„Gehörlose können in jedem Job arbeiten“

Von: Christina Handschuhmacher
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Hilfreiche Tipps: René Cujé (l.) stellt Arbeitsvermittlerin Ulrike Floßdorf (r.) Fragen zum Bewerbungsgespräch. Gebärdendolmetscherin Christel Straaten übersetzt. Foto: Andreas Herrmann, Andreas Steindl

Aachen. René Cujé ist 32 Jahre alt, in Aachen geboren, Bürokaufmann und hat seine Ausbildung vor rund drei Jahren abgeschlossen. Diese Fakten stehen in jeder Bewerbung, die Cujé schreibt, und Bewerbungen hat er viele geschrieben in letzter Zeit. Und: René Cujé ist gehörlos.

Auch das geht aus seinen Bewerbungsunterlagen hervor. Das, davon ist Cujé überzeugt, ist der Hauptgrund dafür, dass er bislang keine neue Arbeitsstelle gefunden hat.

„Wenn die Arbeitgeber ‚gehörlos‘ lesen, dann denken sie, dass sie mit mir nicht kommunizieren können – oder dass es zumindest schwierig wird und sortieren die Bewerbung lieber gleich aus“, gebärdet der 32-Jährige. Generell, so ist seine Erfahrung, würden die Fähigkeiten von Gehörlosen immer unterschätzt.

Bewerbungs-Einmaleins

So wie Cujé geht es vielen Hörgeschädigten. Rund 100 gehörlose und schwerhörige Menschen sind deshalb an diesem Vormittag in das Hörgeschädigten Zentrum Aachen (HGZ) gekommen, um sich Ratschläge und Tipps für ihre Bewerbung zu holen. Das Hörgeschädigten Zentrum und die Agentur für Arbeit Aachen-Düren haben die Veranstaltung organisiert und der Bedarf ist groß. So groß, dass selbst Gehörlose aus anderen NRW-Städten wie Bielefeld an diesem Tag in die Aachener Talbotstraße gekommen sind.

Es geht um das kleine Einmaleins des Bewerbens: Wie schreibe ich einen Lebenslauf? Was gehört ins Anschreiben? Wie verhalte ich mich im Bewerbungsgespräch? In Filmen mit Untertiteln und Powerpoint-Folien werden Grundlagen erklärt. Zwei Dolmetscherinnen auf einem Podest übersetzen jedes gesprochene Wort. Zehn Mitarbeiter der Agentur für Arbeit Aachen-Düren sind vor Ort, um Hilfestellung zu geben.

„Dass wir die Gehörlosen hier heute in Sachen Bewerbung fit machen, ist die eine Sache“, sagt Doris Schillings, Geschäftsführerin operativ der Arbeitsagentur Aachen-Düren. „Aber es muss auch auf Arbeitgeberseite Aufklärung erfolgen. Wenn Gehörlose die richtigen Hilfsmittel haben, dann können sie in jedem Job arbeiten. Es gibt Lösungen. Das ist einfach eine Tatsache.“ Und diese Lösungen liegen vielfach im technischen Bereich: Etwa in der einfachen Videotelefonie oder – noch fortgeschrittener – mit einem Anbieter, in dem ein zwischengeschalteter Dolmetscher zwischen einem hörenden Gesprächspartner und einem gehörlosen Gesprächspartner übersetzt. Auch Lichtsignale oder Warnblinker können für gehörlose Menschen eine wichtige Funktion am Arbeitsplatz übernehmen.

Eine weitere große Hürde: das Bewerbungsschreiben. „Wenn ein Gehörloser eine Bewerbung schreibt, gibt es darin häufig Grammatikfehler oder Fehler beim Satzbau. Das schreckt viele Arbeitgeber ab“, sagt Anne Elsen, Geschäftsführerin des HGZ. Dabei gebe es für die Fehler erklärbare Gründe. Da die Gebärdensprache – die Muttersprache der Gehörlosen – grammatikalisch und vom Satzbau ganz anders sei als die Schriftsprache, seien Fehler quasi programmiert. Auch das wüssten viele Arbeitgeber nicht. „Diese Behinderung und ihre Auswirkungen sind einfach zu unbekannt“, sagt Elsen.

Nach dem Vorträgen zu Bewerbung und Vorstellungsgespräch ist Zeit für Fragen und Rückmeldungen: „Im Film wurde gesagt, dass Blickkontakt im Bewerbungsgespräch wichtig ist. Doch wie soll ich das machen, wenn ich meinen Dolmetscher angucken muss?“ –„Soll ich überhaupt in die Bewerbung schreiben, dass ich gehörlos bin?“ Schnell wird deutlich: Die Verunsicherung ist groß – und auch die Frustration. „Arbeiten bei der Arbeitsagentur eigentlich Gehörlose? Nein, oder?“, gebärdet eine Gehörlose. „Wir alle haben Probleme bei der Jobsuche. Wir brauchen mehr Unterstützung“, sagt eine andere. Die Hände gehen geschlossen nach oben und drehen sich. Stiller Applaus.

Fest steht: Die Hürden für Gehörlose sind hoch – auch heute noch, in Zeiten, in denen das Thema Inklusion in aller Munde ist. Auch Marietta Schumacher kennt das Problem. Nach mehreren Jahrzehnten – stets als einzige Gehörlose unter hörenden Kollegen – ist sie vor einigen Jahren arbeitslos geworden. 70 bis 80 Bewerbungen habe sie damals geschrieben, erinnert sich die heute 59-Jährige. Ohne irgendeinen Erfolg. Dann hat sich die Dürenerin nach einer Fortbildung selbstständig gemacht – als Gebärdensprachdozentin.

Auch René Cujé kann sich gut vorstellen, mit anderen Gehörlosen zu arbeiten. „Ich würde gerne weiter anderen gehörlosen Menschen helfen, so wie ich es gerade hier tue“, sagt er. Noch bis Ende Dezember ist er als Praktikant im Hörgeschädigten Zentrum beschäftigt. Aber auch in seinen Ausbildungsberuf als Bürokaufmann würde er jederzeit zurückkehren. Vielleicht klappt es ja bald mit einem neuen Job. Hilfreiche Tipps und das Rüstzeug für eine gute Bewerbung hat er in jedem Fall heute schon einmal bekommen.

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