Gladbacher Borussia kann auf Wachstum setzen

Von: Thorsten Karbach
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Einleuchtende Technik: Die LED/Infrarot-Anlage sorgt im Borussia-Park das ganze Jahr für ideale Bedingungen – für den Rasen. Foto: Andreas Steindl

Aachen/Mönchengladbach. Georg Vievers kennt seine Problemzonen: die Strafräume. Vievers ist, so steht es auf seiner Visitenkarte, „Bereichsleiter Stadion-Greenkeeper“ bei Borussia Mönchengladbach. Früher hätte man wohl Platzwart gesagt.

Aber der Begriff drückt längst nicht mehr angemessen aus, was die Pflege eines Fußballrasens bedeutet. Es ist eine Wissenschaft für sich, Technik pur – und bei der Borussia ist die noch moderner als sonstwo in der Bundesliga.

Sauber gestutzt auf 27 Millimetern Höhe und saftig grün wird er am Samstag sein – auch in den Strafräumen, wenn Mönchengladbach um 18.30 Uhr zum Auftakt der Bundesliga-Rückrunde Borussia Dortmund empfängt. Es ist das Spitzenspiel des Vierten gegen den Zweiten, und eines ist vorab klar: Der Rasen ist bereit.

Dafür hat vor allem eine neue Beleuchtungsanlage gesorgt, die die Firma TSM aus Stolberg mit dem Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME in Aachen entwickelt hat.

Rasen statt Gummi

Georg Tsivikis ist Inhaber der TSM GmbH, einem weltweit tätigen Maschinenbauer, der eigentlich Maschinen für Gummiprofile (an Autotüren), Vulkanisations- und Beflockungsmaschinen produziert – mit Kunden in aller Welt. In diesem Kerngeschäft hat die Firma mit ihren rund 30 Mitarbeitern laut Tsivikis einen Marktanteil von 50 Prozent und mehr. Mit dem Thema Stadionrasen betritt die 2003 in Alsdorf gegründete Firma freilich Neuland. Und das kam so:

Es ist drei Jahre her, da las Tsivikis auf einem Flug nach China in einem Magazin über den FC Bayern München, der ein neues System einsetze, damit der Rasen im Stadion besser wächst. Große Maschinen mit sogenannten Metalldampflampen oder auch Natriumdampflampen beleuchteten dort das Spielfeld, denn der Rasen braucht Licht und Wärme.

Tsivikis fand das spannend und entdeckte auf den Fotos eine „gewisse Verwandtschaft“ zu den Maschinen, die seine Firma produziert. Nur: Metalldampflampen brauchen Unmengen an Energie, am Ende einer Saison können die Kosten dafür in Millionenhöhe steigen. Tsivikis dachte sich: Solche Maschinen will ich auch bauen – aber so, dass sie weniger Energie verbrauchen. Also mit LEDs.

Mit dieser Idee fuhr er zum Fraunhofer IME in Aachen. Einfach so. Er hatte keinen Termin. Er war immer mal wieder in den benachbarten RWTH-Instituten für Textiltechnik und für Kunststoffverarbeitung, ihm waren die Treibhäuser der Fraunhofer-Forscher aufgefallen. Er sagte sich: Sprich die doch mal an. Das machte er.

Normalerweise entstehen Forschungsprojekte anders.

Seltsam wie spannend

Der nun zuständige Projektleiter am Fraunhofer IME, ein bekennender Nicht-Fußball-Fan, fand die Idee zunächst gleichermaßen seltsam wie spannend. Doch die Spannung überwog bei Stefan Rasche sehr schnell, und es dauerte nicht lang, da standen in einem Labor im Keller Gestelle, die ein lila oder pinkes Licht – je nach Empfinden des Betrachters – auf ein Stück Rasen warfen. Für die Farbe gibt es einen einfachen Grund: Es werden (fast) ausschließlich blaue und rote LEDs verwendet, denn Pflanzen verwerten, so Rasche, überwiegend blaues und rotes Licht. Das grüne reflektieren sie beispielsweise.

Die Idee, Pflanzen mit LED zu beleuchten, ist gewiss nicht neu und auch nicht aus Aachen. In den Niederlanden wird die Hälfte aller Gewächshäuser so beleuchtet – damit die Photosynthese angeregt wird und am Ende die Tomaten ganzjährig wachsen. Aber Fußballrasen? Stefan Rasche experimentierte mit der Beleuchtungsdauer, mit dem Abstand der Lampen und erforschte die Keimung.

Mit den ersten, erhellenden Eindrücken war Tsiwikis dann wieder unterwegs. Er sprach im April beim FC Augsburg vor, Ende Juni bei Borussia Mönchengladbach, weitere Vereine folgten, auch Real Madrid hat sich mittlerweile nach der LED/Infrarot-Anlage erkundigt. Aufgebaut wurde sie dann erst einmal im September im Borussia-Park in Mönchengladbach. Dort hatte es nach dem Heimspiel gegen Mainz im August noch viel Kritik am Zustand des Rasens gegeben.

Es ist eiskalt

Es ist kalt im Borussia-Park. Eiskalt. Wenn Greenkeeper Vievers ausatmet, dann sind kleine Atemwölkchen zu sehen. Minus acht Grad Celsius war es hier vergangene Woche. Und auf dem Rasen ist es im Winter immer noch ein paar Grad kälter als außerhalb des Stadions. Und im Sommer immer ein paar Grad heißer. Das ist in anderen Fußballstadien wegen der umliegenden Tribünen kaum anders.

Die TSM-Anlagen haben auf diese extremen Bedingungen eine Antwort gefunden: einen Sommer- und einen Wintermodus. Im Sommer leuchten ausschließlich die LEDs (die kaum Wärme abstrahlen), im Winter zusätzlich Infrarotlampen. Sie sorgen für ideale Temperaturen, denn Rasen wächst tatsächlich, so Stefan Rasche, bei zehn bis zwölf Grad Celsius ziemlich gut. Und gemeinsam mit der Rasenheizung im Boden ist es auch in diesem Tagen möglich, diese Temperatur zu erreichen. Sensoren kontrollieren das dauerhaft.

Fußballrasen ist nicht einfach Rasen. In einer Sode können drei bis fünf Sorten sein. Bei Borussia Mönchengladbach haben Greenkeeper Vievers und sein Team am 22. Dezember noch eine sogenannte Nachsaat eingefahren. Alle sieben Zentimeter schimmert der Rasen davon noch etwas heller, hier wurde nachgepflanzt.

Normalerweise wäre diese Nachsaat vier, fünf Wochen später kaum zu erkennen. Doch dank der Bestrahlung ist sie komplett hochgekommen. „Ohne wäre das so nicht möglich gewesen“, sagt Vievers. Die Zusammenarbeit mag sich noch in der Testphase befinden, die Anlage mehr oder weniger ein Prototyp sein. Doch die Zufriedenheit ist mit dem Rasen gewachsen: „Unsere Vorstellungen funktionieren, wir haben eine immense Qualitätssteigerung erreicht“, sagt der Greenkeeper.

Auf Champions-League-Niveau

Die Qualitätsansprüche sind im Borussia-Park höher denn je. Bundesliganiveau reicht nicht mehr aus, es muss in Sachen Rasen Champions-League-Niveau sein. Denn die Qualifikation für die Champions League ist auch für den Rasen eine zusätzliche Belastung: Er muss nicht nur mindestens drei Spiele mehr (er-)tragen, die jeweiligen Gegner dürfen auch im Stadion trainieren, macht sechs weitere Belastungsproben.

„Normalerweise müssen wir am Ende eines Jahres beziehungsweise am Anfang des neuen Jahres große Teile des Rasens austauschen“, berichtet Vievers. Trotz der genannten Belastung war genau das in diesem Jahr nicht notwendig. Ein wenig Nachsaat war ausreichend.

Anderswo schon. Viele Vereine mussten den Rasen bereits komplett austauschen. Schalke 04 zum Beispiel hat im Herbst neuen verlegen lassen, der wenige Wochen später schon wieder in der Kritik stand. So ein Rasenaustausch ist in Einzelfällen drei bis vier Mal im Jahr notwendig und kostet jedes Mal weiter mehr als 100 000 Euro. Die Borussia kann sich diese Kosten sparen. Stattdessen lässt Georg Vievers die TSM-Anlage über den Rasen rollen. 12 bis 15 Stunden steht sie an einer Stelle, dann fährt sie automatisch weiter. Das erleichtert jedem Greenkeeper die Arbeit.

Und Tsivikis: Der will eine neue Firma gründen, die sich auf das Thema Anlagenbau für Sportstadien konzentriert und diese weltweit vermarktet – beispielsweise in der nordamerikanischen Profi-Football-Liga NFL. TSL soll die neue Firma heißen, unsicher ist er aber noch, in welcher Farbe er die drei Buchstaben kolorieren will: gelb wie die Sonne oder grün wie der Rasen: im Borussia-Park. Dort rollt am Samstag der Ball.

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