Brüssel - Feuer und Flamme für die Forschung

Feuer und Flamme für die Forschung

Von: Thorsten Karbach
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Ein brennendes Thema: Die Rohstoffvorkommen in Europa sind endlich. Die EU will die Versorgung, beispielsweise dieses Hochofens, gesichert sehen. Dafür werden zig Millionen bereit gestellt. Die Hochschulen aus NRW, auch die RWTH Aachen, wollen diese Mittel akquirieren. Foto: dpa
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Gibt der Forschung aus NRW eine Stimme in Brüssel: Wissenschaftsministerin Svenja Schulze.

Brüssel. Wenn es um Rohstoffe geht, dann ist die Visitenkarte von unschätzbarem Wert. Eine solche Visitenkarte will das Land NRW, genauer das Wissenschaftsministerium, dort abgeben, wo viel Geld in die Forschung in Sachen Rohstoffe investiert wird – in Brüssel, wo die EU Milliarden Euro Fördermittel vergibt.

Deswegen steht ein Mann wie Professor Thomas Pretz in der Landesvertretung Nordrhein-Westfalen und berichtet von „Recycling 2.0“, von den (technischen) Möglichkeiten und Chancen, wertvolle Rohstoffe aus Abfall zu gewinnen. Der RWTH-Prodekan der Fakultät für Georessourcen und Materialtechnik steht dabei für Spitzenforschung aus NRW, speziell aus Aachen, und der will das Wissenschaftsministerium an diesem Tag in Brüssel ein Forum geben.

Die Zuhörer sind aus Politik, Industrie und von Verbänden, aus allen möglichen EU-Ländern. Sie alle eint Einfluss, und der kann die Forschung weiterbringen. Übersetzt heißt die englische Veranstaltung etwa so viel wie: „Große Herausforderungen: Antworten aus Nordrhein-Westfalen“ (Grand Challenges). Und diesmal geht es um die Sicherung der Rohstoffversorgung in der EU.

Was dahinter steckt ist allgegenwärtig: Es geht um Lobbyarbeit. Es geht darum, die Forschung aus NRW in Brüssel dort bekannt zu machen, wo die Entscheidungen getroffen werden – in der EU-Kommission wie auch in der Industrie. „Es ist eine Leistungsschau. Wir wollen zeigen, was wir können“, sagt Wissenschaftsministerin Svenja Schulze – das Land vertreten dabei die RWTH-Wissenschaftler Thomas Pretz und Bernd Friedrich, dazu Professor Stefan Bringezu vom Wuppertal Institut und Professor Wolfgang Schneider vom Unternehmen Hydro Aluminium, das eng mit der RWTH zusammenarbeitet. Das Thema Rohstoffe – von der Gewinnung bis zum Recycling – ist ein exzellentes, um Selbstbewusstsein dank Spitzenforschung zu demonstrieren.

Schlüsselspieler aus NRW

In Nordrhein-Westfalen wurde an diesem Problem schon geforscht, da wussten andere Länder noch nicht, dass es das Problem überhaupt gibt. Das sagt jedenfalls Mattia Pelligrini, Referatsleiter „Rohstoffe, Metalle, Mineralien und holzverarbeitende Industrien“ bei der EU-Kommission. Er nennt die Forscher aus NRW „key-player“, also Schlüsselspieler. Seine Worte sind wichtig. Über seinen Schreibtisch laufen die Forschungsprogramme. Solche Signale hören die Aachener gerne.

Um die Rohstoffversorgung in Europa zu sichern, hat die Europäische Kommission bereits eine Europäische Innovationspartnerschaft für Rohstoffe auf den Weg gebracht. EU-Länder, Unternehmen, Forscher, nicht-staatliche Organisationen und andere sollen mit neuen Technologien die Zukunft gestalten. Die Rohstoffsicherung zählt zu den großen Herausforderungen Europas. Denn die großen Vorkommen liegen in anderen Teilen der Erde. Die Abhängigkeit von Importen ist ein Problem, Recycling ein Lösungsansatz.

In einem ersten, wichtigen Schritt wurde gestern eine sogenannte Knowledge and Innovation Community (KIC) von der Kommission auf den Weg gebracht. Das steht für eine Art Wissens- und Forschungsgemeinschaft. Und jetzt geht es vor allem um die Frage: Wer ist dabei?

Die RWTH Aachen will unbedingt dabei sein. Im Aachener Kompetenzzentrum Ressourcentechnologie (AKR) ist das Wissen der Hochschule im Bereich der Rohstofftechnologien bereits gebündelt. Das sind immerhin mehr als 20 Institute. Mit dem Open-Innovation-Forschungscluster „Advanced Metals and Processes“ wurde ein Netzwerk geschaffen, in dem RWTH-Institute und Unternehmen aus der Metallindustrie wie Ford, Magma, Hydro und Trimet die Forschung vor allem am Beispiel Aluminium vorantreiben.

Ein Pfund, mit dem Aachen wuchern kann. Und unter dem Namen „Raw Matters“ gibt es ein internationales Konsortium aus 40 Partnern. Ein Antrag für das neue KIC wird gestellt. Koordiniert wird es in Schweden, einen Standort soll es möglichst in Aachen geben. Die Erfahrungen in Metallurgie und Recycling sind enorm. Doch das müssen die Entscheidungsträger auch wissen. „Wir haben ideale Voraussetzungen dafür, die Wertschöpfungsketten von Rohstoffen zu verbessern“, sagt Wissenschaftsministerin Schulze.

Natürlich ist es wichtig, vor dem Auditorium die Forschung vorzustellen, ein paar Grafiken zu erläutern, Zahlen zu nennen, Chancen aufzuzeigen. Doch mindestens genauso wichtig ist es, vorher dank des Wissenschaftsministeriums in einem Büro der Landesvertretung mit Mattia Pelligrini zusammenzusitzen, ein paar Positionen auszutauschen, Einladungen auszusprechen. In diesem Jahr wird noch in Perus Hauptstadt Lima, auf Grönland, in Athen und zweimal in Brüssel über Rohstoffe gesprochen. Es sind offene Worte, die da hinter verschlossene Türen fallen. Für die Wissenschaftler ist der kleine Kreis eine große Chance. „Aus der Positionierung wächst Reputation, daraus entstehen Forschungsaufträge“, erläutert Pretz. Und genau darum geht es am Ende. Und zwar vor wie nach dem offiziellen Teil.

Während die Techniker noch Mikrofon und Beamer abbauen, wird nebenan das Netzwerk der Lobbyisten weiter geknüpft. Es gibt Kaffee und Kontakte, dazu ein Mittagessen. Wer in Brüssel im Dunstkreis der EU arbeitet, der verbringt zig Stunden so. Es sind keine Luftschlösser, die bei Vitello Tonnato und Windbeuteln gebaut werden. Es sind Brücken zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Immer wieder wechseln die Gesprächsrunden, trifft Industrie auf Wissenschaft und Politik. Daraus entstehen tatsächlich Partnerschaften und Geschäfte. Das Interesse ist groß, die meisten sind Feuer und Flamme für diese Forschung. In Europa hängen rund 300 Millionen Arbeitsplätze von der Verfügbarkeit von Rohstoffen ab.

„Wir müssen ganz viel Lobbyarbeit leisten, um uns als Ansprechpartner ins Gespräch zu bringen. Das ist für uns Pflichtprogramm“, sagt Pretz. „Wir müssen in einem starken Wettbewerb Drittmittel akquirieren.“ Und dafür müssen die Forscher mit breiter Brust auftreten. Zeigen, was sie können. Es ist eine Ellbogengesellschaft, die um die Fördertöpfe streitet. Die Besten müssen sich auch zeigen. Sie müssen überzeugen und begeistern. 2012 wurde so eine Milliarde Euro Drittmittel von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der EU und von Unternehmen akquiriert, allein an der RWTH waren es mehr als 320 Millionen Euro. Und die Rolle der EU wird groß und größer. Hier gibt es viel Geld zu verteilen. Allein im Rahmen von „Horizon 2020“ liegen von 2014 bis 2020 rund 77 Milliarden Euro Fördermittel bereit.

Zum zehnten Mal hat das NRW-Wissenschaftsministerium zu einer Veranstaltung der „Grand Challenges“ geladen. Es ist nicht selbstverständlich, das Bundesländer oder überhaupt Länder ihren Wissenschaftlern ein solches Forum in Brüssel bieten. Zwei bis drei Veranstaltungen gibt es im Laufe des Jahres. „Es ist wunderbar, dass uns das Ministerium unterstützt, uns an diesem Punkt in Stellung zu bringen“, erklärt Pretz. „Wir wollen zeigen, dass Aachen die Nummer 1 ist“, sagt Professor Bernd Friedrich, Leiter des Instituts Metallurgische Prozesstechnik und Metallrecycling der RWTH Aachen.

2,4 Milliarden Euro

Dass gestern eine KIC „Rohstoffe“ auf den Weg gebracht wurde, passt bestens. Drei dieser Wissens- und Forschungsgemeinschaften gibt es bereits – zu Klimawandel, Energieversorgung und Innovationen in der Informations- und Kommunikationstechnologie. Gestern wurden zwei weitere auf den Weg gebracht, neben Rohstoffen geht es um „Gesundes Altern“, 2016 folgen zwei weitere, 2018 eine neue KIC – im EU-Programm „Horizon 2020“ gibt es dafür 2,4 Milliarden Euro. So eine KIC soll bis zu zehn Jahre von der EU gefördert arbeiten, bei einem Jahresbudget von 100 Millionen Euro, wobei 75 Millionen aus den Ländern und von Industriepartnern investiert werden. Dafür braucht es eben Partnerschaften zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Und genau dafür werden an den Stehtischen die Visitenkarten ausgetauscht. So macht sich die Forschung aus NRW in Brüssel einen Namen.

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