Aachen - Experten diskutieren an der RWTH über die Zukunft der Elektromobilität

Experten diskutieren an der RWTH über die Zukunft der Elektromobilität

Von: Joachim Zinsen
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Welche Art von Elektrofahrzeugen wird sich am Markt behaupten können? Foto: Andreas Steindl
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Darüber diskutierten an der RWTH Aachen Günther Schuh (v.l.), Andreas Cerbe, Armin Schnettler und Christoph Roggendorf. Das große Foto zeigt den Elektrokleinwagen e.Go aus Aachen. Foto: Roeger

Aachen. Vorab: Es war ein launiger Abend. Dabei stand ein ernstes und hochaktuelles Thema zur Debatte. Hängt von der Elektromobilität das Wohl und Wehe der Energiewende ab? Damit beschäftigte sich am Mittwoch eine von Armin Schnettler, Leiter des Instituts für Hochspannungstechnik an der RWTH Aachen, moderierte Expertenrunde.

Dass die Veranstaltung nicht zu einer trockenen, nur um technische Details kreisenden Diskussion wurde, lag vor allem an einem der drei Gäste – an Günther Schuh.

Schuh, Direktor des Werkzeugmaschinenlabors an der RWTH sowie Vater der Elektrofahrzeuge Streetscooter und e.Go Life, ist ein Ingenieur mit hohem Selbstdarstellungsvermögen und großer Entertainqualität. Gewohnt wortgewaltig stellte er fest: Reine Elektroautos werden auch künftig nur eine Marktchance haben, wenn sie als Kurzstreckenfahrzeuge für den Verkehr in Ballungsräumen ausgelegt sind.

Alle anderen Ideen „können Sie vergessen“, erklärte Schuh den rund 350 Zuhörern apodiktisch. E-Fahrzeuge, die in der Lage sind, ohne einen Lade-Stopp auch Distanzen von 600 oder 700 Kilometer zurückzulegen, würden dauerhaft an ihrem zu hohen Preis scheitern. Sie seien schlichtweg massenuntauglich.

„Allein deren Batterie kostet nämlich zwischen zehn- bis zwölftausend Euro, da hat man aber noch kein Auto dabei“, betonte Schuh. Deshalb werde sich auch der US-amerikanische Tesla nicht durchsetzen. „Das Geschäftsmodell des Konzerns wird hochgradig defizitär bleiben“, glaubt Schuh. Ähnliches gelte für viele der 45 E-Fahrzeugmodelle, die derzeit von der Autobranche entwickelt werden. „Die Hälfte von ihnen geht an den Bedürfnissen des Marktes vorbei, weil sie zu teuer sind.“ Auf Langstrecken sei das Auto der Zukunft der Hybrid, insbesondere für Leute wie ihn, die gerne einmal „etwas schneller“ fahren wollen.

Mehr als ein Zweitwagen

Auch den Nutzen von E-Fahrzeugen für die Umwelt relativierte Schuh. „Beim heutigen Strom-Mix ist die Öko-Bilanz eines kleinen E-Autos mit kleiner Batterie – verglichen mit einem Diesel der Euro 6-Norm – nach rund 30 000 gefahrenen Kilometern positiv. Bei großen E-Autos mit großer Batterie erst nach 80 000 Kilometern.“ Mit Elektrofahrzeugen werde die gesamte CO2-Problematik nicht gelöst. Sie könnten aber wesentlich dazu beitragen, dass sich die Luft in den Städten deutlich verbessere.

Widerspruch erntete Schuh von Christoph Roggendorf, der sich bei Porsche Engineering um die E-Mobilität kümmert. Er sieht das E-Auto nicht nur als kleinen Zweitwagen für die Stadt. Roggendorf glaubt auch an das E-Fahrzeug im Langstreckensegment. Natürlich sei eine bezahlbare Lösung der Schlüssel zum Erfolg. „Aber die Preise für Batterien werden fallen“, prognostizierte Roggendorf.

Natürlich müssten E-Autos auch einen ähnlichen Komfort bieten wie die heutigen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Genau deshalb gelte es jetzt, eine ausreichende Ladeinfrastruktur an Fernstraßen aufzubauen. Warum das bisher noch nicht geschehen ist? „Es ist wie mit der Henne und dem Ei“, erklärte Roggendorf. Weil es die Infrastruktur noch nicht gebe, sei der Verkaufserfolg von E-Fahrzeugen überschaubar. Dies wiederum führe dazu, dass mit Ladestationen noch kein Geld zu verdienen sei und zu wenig in sie investiert werde.

Roggendorf hält es für durchaus möglich, dass Autobahn-Stationen künftig 30 bis 35 Schnellladepunkte aufweisen, an denen E-Fahrzeuge in 15 bis 20 Minuten soweit „aufgetankt“ sind, um mit ihnen wieder bis zu 400 Kilometer fahren zu können. Technisch sei das machbar.

Kein Hemmschuh

Die Ladestruktur werde langfristig kein Hemmschuh für die Elektromobilität sein, erklärte auch Andreas Cerbe, Netzvorstand von Rheinenergie Köln. Er betonte, selbst eine deutlich höhere Zahl von E-Autos werde das Niederspannungsnetz in den Städten nicht überfordern. Auch wenn alle Besitzer von E-Fahrzeugen abends daheim oder an öffentlichen Ladestationen ihre Autos an die Steckdose anschließen, wäre das für die Energieversorger mit „smarten Lösungen“ machbar.

Cerbe brachte zudem einen spannenden Gedanken in die Debatte ein, der jedoch nur andiskutiert wurde: Die Verkehrslage in Städten werde sich möglicherweise bald entzerren, weil Teile der jüngeren Generation heute nicht mehr den Besitz eines Autos für sich persönlich als unabdingbar empfinden würden. Seiner Beobachtung nach setzen sie auf Car-Sharing.

Bei all ihren unterschiedlichen Positionen in Detailfragen waren sich die Diskutanten in einem Punkt grundsätzlich einig: Der Elektromobilität gehört die Zukunft. Von alleine werde sie aber nicht reüssieren. Deshalb müssten jetzt die richtigen Weichenstellungen vorgenommen werden.

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