Head Acoustics: Hören, wo es knistert, pfeift oder knarzt

Von: Thorsten Karbach
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Wie verändert die Position des Smartphones den Klang: Das untersuchen Klaus Genuit und Christian Schüring an einem Kunstkopf. Foto: Andreas Steindl
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Im Fahrsimulator testet Genuit den Sound im Autoinnenraum. Foto: Andreas Steindl
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An Stelle des Motors befindet sich bei Frank Kettler unter der Motorhaube jede Menge Technik, die den Fahrer blitzschnell von einem Sportflitzer in einen Kleinwagen verfrachtet – mit den entsprechenden Motorengeräuschen. Foto: Andreas Steindl
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In einem schallabsorbierenden 3D-Raum analysiert Daniel Riemann den Klang eines Motors. Foto: Andreas Steindl
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Im Hörstudio von Head Acoustics – hier Marit Schumacher – können Probanden die Geräusche von Küchengeräten oder auch Rasierapparaten vergleichen oder ihnen Attribute zuschreiben. Foto: Andreas Steindl

Herzogenrath. Die Berliner Symphoniker können genauso laut spielen wie ein Presslufthammer. Trotzdem empfinden wir die Musiker in Bestform als wohlklingend – den Presslufthammer dagegen nicht. Gehört wird eben nicht nur die Lautstärke.

Geräusche können unabhängig von der Dezibelzahl wohltuend, angenehm und vieles mehr auf den Menschen wirken – auch nervtötend, störend, irritierend. Wenn es knarzt, rauscht, knistert, knackt, pfeift und heult, dann ist die Firma Head Acoustics aus Herzogenrath-Kohlscheid erster Ansprechpartner der Automobilbranche, von Telekommunikationsunternehmen, bei den Herstellern von Waschmaschinen, Computern und Haushaltsgeräten. Und vielen anderen auch.

Denn Head Acoustics ist weltweit führender Anbieter, wenn es darum geht den Schall und Schwingungen zu analysieren. Die Firma ist Vorreiter in der Entwicklung der notwendigen Hard- und Software zur Messung, Analyse und vor allem am Ende auch Optimierung des Sounddesigns, also des Klangs eines Automotors, eines Druckers, eines Fahrstuhls oder auch Rasierers.

Keiner der großen Automobilkonzerne auf der Welt arbeitet heute mehr, wie Gründer Professor Klaus Genuit berichtet, ohne Head-Acoustics-Entwicklungen, alle großen Smartphone-Hersteller setzen auf den Kunstkopf – einen künstlichen kopf mit besonderen Höreigenschaften. 1986 wurde Head Acoustics gegründet. In diesem Jahr wird es 30 Jahre alt.

Der tropfende Wasserhahn

Aufgebaut hat das Unternehmen auf Genuits Dissertation. „Ein Modell zur Beschreibung der Außenohrübertragungseigenschaften“, war diese überschrieben, befasste sich mit den psychoakustischen Eigenschaften und der sogenannten binauralen Signalverarbeitung des menschlichen Gehirns. Schwer verständliche Begriffe. Tatsächlich dreht es sich um die Frage, wie das menschliche Ohr die Geräusche in seiner Umgebung wahrnimmt. Denn dabei geht es um weit mehr als nur den Lautstärkepegel. „Ein tropfender Wasserhahn ist nicht laut und macht mich dennoch wahnsinnig“, sagt Genuit.

Tropfende Wasserhähne gibt es in Automobilen nicht. Aber zahlreiche Geräuschquellen vom Fensterheber bis zur Klimaanlage. Das war den Herstellern Jahrzehntelang egal, bis sich in den frühen 1980er Jahren bei Daimler-Benz die Beschwerden häuften. Head Acoustics hat mit dem Kunstkopf offene Türen bei sämtlichen Automobilkonzernen und ihren Zulieferern angetroffen. Der Klang eines Autos war eine neue Baustelle, mit dem Kunstkopf konnte daran gearbeitet werden.

Klick-klack macht der Blinker

Ein Beispiel: Wenn ein Blinker klick-klack macht, dann ist das vollkommen in Ordnung, der Fahrer erwartet dies sogar, denn moderne Blinkertechnik könnte auch vollkommen geräuschlos aktiviert werden. Wenn aber die Lüftung klick-klack macht, dann wird dies als störend, als Fehler empfunden. Deswegen soll sie dies nicht.

Für Misstöne ist in der Automobilwelt kein Platz. Ein Porsche 911 muss wie ein Porsche 911 klingen. Der Fahrer hat eine Erwartungshaltung, die erfüllt werden will. Andererseits gibt es nun Elektroautos, die nahezu geräuschlos unterwegs sind. Nahezu. Für Genuit und sein Team gilt an dieser Stelle: „Je leiser ich werde, umso sensibler werde ich.“ Und dann stellt sich die Branche an dieser Stelle zudem die Frage: Muss ein Elektroauto nicht doch irgendwie wie ein Auto klingen, was mittels Sounddesign immer noch möglich ist? Der Blinker macht es vor. Andererseits: „Als die Dampflok durch Dieselloks abgelöst wurde, haben diese auch nicht weiter Tuff-Tuff gemacht“, erklärt Genuit.

Angefangen hatte er mit vier Mitarbeitern auf nicht einmal 50 Quadratmetern in einem Aachener Technologiezentrum. Seit 1989 ist das Unternehmen in Herzogenrath zuhause und immer weiter gewachsen. 2003 wurde ein (Vier-Rad-)Rollenprüfstand eingeweiht, auf dem die Außen- und Innengeräusche eines Autos bei einer Geschwindigkeit von bis zu 200 Stundenkilometern gemessen und analysiert werden können. Das gibt es sonst nicht in der Region.

Der Lärm der Autobahn

200 Mitarbeiter hat Head Acoustics mittlerweile, es gibt Tochterunternehmen in den USA, Japan, Frankreich und Großbritannien, der Schritt in weitere Länder steht unmittelbar bevor. Hingehört wird überall auf der Welt. Wobei es durchaus kulturelle Unterschiede im Empfinden einzelner Geräusche gibt. Es sei kein Zufall, dass italienische Sportwagen hochfrequenter klingen würden und britische eher ein tiefes Blubbern ausstoßen würden.

Es ist ein Thema voller Facetten und spannender Ansätze – deswegen wird die Forschung forciert. Genuit gibt seit 1997 an der RWTH Aachen Vorlesungen in Psychoakustik, seit 2008 ist er (Honorar-)Professor an der Hochschule, an der er einst studierte und seine Dissertation formulierte. 30 Jahre später hat er eine Stiftung gegründet, die die Forschung auch in Zukunft sichern soll. Denn so viel ist klar: Lärm und Geräusche sind ein gesellschaftliches Thema – besser: ein Problem.

„Über 50 Prozent der Bevölkerung fühlt sich durch Lärm belästigt“, sagt Genuit. Und mit Lärm ist eben nicht nur Lautstärke gemeint. Eine Lärmschutzwand an einer Autobahn könne das Geräusch der Autos um ein paar Dezibel leiser machen, wenn der Ton aber grundsätzlich unangenehm ist, dann bleibt er dies auch.

Im Laufe der 30 Jahre hat sich Head Acoustics auf zwei Standbeine gestellt: die Telekommunikation, in der das Unternehmen gar gängige Standards für den Weltmarkt entwickelt und eben die ganzheitlichen Akustiklösungen für Automotive und andere Branchen.

„Die Technologie macht große Sprünge, es bleibt spannend. Im Idealfall wissen wir, wie ein Auto klingt, bevor es gebaut wird“, sagt Genuit. Das Zusammenspiel der einzelnen Bauteile sei am Ende wie ein Orchester, das dirigiert werden müsse. Schon ein neuer Schweißpunkt in der Karosserie kann den Klang verändern. Dann knarzt oder fiept es. Egal wie laut. Es nervt!

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