Aachen - Gleich zwei Mal heißt es „Industrie 4.0“

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Gleich zwei Mal heißt es „Industrie 4.0“

Von: Christoph Pauli und Anne Schröder
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Donnerstag am Aachener Reichsweg: Rheinnadel-Geschäftsführer Klaus Pavel eröffnete vor zahlreichen Gästen die Fabrik 4.0. Foto: Michael Jaspers
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Donnerstag in der Pascalstraße (v.l.): Mailin Winter, Geschäftsführerin des Kompetenzzentrums IT-Wirtschaft, NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), IT-Unternehmer Oliver Grün und Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Das neue Büro bietet für Klaus Pavel ein paar schöne neue Möglichkeiten: Auf der Fassade gegenüber ist die Aachen-Silhouette aufgemalt, und es lässt sich vorzüglich dort träumen. Der Geschäftsführer der Firma Rheinnadel hat sich in seinem Büro eine Hängematte aufgehängt, um dort mittags ein halbes Stündchen durchzuschnaufen.

Pavels analoges Vergnügen war sicher nicht ausschlaggebend für den Neubau des Verwaltungsgebäude. Vielmehr wurde gleichzeitig in den vergangenen Jahren die „Fabrik 4.0“, geplant vom Herzogenrather Architekten Jörn Jager, am Reichsweg hochgezogen, die ebenfalls am Donnerstagnachmittag mit vielen Mitarbeitern und Ehrengästen eingeweiht wurde.

Materialfluss überarbeitet

Mit der Nadelproduktion hat das alteingesessene Familienunternehmen nichts mehr zu tun, nur noch der Name erinnert an eine längst ausgestorbene Branche. Heute ist Rheinnadel Weltmarktführer im Bereich der Zuführtechnik. Das Unternehmen hat acht produzierende Standorte in Europa – und in Aachen nun die „smart factory“, um dem stark steigenden Auftragseingang gerecht zu werden, sagt Pavel. Nebenbei ist die Halle so großzügig geplant, dass die einzelnen Prozesse abgeschirmt werden können, Geheimhaltung ist ein verbreiteter Kundenwunsch. Die Gebäudeerweiterung ist die bisher größte Investition in der 120-jährigen Geschichte des Unternehmens. „Da fast alle Aufträge Neuentwicklungen sind, liegt der Schwerpunkt der unternehmerischen Aktivitäten und deren Ausrichtung vor allem in der Innovation“, sagt Pavel.

Rheinnadel macht sich zukunftsfähig, hat mit der neuen Fabrik parallel auch alle Bestandsgebäude renoviert, den Materialfluss überarbeitet und alle Prozesse neu strukturiert. Nachhaltig wolle man weiter wachsen und die Marktposition verteidigen, sagt Pavels Sohn Christopher Pavel, der andere Geschäftsführer des Unternehmens. Etwa 300 Mitarbeiter sind angestellt am digitalisierten Standort in Aachen, alle am unternehmerischen Erfolg beteiligt. „Wir können sicher feststellen, dass wir zu den attraktivsten Arbeitgebern in der Region zählen“, sagt Christopher Pavel selbstbewusst.

Nicht nur Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) freute sich darüber, dass wieder ein Unternehmen in der Region zukunftssicher aufgestellt ist, auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) genoss erkennbar den entspannten Auftritt in seiner Heimat. „Wenn jeder Dax-Konzern so verantwortungsbewusst über Generationen denken würde wie das Familienunternehmen, wäre es um die Soziale Marktwirtschaft besser bestellt“, vermutete Laschet. An diesem Nachmittag ging es für den Regierungschef um die vierte industrielle Revolution, „Industrie 4.0“ heißt das Schlagwort. Mit intelligenten und digital vernetzten Systemen soll eine weitestgehend selbst organisierte Produktion möglich werden.

Zweite Welle der Digitalisierung anstoßen

Ein paar Minuten nach der Fabrikeröffnung reiste er zusammen mit dem Oberbürgermeister in den Aachener Süden, um dort einen der bundesweit vier Stützpunkte des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums IT-Wirtschaft (KIW) zu eröffnen. Dort, genauer in der Pascalstraße bei der Firma Grün Software, soll die zweite Welle der Digitalisierung angestoßen werden: Business-to-Business ist das Stichwort. Im Fokus stehen hierbei mittelständische IT-Unternehmen. Sie sollen Wege finden, sich untereinander zu vernetzen und ihre Kompetenzen zu vereinen, ohne dabei ihre Autonomie aufzugeben. Kooperation statt Konkurrenz.

Das möglich zu machen, ist die Kernaufgabe des KIW. „Der Vorteil, den wir hier in Deutschland haben, sind eben die vielen mittelständischen IT-Unternehmen“, sagt Oliver Grün, Präsident des Bundesverband IT-Mittelstand. „Diese Unternehmen sind auch alle zusammen marktbeherrschend – nur keiner weiß es. Im Business-to-Business-Umfeld ist das Rückgrat der Mittelstand. Der wiederum nutzt Software, die auch von mittelständischen Unternehmen kommt“, erklärt er weiter. Da die Unternehmen eher Nischenlösungen anbieten und sich auf einen bestimmen Bereich spezialisieren, ginge es dem KIW darum, diese Kompetenzen und Lösungen der IT-Anbieter zu nutzen und zu bündeln. Das „digitale Ökosystem“ als Gegengewicht zum Silicon Valley. Vom Mittelstand für den Mittelstand.

Das Kompetenzzentrum ist eine Initiative des Bundeswirtschaftsministeriums, ist zunächst für drei Jahre gefördert und spricht die IT-Branche in ganz Deutschland an. Der jetzt neu eröffnete Stützpunkt West kümmert sich um die Vernetzung mittelständischer IT-Unternehmen im Westen, also in Nordrhein-Westfalen und teilweise über die Grenzen hinaus. Die anderen Regionen werden von den Stützpunkten in Berlin, Kassel und Karlsruhe abgedeckt.

Aachen biete sich als Standort gut an, sagt Grün: „Was den Anteil der Arbeitsplätze in der IT-Branche betrifft, so sind in der Städteregion 61 Prozent mehr IT-Arbeitsplätze als im Durchschnitt von NRW.“ Die Internationalität und die Kompetenz aus den Hochschulen seien weitere Pluspunkte Aachens als Standort des neuen Stützpunktes. Auch die Nachbarschaft in der Pascalstraße, „Hotspot der IT in Aachen“, spiele dem Stützpunkt zu.

Digitalplattform soll entstehen

Es war der Auftakt am Donnerstag. Das erste Ziel muss nun angegangen werden: kooperationswillige Unternehmen im Westen zu rekrutieren, zu informieren und zusammenzubringen. Am Ende soll eine Digitalplattform entstehen, wo die einzelnen Unternehmen und ihre Spezialisierungen aufgeführt sind und für gemeinsame Projekte bereitstehen.

Laschet betont in seiner Rede zur Eröffnung, dass im Gegensatz zur öffentlichen Diskussion die Digitalisierung immer noch viel zu kritisch diskutiert werde. Mit Blick auf den Besuch bei Rheinnadel erklärt er: „Es werden durch die Digitalisierung neue Formen von Arbeitsplätzen entstehen, es werden alte Formen in neue überführt.“ Es reiche aber nicht, die Technik zu haben – auch die Mentalität, beispielsweise in Verwaltungen, müsse sich ändern, um nicht jeden digitalen Antrag letztendlich dann doch auszudrucken.

Der NRW-Ministerpräsident weiß, dass auch die Landesregierung entsprechende Rahmenbedingungen setzen muss, damit mittelständische Unternehmen im Zuge der Digitalisierung und der damit einhergehenden Herausforderung konkurrenzfähig bleiben. Hierzu, betont er, sei es wichtig, bei Neugründungen von Unternehmen überflüssige Bürokratie abzubauen und beispielsweise die Verbesserung der elektronischen Gewerbeanmeldung in Angriff zu nehmen.

„Das digitale Gewerbeamt ist bisher nur Theorie“ schließt Oberbürgermeister Marcel Philipp an Laschets Rede an. Auch wenn Aachen schon als „Erlebniswelt der Mobilität“ gilt und sich gerade im IT-Bereich viel bewegt, gibt es somit noch Bereiche, die von einer Vernetzung und Kooperation mittelständischer IT-Unternehmen profitieren könnten. Wie Grün es zusammenfasst: „Wer nicht groß ist, muss eben schlau sein.“

 

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