Firma Anker: Dürener bauen auf ihren fliegenden Teppich

Von: Thorsten Karbach
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Moderne Technologie und Handarbeit: Die Teppichböden entstehen natürlich maschinell, aber die Vor- und Nacharbeiten sind weiterhin Handarbeit. Foto: Andreas Steindl
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Vor allem das Handwerk der Nopperin bleibt unverzichtbar. Hier werden kleine Fehler ausgebessert. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Die Schränke? Massiv Eiche. Tisch und Stühle? Schweres Holz. Der Fußboden? Teppichboden. Natürlich. Schließlich wird der rund um das Büro von Gerd Hoffe produziert. Und das seit 1854 an Ort und Stelle in Düren.

Es war Leopold Schoeller, der das Unternehmen gründete, anno 2015 ist es Markus Schoeller, der in sechster Generation an der Seite von Gerd Hoffe und Erwin Landherr bei der Anker-Teppichboden Gebrüder Schoeller GmbH + Co. KG die Geschäfte führt.

Es ist ein Haus mit großer Tradition. Die Geschichte wurde festgehalten – auf großformatigen Gemälden auf den Fluren der Verwaltung. Es gab Zeiten, da hat sich die Firma einen Industriemaler geleistet. Die Bilder lassen die Vergangenheit lebendig bleiben, sie zeigen etwa den Gleisanschluss, der einst auf dem Werksgelände endete. Den gibt es nicht mehr. Viel hat sich verändert. Die Bilder sind geblieben. Doch das Unternehmen ist definitiv in der Gegenwart angekommen und hat sich für die Zukunft aufgestellt. Vor zwei Jahren gab es – nach zugegebenermaßen schweren Zeiten – einen Relaunch, der sich den Aachener Marketingpreis verdiente. Doch es gibt viele gute Gründe, das Unternehmen am 23. März in unserem IHK-Forum vorzustellen – es ist das 41. seiner Art.

Die Firma ist nach eigenen Angaben die älteste und größte Teppichweberei in Europa und hat sich mit bewährten Produkten neu in Szene gesetzt. Die Teppichböden, die ausschließlich für das sogenannte Objektgeschäft gefertigt werden, also für Büros, Versicherungen, Krankenhäuser, Flugzeuge und ähnliches, bleiben das Fundament der Firma, aber die Präsentation ist eine Neue: Die Farben der Böden haben Namen bekommen, die Namen erzählen Geschichten. Das kommt an. Der Absatz wuchs im selben Jahr um acht Prozent, während die Branche zehn prozent Verlust hinnehmen musste.

Bewusst auf die Marke gesetzt

„Anker definierte sich lange über Funktionalität und Qualität. Nun haben wir bewusst auf Marke gesetzt“, erklärt Gerd Hoffe. Das zentrale Produkt hört auf den Namen Perlon Rips. Hoffe betont, dass dieses Perlon Rips einmalig auf der Welt sei. „Wir haben ein Geheimrezept wie Coca-Cola“, sagt er. Es gibt dieses Perlon Rips nun in Farben die Mystic Dark, Stormy Northsea, Look at the Sky, Just Before Midnight, Oh! Olive, Aubergine Purple und Hello Pumpkin heißen. „So konnten wir den Teppichboden emotionalisieren“, erklärt Thomas Riesmeier von der beteiligten Markenagentur Kywi. Über diese 36 Farben, darunter auch Confused Violet oder auch Brownie Brown, hinaus hat das Dürener Unternehmen die weltweite Lizenz für die Farbklaviatur des berühmten Schweizer Architekten und Designer Le Corbusier. Diese umfasst 63 Farben in vier Qualitäten (Schlinge und Velours).

Für das 18-Quadratmeter-Wohnzimmer sind diese nicht bestimmt, mindestens 200 Quadratmeter müssen abgenommen werden. Die Verwaltung und Lindt & Sprüngli läuft über einen Dürener Ankerboden. Die Vorstandsetage der Deutschen Bank steht buchstäblich auf Anker-Teppichen in der Qualität Kaschmir. Auch beim FC Bayern München wurde Ankerboden verlegt. Es gibt wasserdichte Teppichböden und feuerfeste Beläge, die in Flugzeugen ausgerollt werden.

Auf diesem begehrten Markt ist Anker aus Düren weltweit die Nummer 2, zählt mehr als 50 Airlines zur Kundschaft aus fast ebenso vielen Ländern. Der dunkelblaue Lufthansa-Boden liegt in den Werkshallen in Düren ebenso aufgerollt bereit wie der gemusterte Boden für Air Emirates – in Rollen mit je 51 Metern. Verlegt wird dann gleichermaßen in Airbus-, Boeing- und Bombardiermaschinen. „Wir sind dabei zertifiziert wie ein Triebwerkhersteller, denn Boden ist ein sicherheitsrelevantes Bauteil“, erläutert Hoffe.

Im Weißraum, einer Halle am Ende eines Flures, den die Verantwortlichen Teststrecke nennen, weil hier alle möglichen Anker-Teppichvarianten aneinandergereiht liegen, werden wirkungsvoll neue Farben und Designs in Szene gesetzt.

Hier gibt es einen Boden, der zeigt, wo die Reise im Flugzeugbereich hingeht: Verstärkungen, die den Trolley der Stewardessen führen, dünnere und damit leichtere Abschnitte unter den Sitzen, wo es keine Abnutzung gibt und massierende Strukturen dort, wo auf Langstrecken die Füße abgestellt werden. Gerade das Thema Gewicht bewegt die Branche.

Wenn in einem Flugzeug 350 bis 400 Quadratmeter Teppichboden verlegt werden, dann ist es ein Unterschied, wenn der Belag pro Quadratmeter ein Kilo weniger wiegt. Ankers „fliegende Teppiche“ sind solche Leichtgewichte. Und die Konsequenz ist für jede Airline interessant: Ist der Teppich leichter können mehr Passagiere mitfliegen oder mehr Gepäckstücke transportiert werden oder es wird leichter geflogen und so teures Kerosin gespart. „Wir sind schon ein Spezialunternehmen“, betont Hoffe. Und so liegen Dürener Teppichböden überall auf der Welt.

Der Blick geht nach unten

Das hat Folgen. Wenn Gerd Hoffe auf Reisen ist, dann schaut er zwangsläufig auf den Boden – in Flugzeugen wie auch in Hotels und Bürotürmen. Wetten, dass er einen Anker-Teppichboden sofort erkennt!

35 Prozent der Dürener Produktion werden mittlerweile exportiert. In diesem Jahr wird mit 40 Prozent gerechnet. Das Wachstum ist zurück im Unternehmen. Anker-Teppichboden ist der größte Verarbeiter von Wolle für Teppichböden in Deutschland. Und er ist bereit für neue Herausforderungen. Dafür steht die modernste Maschine der Welt: Die vollautomatische Webmaschine des belgischen Weltmarktführers Van De Wiele wendet Jacquard-Technologie ein, wie sie besser nicht zum Tragen kommen könnte. Hier wird jeder Faden individuell gesteuert. 1400 Spulen befinden sich im Spulengatter hinter einem Jacquard-Webstuhl zur Herstellung einer zwei Meter breiten Webware. Das macht alle erdenklichen Muster deutlich: Karos, Streifen, Linien, alles. Die Teppichfertigung kennt so immer weniger Grenzen.

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