Flüchtlinge beleben den Ausbildungsmarkt

Von: Christina Handschuhmacher
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Aachen/Baesweiler. Ein Zuwachs bei den Bewerbern, ein leichter Rückgang bei den Ausbildungsstellen und deutlich mehr unversorgte Bewerber: Das sind die Kernpunkte der Halbjahresbilanz zum regionalen Ausbildungsmarkt, die die Bundesagentur für Arbeit (BA), die Industrie- und Handelskammer (IHK) und die Handwerkskammer (HWK) am Freitag im Baesweiler Unternehmen AS-Zerspanungstechnik GmbH vorgestellt haben.

Das 2008 gegründete Unternehmen ist auf Expansionskurs und steht beispielhaft für die Not vieler Firmen – geeignete Auszubildende und Fachkräfte werden nämlich händeringend gesucht. Fragen und Antworten zum Ausbildungsmarkt in der Region.

Wie ist die Situation auf dem Ausbildungsmarkt zur Halbzeit des Ausbildungsjahres 2016/2017?

Die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen ist im Vergleich zum Vorjahr leicht zurückgegangen. Die Betriebe meldeten der gemeinsamen Servicestelle von Arbeitsagentur und Jobcenter im Zeitraum Oktober 2016 bis März 2017 5194 Ausbildungsstellen (- 0,5 Prozent). Entgegen des allgemeinen Trends – eine alternde Gesellschaft und immer weniger Schulabgänger – ist die Zahl der Bewerber auf 6185 gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Plus von 1,5 Prozent. Der Grund? „Auf dem Ausbildungsmarkt kompensieren die Flüchtlinge die allgemeine demografische Entwicklung in Deutschland“, sagt Ulrich Käser, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Aachen-Düren. Unter den 6185 Bewerbern seien knapp 400 Flüchtlinge, die nun ausreichend qualifiziert für eine Ausbildung seien.

Käser kritisiert, dass die Ausbildungsquote, sprich der Anteil der Azubis an der Gesamtzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, weiter sinkt. Aktuell liegt sie bei 6,0 Prozent (Stand Dezember 2015). „Wir benötigen immer mehr gut ausgebildete Fachkräfte, und die wachsen nicht auf den Bäumen, sondern müssen vorher in den Unternehmen ausgebildet werden.“

Wie ist die Lage bei den unversorgten Bewerbern?

Der deutliche Zuwachs bei den unversorgten Bewerbern zeigt: Vor der Arbeitsagentur liegt bis Ende September noch viel Arbeit: Aktuell sind noch 3933 Bewerber unversorgt – ein Plus von 6,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Von den seit Anfang Oktober gemeldeten 5194 Ausbildungsstellen sind demgegenüber noch 3279 unbesetzt. Das Problem: Angebot und Nachfrage passen in der Praxis häufig nicht zusammen. So sind etwa bei Berufen im Nahrungsmittelbereich – Bäcker, Konditor, Metzger – bis zu Beginn des Ausbildungsjahres noch Plätze frei, wohingegen im Bereich Kfz-Mechatronik die Nachfrage das Angebot schon seit längerem übersteigt.

Was wird getan, um Bewerber und Firmen zusammenzubringen?

Die Arbeitsagentur bietet neben Berufsorientierung und Berufsberatung noch viele weitere Hilfestellungen an: Für geflüchtete Jugendliche und andere künftige Auszubildende mit Hilfebedarf gibt es vor Ausbildungsbeginn die Möglichkeit einer Einstiegsqualifizierung. In diesem auf ein Jahr angelegtem Praktikum lernen sich Betrieb und Azubi kennen und gehen im Idealfall ein Ausbildungsverhältnis ein. Die Einstiegsqualifizierung führe häufig in eine Ausbildung, sagt Käser. Ein weiteres Instrument: die sogenannte assistierte Ausbildung. Dabei werden die Jugendlichen vor Ausbildungsbeginn intensiv beraten. Während der Ausbildung werden sie dann je nach Bedürfnis unterstützt – egal, ob der Förderbedarf im sozialpädagogischen, sprachlichen oder fachlichen Bereich liegt, und auch die Betriebe erhalten Unterstützung.

Was sagen die Kammern?

IHK und HWK blicken weiterhin skeptisch auf den sich fortsetzenden Trend zu Abitur und Studium. „Wir müssen noch mehr Jugendliche für eine duale Ausbildung begeistern“, sagt IHK-Geschäftsführerin Heike Krier. „Zu viele Jugendliche wissen nicht, dass Menschen mit Ausbildung und einer entsprechenden Weiterqualifizierung genauso gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben wie Akademiker.“

Auch Georg Stoffels, Geschäftsführer der Handwerkskammer Aachen, betont: „Der Meister ist gleichwertig mit einem Bachelor-Abschluss. Das müssen wir den jungen Leuten noch stärker deutlich machen.“ Der Meister entspricht im deutschen und europäischen Qualifikationsrahmen dem Niveau 6 – genauso wie der Bachelor. 2013 habe es erstmals mehr Studenten als Azubis gegeben, sagt Stoffels. Studien prognostizierten, dass 2030 bis zu eine Million Fachkräfte fehlten. „Und wo kaufen die Akademiker denn zukünftig ihre Brötchen, und wer deckt ihnen das Dach?“, fragt Stoffels.

Wie wollen HWK und IHK diesen Trend stoppen?

Sie wollen neue Zielgruppen ins Visier nehmen. So bieten sie verkürzte Ausbildungen für Studienabbrecher an – die bereits im Studium erworbenen Kenntnisse werden angerechnet. „Switch“ (dt. wechseln) heißt das Programm bei der IHK, „Reset“ (dt. Neustart) hat die HWK ihres getauft. Ein weiterer Ansatz im Handwerk: das Berufsabitur, mit dem leistungsstarke Jugendliche für eine Ausbildung gewonnen werden sollen. Dieses Modellprojekt startet zum 1. August im Kammerbezirk Köln und soll bei entsprechendem Erfolg auf alle Kammerbezirke ausgedehnt werden. Es ermöglicht jungen Menschen innerhalb von vier Jahren parallel eine Ausbildung zu machen und zeitgleich das Abitur zu erwerben. Abiturzeugnis und Gesellenbrief in einem. „Natürlich hoffen wir dann darauf, dass die jungen Menschen danach im Betrieb bleiben – und nicht an die Unis abwandern“, sagt Stoffels.

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