzogenrath - Herzogenrather Unternehmer verklagt SAP-Konzern

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Herzogenrather Unternehmer verklagt SAP-Konzern

Von: Marc Heckert
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SAP mit Firmensitz im baden-württembergischen Walldorf (Bild) ist der viertgrößte Softwarehersteller der Welt. Foto dpa: Foto: dpa

Herzogenrath. David gegen Goliath: Das ist zwar einer der abgegriffensten Vergleiche überhaupt – aber kein anderes Bild passt so gut auf den Fall Susen. Auf der einen Seite steht der Softwarekonzern SAP, ein führender Anbieter für betriebswirtschaftliche Software, mit Zehntausenden von Mitarbeitern und Millionen verkaufter Produkte weltweit. Auf der anderen Seite: Axel Susen aus Herzogenrath, 52 Jahre, Softwarehändler mit fünf Mitarbeitern.

Er hat den deutschen Vorzeigekonzern verklagt, dessen Allgemeine Geschäftsbedingungen er für wettbewerbswidrig hält.

Susen kauft und verkauft gebrauchte Software, auch stille Software genannt; meist von Microsoft und SAP. Was bei Produkten wie Autos und Notebooks alltäglich ist, sollte auch bei Computerprogrammen möglich sein, dachte er bei seinem ersten Fall vor gut zehn Jahren. Damals sollte er im Rahmen einer Insolvenzverwaltung hundert Pakete Office-Software zu Geld machen.

Unübersichtliche Klauseln

Doch ganz so einfach ist der Handel mit gebrauchten Programmen nicht. Zumindest nicht in der Geschäftswelt, wo es nicht um Einzellizenzen geht, sondern um Hunderter-, Tausender- oder Zehntausenderpacks für komplette Firmenabteilungen – sogenannte Volumensoftware. Da die Entwickler logischerweise lieber Neuware verkaufen, haben sie kein besonderes Interesse daran, dass ihre abgeschriebenen Produkte vom Kunden weiterveräußert werden.

Kritiker wie Axel Susen werfen den großen Anbietern vor, ihre AGB absichtlich so zu formulieren, dass der Gebrauchthandel erschwert wird. Durch bewusst unübersichtliche und teilweise rechtswidrige Klauseln sollen Kunden vom Kauf der Gebrauchtware abgeschreckt und zur Entscheidung für neue Lizenzen bewegt werden.

Dabei hat erst 2012 der Europäische Gerichtshof in einem Urteil gegen den Datenbankhersteller Oracle festgelegt, dass der Verkauf gebrauchter Lizenzen generell zulässig ist.

Der Markt für solche stille Software ist durchaus lukrativ. Ständig werden irgendwo Unternehmensteile ausgegliedert, Niederlassungen geschlossen oder zusammengelegt oder ganze Firmen aufgekauft. Ständig werden irgendwo auf einen Schlag Dutzende, Hunderte oder sogar Tausende teuer angeschaffter Lizenzen überflüssig. Aktivposten in den Bilanzen, oft Millionen wert. Wenn man sie denn verkaufen könnte.

Software ist in der Geschäftswelt so etwas wie das Blut in den Adern eines Körpers. Was wäre ein Autohersteller wie Mercedes-Benz, was eine Fluggesellschaft wie die Lufthansa, wenn ihre globale Buchhaltung oder Kundenverwaltung auch nur für einen Tag zusammenbrechen würde?

Ein solcher Schlag würde einen deutschen Mittelständler ebenso in die Knie zwingen wie einen börsennotierten Global Player. Folge: „Die Handvoll Softwarehersteller, die die Welt beherrschen, beherrschen sie tutto completto“, sagt Susen.

„Bei den Kunden rumort es“

Diese Machtposition nutzen die Hersteller aus, meint der Geschäftsführer von Susensoftware. Beispiel: Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von SAP verbieten es dem Kunden, seine Software ohne schriftliche Genehmigung von SAP weiterzuverkaufen. Und wer einmal bei SAP Lizenzen gekauft hat, darf auch nur dort weitere erwerben.

„In der Praxis führt diese Klausel dazu, dass Kunden, die einmal SAP-Kunden sind, auch für immer SAP-Kunden bleiben müssen“, schrieb die IT-Fachanwältin Jana Jentzsch im DowJones-Newsletter „Einkäufer im Markt“. Jentzsch vertritt den Herzogenrather.

Susen ist gegen beide Klauseln vor Gericht gezogen, das Landgericht Hamburg. Ebenso gegen eine dritte, die dem Kunden vorschreibt, dass er bei SAP gekaufte Software auch nur dort warten lassen darf. Auch die Wartung von Software ist ein überaus einträgliches Geschäft für den Anbieter, bei dem es oft um Hunderttausende von Euro im Jahr geht.

Susen ist zwar ein Einzelkämpfer. Aber er wähnt viele seiner Kunden hinter sich, darunter DAX-Unternehmen und ausländische Firmen, die sich am Gängelband der großen Softwareschmieden fühlten. 3000 Anwender habe er zum Thema befragt, sagt Susen. „Bei denen rumort es ungeheuerlich.“

Doch den Streit durch die Instanzen der Gerichte ausgefochten, so wie er, das habe noch keiner. „Am Ende telefoniert da der eine Vorstand mit dem anderen und man einigt sich irgendwo in der Mitte.“

SAP wollte sich auf Anfrage unserer Zeitung nicht zum Prozess äußern, der am Hamburger Landgericht läuft. Ein Sprecher des Konzerns verwies auf die Firmenlinie, zu laufenden Verfahren keine Auskünfte zu geben.

Am 25. Oktober wollen die Richter in der Hansestadt ihr Urteil verkünden. Susen, der als David in das juristische Kräftemessen gegangen ist, hofft, dass die Sache ausgeht wie die Erzählung in der Bibel. Und er nicht wie eine andere legendäre Figur endet: Don Quichotte, der Kämpfer gegen die Windmühlenflügel.

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