Erfolgsmodell: Eine Toilette für unterwegs

Von: André Schaefer
Letzte Aktualisierung:
Marc Collinet
Zusammengefaltet ist das Taschenörtchen „Adamus“ kaum größer als ein Portemonnaie. Marc Collinet ist es gelungen, aus seinem Produkt ein Erfolgsmodell zu machen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Für die großen Gefühle ist in der Welt der knallharten Geschäfte meist kaum Platz. Das weiß auch Marc Collinet, als langjähriger Banker und Unternehmensberater hat er die Spielregeln auf dem Wirtschaftsmarkt zwischen Unternehmen kennengelernt.

Und doch wollte der 45-Jährige den Ruf seines Herzens vor vier Jahren nicht komplett ignorieren. Ja, man könnte fast behaupten, er befand sich auf Wolke sieben, denn Colinet war verliebt. „Einfach verliebt in dieses Produkt“, sagt er.

Dieses Produkt, von dem Collinet da spricht, ist nichts anderes als ein mobiles, stilles Örtchen, also die Toilette zum Mitnehmen. „Adamus“ für Männer und „Evamus“ für Frauen heißen die beiden Produkte, denen Collinet sozusagen sein Herz geschenkt hat. Heute weiß er: Sein Gefühl hat ihn nicht getäuscht, es hat ihn sogar auf den richtigen Pfad gelenkt.

Die Geschichte der Adamus Group GmbH beginnt irgendwann im Frühjahr 2011, als Collinet ein Insolvenzverfahren zweier Unternehmer begleitet, die soeben mit ihrer Geschäftsidee in der Sackgasse gelandet waren. Die beiden hatten da einen außergewöhnlichen Plan entwickelt, eine Maschine, die kleine mobile Toiletten produziert.

Das Problem: Ihr Plan ging nicht auf. Collinet half den beiden Männern nicht nur, aus der Insolvenz wieder herauszukommen, er machte ihnen ein unerwartetes Angebot: Collinet wollte ihnen die 2,2 Millionen Euro teure Maschine abkaufen und sich die Rechte des Taschenörtchens sichern. Der Deal kam zustande, Collinet wurde Unternehmer und die mobile Toilette für Mann und Frau erhielt ihre zweite Chance, sich zu etablieren.

So weit, so gut, könnte man meinen. Doch die Geschäftsidee von der Toilette für unterwegs besaß auch in Collinets Händen zunächst nicht das Potenzial, ein Erfolgsmodell zu werden. Das musste er Anfang 2012 kurz nach der Markteinführung des Produkts recht schnell feststellen: „Reden wir über eine Taschen-Toilette und über das menschliche Grundbedürfnis, auf Klo gehen zu müssen, dann reden wir immer noch über ein Tabuthema“, sagt Collinet.

Es ist nicht allein der Nutzen des Produkts, der den neutralen Beobachter zunächst die Stirn runzeln lässt; auch die Erscheinung der Taschen-Toilette ist außergewöhnlich, sie ist ungewohnt. 750 Milliliter Fassungsvermögen bietet dieser kleine Plastikbehälter, der zusammengefaltet nicht den Eindruck erweckt, als könne er die menschliche Blase in unpassenden Momenten erleichtern.

Doch exakt damit wirbt Collinet, dafür steht sein Produkt: „Es ermöglicht sowohl Männern als auch Frauen, den menschlichen Bedürfnissen nachzukommen – unabhängig von Ort und Zeit“, sagt Collinet.

Geruchsfrei und auslaufsicher

Nach dem Entfalten der blauen Kunststoff-Folie gleicht die Kontur der kleinen Toilette der einer Urinflasche. Die Öffnung wird durch einen Kunststoff-Ring stabilisiert, im Inneren des Produkts bindet ein superabsorbierendes Vlies die Flüssigkeit zu einem Gel, das vollständig geruchsfrei und auslaufsicher ist. Das weibliche Modell „Evamus“ besitzt zudem einen zusätzlichen Trichter, um die Nutzung zu erleichtern.

Nach dem Gebrauch kann der Plastikbehälter verschlossen und im Restmüll entsorgt werden. „Ich sah von der ersten Sekunde an ungezählte Zielgruppen“, sagt Collinet. „Inkontinente Menschen, Massenveranstaltungen wie Festivals oder Lkw-Fahrer“, sagt er. Selbst ein Modell für Kinder („Minimus“) brachte Collinet auf den Markt. Und dennoch: Die Etablierung seiner Taschen-Toilette erwies sich als größere Herausforderung als zunächst angenommen.

Umso erstaunlicher ist die Methode, die Collinet wählte, um mehr Aufmerksamkeit zu erlangen. Gemeinsam mit einem PR-Experten entwickelte er Deutschlands ersten Wildpinkler-Atlas, eine Übersicht, in welchen Kommunen welche Bußgelder für Wildpinkler anfallen. 2014 erschien Collinets Atlas auf der Titelseite der „Bild“-Zeitung. „Ab diesem Punkt war uns die Aufmerksamkeit sicher“, sagt er und lacht. „Mit Ernsthaftigkeit kommst du bei diesem Produkt nicht weit.“

Dass er seine skeptischen Zuhörer nicht nur zum Lachen bringt, sondern sie auch von seinem Geschäftsmodell überzeugen kann, das bewies Collinet 2013 bei der Wachstumsinitiative AC², wo er den dritten Platz erreichte. Im vergangenen Jahr machte er zudem vor 1,9 Millionen Zuschauern in der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ auf sich aufmerksam.

Die Erfolgsshow auf VOX bietet Unternehmern eine Plattform, eine fünfköpfige Jury – bestehend aus Großinvestoren – von ihrer Geschäftsidee zu überzeugen. Gleich drei der fünf Jurymitglieder sprangen auf den Zug auf und boten Collinet 150.000 Euro für 27 Prozent Firmenanteil. Collinet war einverstanden, das Geld hat er nie gesehen. „Es kam nie zu dem Deal“, sagt er. „Das ist eine Show, da hat der Handschlag in der Sendung nichts zu bedeuten.“

Produkt wird weiterentwickelt

Enttäuscht ist Collinet darüber nicht – im Gegenteil: „Ich habe bekommen, was ich wollte“, sagt er. „Eine bessere PR konnte es für mich nicht geben.“ Unmittelbar nach Ausstrahlung der Sendung verzeichnete der 45-Jährige eine enorme Nachfrage.

Die Drogeriemarktkette dm gehört inzwischen zu einem seiner Hauptkunden. Neben Kunden in den USA, Kanada oder Japan hat „Adamus“ sich besonders im medizinischen Bereich etablieren können, Krankenhäuser gehören zu Collinets ständigen Abnehmern.

Das Zentrums seines Geschäftsmodells steht in Halberstadt in Sachsen-Anhalt. Die Produktionsmaschine fertigt zehn Millionen Taschen-Toiletten pro Jahr. „Wir sind ein High-Tech-Produktionsbetrieb“, sagt Collinet. „Unsere Stärke ist unsere Massenproduktion.“ Der Erfolg der vergangenen Jahre könnte Collinet nun allzu leicht dazu verleiten, sich gemütlich zurückzulehnen.

Doch der 45-Jährige ist mit seinen Gedanken bereits beim nächsten Schritt: einem Taschenörtchen mit Biokompatibilität, eine mobile Toilette also, die sich nach dem Gebrauch komplett zersetzt. „Das ist der entscheidende Schritt, der aus einem guten Produkt ein sehr gutes macht“, sagt Collinet.

In Kooperation mit den Polymerwissenschaften der Fachhochschule Aachen arbeitet Collinet derzeit an einem Prototypen, Ende des Jahres soll er fertig sein. „Ich kann es kaum erwarten“, sagt Collinet und grinst. Gut möglich, dass er sich schon bald ein zweites Mal verlieben wird.

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