Entscheidend ist, ob der Markt für eine Idee da ist

Von: Thomas Vogel und Thorsten Karbach
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Thorsten Keding hatte einen großen Faible für Automobile und handelt nun mit Oldtimer-Teilen. Foto: Andreas Steindl, Thomas Vogel
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Sie wurden von Leidenschaft getrieben, haben aber auch den Markt nicht missachtet: Sabine Booms (von links) und Andera Gadeib haben bei einem Ausritt die Idee zu ihrer Online-Tierheilpraxis entwickelt. Foto: Andreas Steindl, Thomas Vogel
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Hat Ihren Markt gefunden: Schuhdesignerin Claudia Kieserling (Selve) hat ihre Leidenschaft für Schuhe zu einer Unternehmensgründung bewegt. Foto: stock/ Michael Westermann

Aachen. Das Glück der Erde liegt ja bekanntermaßen auf dem Rücken der Pferde. Dort, bei einem Ausritt, haben Sabine Booms und Andera Gadeib ihre Geschäftsidee entwickelt – wohl wissend, dass es am Ende aber mehr als Glück braucht, um auch erfolgreich sein zu können.

Die Tierheilpraktikerin Booms und die erfahrene Gründerin Andera Gadeib, die vor allem mit ihrer Marktforschung Dialego AG bekannt ist, waren bei den gemeinsamen Ritten von Leidenschaft getrieben, als sie aus einer Idee „lets-balance.de“ werden ließen, eine Art Online-Tierheilpraxis.

Die Tierliebhaberinnen

Booms ist seit 2006 geprüfte Tierheilpraktikerin mit einer mobilen Praxis. Sprich: Sie fährt zu den Leuten und behandelt deren Tiere homöopathisch. Bei lets-balance.de ist der Weg ein anderer: Die Tierhalter schicken der neuen Firma ein paar Haare ihres Tieres, diese werden mit einem speziellen digitalen Diagnose Gerät, einem Unikat, das Gadeib in den USA entdeckt hat, etwa 15 Minuten lang analysiert. Das Gerät prägt eine individuelle Minerallösung für eine Energie-Therapie des Tiers, und Booms formuliert eine verständliche Diagnose. Beides geht dann per Post zum Kunden, bei Bedarf gibt es am Telefon weitere Erklärungen. Auch das Futter kann analysiert werden. Letztlich kommt das Know-how von Tierheilpraktikerin, Programmierern und Mess-Experten zusammen. Ein ähnliches Modell gibt es in Deutschland kein zweites Mal. Und einen Markt?

Gadeib hat schon andere Unternehmen gegründet. „Beim zweiten oder dritten Digitalunternehmen wird es leichter“, sagt sie. Die Risiken seien klar. Leidenschaft ist gewiss ein guter Grund. Aber es braucht mehr als Tierliebe und Begeisterung für die Heilpraxis. „Leidenschaft ist auf der einen Seite ein wichtiges Fundament, denn wenn ich etwas mit Leidenschaft betreibe, dann ist gesichert, dass ich mich ausreichend engagiere. Aber es birgt auch die große Gefahr, dass ich mich in eine Sache verrenne und so ein bisschen betriebsblind werde“, erklärt Frank Piller, Inhaber des Lehrstuhls Technologie und Innovationsmanagement an der RWTH Aachen. Denn auch der Bedarf für ein Produkt oder eine Leistung müsse da sein, sonst hilft auch die größte Leidenschaft nicht weiter. Überhaupt: Ein Unternehmen zu gründen braucht neben der guten Idee und dem Markt auch Geld und Mut. Selbst wenn diese Region dank der Hochschulen dem Trend immer ein wenig trotzt: Seit vier Jahren sinkt in Deutschland die Zahl der gewerblichen Gründungen. Das sagt zumindest das Institut für Mittelstandsforschung in Bonn. Im ersten Halbjahr 2013 wurden 174.000 Gründungen gezählt, im darauf folgenden Halbjahr waren es 164.100 – also 9900 weniger.

Booms und Gadeib haben im Januar so richtig begonnen. Gadeib hat die Kontakte in der digitalen Welt, Booms die Fachkompetenz in der Tierheilkunde. Sie nennen ihre Geschäftsidee eine „Mädchenidee“, zwei Frauen, von der Liebe zu Tieren motiviert – aber eben auch im Wissen um den Bedarf: „Wenn einem akut oder chronisch kranken Tier beim Tierarzt nicht mehr geholfen werden kann oder Ursachen für eine Erkrankung unklar bleiben, dann müssen Tiere oft ein Leben lang Kortison oder Antibiotika nehmen. Das kann kein Tierhalter wollen“, erläutert Booms. Die Energiemedizin von „lets-balance.de“ könne diesen Tieren neue Perspektiven geben. Die beiden Gründerinnen berichten von verblüffenden Resultaten.

Etwa bei dem Kater, der immer wieder Haare auf dem Rücken verlor. Nach Analyse und Einnahme der Energiemedizin, im Grunde eine homöopathische Wasserlösung, wuchsen die Haare wieder. Selbst Flohmittel, die vor zwei Jahren einmal verabreicht worden waren, ließen sich noch nachweisen, ebenso Konservierungsstoffe im Futter. Und alles kann dem Tier schaden. Ein bisschen Glaube gehört wohl dazu – aber der versetzt ja bekanntermaßen Berge. „Entweder man ist überzeugt von unserer Idee und der Aussicht auf Heilung oder nicht“, sagt Gadeib. Sie und Booms sind überzeugt.

Der Oldtimerfreund

Ein paar Pferde mehr, wenn auch nicht alle im besten Gesundheitszustand, haben die Leidenschaft in Thorsten Keding entfacht. Sie steckten unter der Haube eines klapprigen Fiat für 800 Mark. Sein erster Wagen, der nicht wie selbstverständlich gefahren ist. Keding musste schrauben und hat darüber seine Leidenschaft für alte Autos entwickelt. Bis er aber auch beruflich in diesem Metier unterkam, brauchte es vier Jahre Arbeit als Bauingenieur und die Erkenntnis, dass so nicht der Rest seines beruflichen Lebens aussehen sollte. Irgendwann las Keding das Inserat eines Teilehändlers für britische Autos, der jemanden für die Überarbeitung seiner Homepage suchte. Das Ende vom Lied: Innerhalb von drei Monaten kündigte Keding seinen alten Job und fing bei dem Teilehändler an. „Aber immer schon mit der Intention, etwas eigenes aufzubauen“, sagt er. Drei Jahre später gründet er, zieht in ein winziges 20 Quadratmeter-Büro. Mit einem VW-Bus beschafft er am Wochenende Teile von der Insel, verteilt sie in der Woche aus einer Doppelgarage an seine Kunden.

Mittlerweile besteht seine Firma im achten Jahr, ist kontinuierlich gewachsen. „Na klar hat man zu Beginn einer Gründung meist auch naive Vorstellungen. Passion und Leidenschaft als Triebfeder für die Selbstständigkeit muss man deshalb knallhart hinterfragen“, erklärt Keding. Die IHK lobt er in dieser Hinsicht explizit. „Die haben damals echt einen guten Job gemacht und sich viel Zeit genommen, um Schwächen des Konzepts mit mir zu besprechen.“ Auf keinen Fall dürfe die Gründung ein „Blindschuss“ aus reiner Begeisterung werden. Allerdings halte er Leidenschaft für einen optimalen Motor, um eine gut geplante Firmengründung ohne Totalschaden über die ersten Jahre zu bringen. Denn dafür brauche es viel Einsatzbereitschaft. „Leidenschaft ist erst einmal also weder fördernd noch behindernd. Man muss differenzieren. Hinter der emotionalen Komponente muss eine betriebswirtschaftliche stehen.“

Heute macht der Ersatzteilhandel 80 Prozent des Umsatzes aus. Die Teile für historische, meist englische Fahrzeuge findet er in Großbritannien. Seltene Stücke, die auch weltweit kaum oder gar nicht mehr aufzutreiben sind, lässt Keding in Deutschland nachfertigen. „Drumherum kommen mittlerweile immer mehr Dienstleistungen dazu, die wir mit anbieten“, sagt er. Ein Netzwerk aus Firmen der Automobilindustrie – Lackierer, Werkstätten, Motorenbauer – gehört dazu, das Keding im Kundenauftrag mit ins Boot nimmt, etwa bei Fahrzeugrestaurierungen. Nicht selten werden Menschen von der Liebe zu einem alten Fahrzeug übermannt und schlagen spontan zu – ohne tiefere Kenntnis von Autos zu haben. „Eines Tages stand jemand vor der Tür und sagte: ‚Ich brauche ein paar Kleinteile‘. Dann habe ich mir den Wagen angeschaut und musste sagen: ‚Sie brauchen keine Kleinteile, Sie brauchen eine Restauration. Der Wagen ist so nicht verkehrssicher.‘“

Solche Leidenschaft kann anstecken. Aber letztlich gibt es viele gute Gründe, um ein Unternehmen ins Leben zu rufen. Leidenschaft ist nur einer. Die beiden Aachener Zahir Dehnadi und Bahman Nedaei haben ihre Branche bewusst leidenschaftslos gesucht. Statt die x-te Softwareschmiede für Computerspiele zu starten, haben sie den Internetmarkt analysiert, geschaut, wo eine Lücke, ein offenes Marktsegment sein könnte – und es gefunden: Damenmode in Übergrößen.

Der Schuhtick

Es gibt viele tolle Beispiele für Gründungen, die erfolgreich auf eine Leidenschaft – ob für Tiere, Autos oder auch Klamotten – bauen. Da ist etwa Claudia Kieserling aus München, eine Frau, der Männer einen Schuhtick nachsagen würden. Sie kam auf die Idee, mit ihren Unternehmen Selve ganz individuelle (Luxus-)Damenschuhe herzustellen. Das findet Kundschaft, die Geschäfte des Schuhladens Selve laufen exzellent. Im Grunde gibt es kein Modemagazin, was in diesem Jahr nicht über Selve berichtet hat. Und auch Herren stehen mittlerweile auf Selve – etwa Schauspieler Tom Schilling. Für Experten wie Frank Piller ist Selve ein Musterbeispiel für die erfolgreiche Kombination aus inspirierender Leidenschaft und vorhandenem Markt.

Es gibt natürlich weit mehr von ihnen: Es sind Kaffee-Liebhaber, die auf Märkten den (Genuss-)Durst nach feinstem Espresso stillen. Aber für alle gilt: Auch auf Wochenmärkten oder im Internet muss ein entsprechender Markt für sie da sein – sprich: Bedarf. Denn es gibt ausreichend Beispiele für leidenschaftliche Ideen, die dann nach Firmengründung gescheitert sind – etwa in der Gastronomie wo der Faible fürs Kochen oder Cocktail-Mixen allein nicht reicht. Ja, davon gibt es sogar weit mehr Beispiele als diese „schönen“ Geschichten. Längst nicht alle haben wie Thorsten Keding die Kurve bekommen.

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