AZ App

Energiewende: Kraftwerks-Projekten von Trianel drohen Verluste

Von: Christian Rein
Letzte Aktualisierung:
5533920.jpg
In Schieflage: Das Trianel-Gaskraftwerk in Hamm, das seit 2007 in Betrieb ist, war ein Vorzeigeprojekt. Nun erwarten der Betreiber und die beteiligten Stadtwerke Verluste wegen der Energiewende. Foto: dpa

Aachen/Bochum. Bei den Aachener Stadtwerken (Stawag) ist das Selbstbewusstsein groß. Als „Vorreiter der Energiewende“ bezeichnet Vorstand Peter Asmuth das kommunale Unternehmen, und zumindest für den Kreis der deutschen Stadtwerke mag das stimmen. Die Stawag investiert kräftig, um ihr Portfolio auszubauen – besonders im Bereich Windenergie.

Bis zum Jahr 2020 sollen rund 60 Prozent der von der Stawag abgesetzten Strommenge aus erneuerbaren Energien stammen. Doch auch bei der Stawag schrillen derzeit die Alarmglocken. Wegen der Energiewende wird das Unternehmen „nach heutigen Schätzungen“, wie es heißt, „ab 2013 einen heftigen Verlust im gesamten Bereich der konventionellen Erzeugung machen, der bei weit über zehn Millionen Euro liegen könnte“.

Eine genaue Zahl werde am Jahresende vorliegen. Denn durch den schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien und die bevorzugte Einspeisung von Ökostrom werden Kohle und Gas schlicht aus dem Markt gedrängt (siehe unten).

Schon im Jahr 2012 hat das schwache Abschneiden im konventionellen Bereich das „sehr gute“ Gesamtergebnis, wie es Stawag-Vorstandskollege Christian Becker gegenüber unserer Zeitung wertet, geschmälert. In der Summe hat die Stawag im vergangenen Jahr 20 Millionen Euro erwirtschaftet, zuzüglich 15,5 Millionen Euro an Konzessionsabgaben. Es hätte noch besser ausfallen können, aber „Rückstellungen, die vor allen Dingen aus dem fossilen Erzeugungsbereich resultieren“ hätten das Ergebnis gemindert.

Problematischer Rekord

Andere Stadtwerke, denen es wirtschaftlich nicht so gut geht, kommen durch die Schwierigkeiten im konventionellen Bereich sogar in echte Bedrängnis. Bei den Stadtwerken Bochum sind beispielsweise Berater eingezogen, die Richtmarken („Benchmarks“) festlegen, die Auslagerung von Leistungen prüfen und Sparvorschläge machen. Um fünf Millionen Euro soll der jährliche Aufwand schrumpfen. Auf Dauer werde auch der Personalstand sinken; derzeit sind dort rund 750 Menschen beschäftigt. „Wir schmeißen aber keinen raus“, sagt Bernd Wilmert, Geschäftsführer der Stadtwerke Bochum.

Es ist schon paradox: Einerseits findet der Ausbau der erneuerbaren Energien in Rekordgeschwindigkeit statt. Mitte April wurde in Deutschland so viel Wind- und Solarstrom erzeugt, wie noch nie. An einem Tag, dem 18. April, war es zeitweise sogar die Leistung von 26 Atomkraftwerken. Im Jahr 2020 soll der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromversorgung 35 Prozent betragen. Die Zielmarke wird wohl locker erreicht werden. Auch ein Anteil von 80 Prozent im Jahr 2050 scheint nicht mehr utopisch. Wer will da an der Energiewende zweifeln?

Andererseits wird diese – eigentlich positive – Entwicklung zunehmend zum Problem. Erneuerbare Energien haben Vorrang bei der Einspeisung, so ist es im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) festgelegt. Weil nun aber sehr schnell immer mehr Ökostrom eingespeist wird, verdrängen die erneuerbaren Energien nicht mehr nur in Spitzenzeiten wie mittags den Einsatz von Gas- und Kohlestrom. Trotzdem werden die konventionellen Kraftwerke zumindest vorerst weiter gebraucht, um die Schwankungen bei den erneuerbaren Energien auszugleichen.

Die Krux daran: Gas- und Kohlekraftwerke können nicht schnell herunter- und wieder angefahren werden. Sie bleiben also am Netz und produzieren Strom, der immer häufiger gar nicht gebraucht wird und deshalb auch nichts wert ist. Der Preis für den Strom aus Kohle- und Gaskraftwerken im Großhandel fällt, und am Ende machen die Kraftwerksbetreiber Verluste, weil sie ihre Kosten nicht mehr decken können. Grundsätzlich gilt das für die gesamte Branche. Die Kleinen trifft es aber besonders hart.

Die Aachener Stawag und die Stadtwerke Bochum sind beide an zwei Kraftwerksprojekten des Stadtwerkeverbunds Trianel beteiligt: dem Gaskraftwerk in Hamm, das bereits seit 2007 läuft, und dem Steinkohlekraftwerk in Lünen, das zum Jahresende ans Netz gehen soll. Das Gaskraftwerk in Hamm war ein Vorzeigeprojekt. Der Gedanke dahinter: Nach dem (noch von Rot-Grün beschlossenen) Atomausstieg werden konventionelle Kraftwerke als Brückentechnologie gebraucht. Zudem verbesserten moderne Kraftwerke die – allerdings immer noch sehr schlechte – CO2-Bilanz von Gas- und Kohlestrom. Der Bochumer Stadtwerke-Chef Wilmert, der auch Aufsichtsratsvorsitzender bei Trianel ist, schwärmt: „Ein topmodernes Kraftwerk, noch zu günstigen Konditionen gebaut.“

Wilmert rechnet für das Gaskraftwerk – anders als die Stawag – erst ab 2014 und nicht schon 2013 mit roten Zahlen. Die drohenden Verluste beziffert er insgesamt auf 25 bis 45 Millionen Euro jährlich, von denen auch etliche an den beteiligten Stadtwerken in Aachen und Bochum hängen bleiben. Die Stawag weist allerdings darauf hin, dass berücksichtigt werden müsse, dass mit dem Gaskraftwerk seit 2007 „sehr gute Ergebnisse in Millionenhöhe“ erzielt worden seien, „die wir an die Stadt Aachen abgeführt haben“. In der Aachener Trianel-Zentrale werden die Angaben grundsätzlich bestätigt. Die genaue Höhe der Verluste sei aber von der zukünftigen Marktentwicklung abhängig, heißt es gegenüber unserer Zeitung.

Das 1,4 Milliarden Euro teure Steinkohlekraftwerk in Lünen wird schon von der ersten produzierten Kilowattstunde Strom an zum Millionengrab. Nach Angaben von Trianel ist „auf Vollkostenbasis“, also unter Berücksichtigung der Finanzierungskosten, im ersten Betriebsjahr 2014 mit einem noch höheren Verlust als beim Gaskraftwerk Hamm zu rechnen, also mit einer Summe über dem mittleren zweistelligen Millionenbereich. Wilmert stellt sich für das Projekt sogar bis 2020 auf rote Zahlen ein.

Neues Energiemarkt-Modell

Hätte diese Entwicklung verhindert werden können? „Die gesamte Politik hat uns ermuntert, in konventionelle Brückentechnologie zu investieren. Und jetzt stehen wir vor dramatischen Problemen“, sagt Wilmert enttäuscht. Schon lange wird in der Branche über ein neues Energiemarkt-Modell diskutiert, das „modernen Kraftwerken eine Grundlage für den wirtschaftlichen Betrieb“ geben soll, wie die Stawag sagt. Doch die Politik hat die Weichen dafür nicht gestellt und wird das wohl so schnell auch nicht tun. „Wir gehen nicht davon aus, dass noch vor der Bundestagswahl wegweisende energiepolitische Entscheidungen getroffen werden“, heißt es nüchtern aus der Trianel-Zentrale.

Nach der Wahl im September müsse das Thema Priorität haben, fordern Stawag, Stadtwerke Bochum und Trianel stellvertretend für die gesamte Branche. „Insbesondere Stadtwerke, die schon seit Jahren im Bereich der Energiewende aktiv sind, sich für den Ausbau der erneuerbaren Energien und einen umweltfreundlichen, neuen Kraftwerkspark einsetzen und dort investieren, dürfen nun nicht benachteiligt werden“, sagt Stawag-Vorstand Asmuth.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.